Der Sarg

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2013, Übersetzt: Nicole Engeln

Couch-Wertung:

55°
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Brigitte Grahl
Die Umsetzung kann mit der tollen Idee nicht mithalten

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Jan 2013

Arno Strobel gehört zu den neuen Erfolgsautoren des deutschen Krimis. Er wird immer wieder mit seinem Kollegen Sebastian Fitzek verglichen, weil beide ein Gespür für interessante und ausgefallene Plots haben. Aber während es Fitzek versteht, so spannend zu schreiben, dass man bereit ist, über die Logiklöcher hinwegzusehen, hapert es bei Arno Strobel trotz aufregender Ausgangsideen noch mit der ebenso spannenden Umsetzung. "Hochspannung pur" wirbt der Buchaufkleber auf Der Sarg herausgekommen ist eine verdünnte Lösung.

Eva Rossbach wacht mitten in der Nacht auf und befindet sich in einem Sarg. Voller Panik versucht sie sich zu befreien. Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie in ihrem Bett. Ihr Körper schmerzt und ist zerschunden. Hatte sie nur einen lebhaften Traum? Aber der Alptraum wiederholt sich und in Köln wird eine tote Frau gefunden - lebendig begraben. Es ist ihre Halbschwester. Den ermittelnden Kommissaren Bernd Menkhoff und Jutta Reithöfer verheimlicht Eva anfangs den Alptraum, um nicht als verrückt zu gelten. Aber als sie im eigenen Haus mysteriöse Nachrichten findet, wird ihr klar, dass sie nicht träumt. Irgendjemand will sie in den Wahnsinn treiben und vielleicht sogar töten. Die Ermittler kommen einer unglaublichen Familiengeschichte auf die Spur.

 

Eva erwachte in vollkommener Dunkelheit. Ihr träges Bewusstsein tastete sich vor, versuchte sich zu orientieren. Sie konnte nicht einordnen, was diese Schwäche zu bedeuten hatte. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie die Augen vielleicht noch gar nicht geöffnet hatte, und blinzelte zwei-, dreimal, doch die schwarze Wand blieb undurchdringbar. In ihrem Schlafzimmer gab es einige Stellen, an denen ihr Blick sich festhalten konnte, wenn sie nachts aufwachte. & Sie waren wichtig, diese Punkte. Sie waren beruhigend, sie fehlten.

 

Arno Strobel steigt mit einer packenden, starken Szene ein. Lebendig begraben zu sein, das ist eine Urangst des Menschen und es gelingt ihm, dem Leser zu vermitteln, wie sich das anfühlt. Leider fehlt den anderen Passagen diese Sinnlichkeit und Atmosphäre, der übrige Text besteht fast ausschließlich aus Dialogen und Handlungsbeschreibungen. Das Buch hat (bei 384 Seiten) 52 Kapitel und jedes wechselt die Erzählperspektive. Das unterbricht ständig den Erzählfluss, bremst die Spannung aus und lässt dem Leser keine Zeit, die Figuren kennenzulernen und sich in die Situationen einzufühlen.

Ein entscheidendes Manko sind die Figuren bei Arno Strobel. Obwohl Kommissar Menkhoff schon in Strobels zweitem Buch Das Wesen eine Hauptperson war, gewinnt er in Der Sarg kein Profil und seine behaupteten Leiden lassen den Leser ebenso kalt wie die der Opfer. Weder die Haupt-, noch die Nebenfiguren haben "Fleisch" und entwickeln ein Eigenleben. Besonders die vielen Nebenfiguren wirken nicht lebendig, sondern flach und funktional. Sie dienen dazu, Leser und Ermittler auf falsche Fährten zu führen und /oder Fakten zu übermitteln. Das machen zwar auch die Spitzenautoren des Krimigenres, aber sie machen es wesentlich eleganter als Arno Strobel. Fast jede der vielen Figur hat heimliche Querverbindungen zu einer anderen. Dem zu folgen ist eher anstrengend und verwirrend als spannend.

Ein weiterer Schwachpunkt sind Arno Strobels Dialoge. Sie wirken oft hölzern und nicht lebensecht.

 

"Guten Abend, Eva. Ich bin froh, Dich wohlauf zu sehen.&. Meine Sorge war also berechtigt. Aber was fehlt dir denn, Eva?".

 

Sprachlich unterscheiden sich nur wenige Figuren und die Sprache weckt über weite Stellen keine emotionale Anteilnahme.

Nach einem starken Beginn und einem durchschnittlichen Mittelteil zieht die Spannung am Ende wieder an. Allerdings enttäuscht Arno Strobel, indem er bei der Auflösung zu der plumpen "Der Kommissar"-Methode greift: Der Täter erklärt sich und sein Vorgehen wortreich, damit auch wirklich jeder Leser das vorherige Geschehen verstanden hat. Das wäre gar nicht nötig, denn im Großen und Ganzen hat Arno Strobel die ausgefallene Geschichte logisch entwickelt und er gibt dem Leser genug Hinweise, die ihn selbst zur Lösung führen können. Wie man das gleiche Thema raffinierter umsetzt, hat zum Beispiel Belinda Bauer mit Der Beschützer vorgemacht.

Als Psychothriller, aus der Sicht der Protagonistin geschrieben, wäre Der Sarg vielleicht ein Volltreffer geworden, aber Arno Strobel wechselt immer wieder in die Ermittlungsarbeit und dann ist Der Sarg ein klassischer, recht biederer Krimi. Überzeugende Charaktere, gute Dialoge und ein ansteigender Spannungsbogen daran mangelt es dem vierten Krimi von Arno Strobel. Trotz aller Schwächen steckt in Arno Strobels Werk viel Potential. Der Autor besitzt das dramaturgische Rüstzeug und er hat ein Händchen für tolle Stoffe. Ihm fehlt (noch?) die Virtuosität, um lebendige Charaktere und Dialoge zu kreieren. Seine Bücher sind aber schon jetzt handwerklich solide und unterhaltsam genug geschrieben, um sich erfolgreich zu verkaufen.

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