Der König von Rom

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Turin: Einaudi, 2012, Titel: 'Io sono il Libanese', Seiten: 131, Originalsprache
  • Wien: Folio, 2013, Seiten: 180, Übersetzt: Karin Fleischanderl & Tobias Gohlis

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Jochen König
Libaneses Lehrjahre

Buch-Rezension von Jochen König Dez 2012

Der König von Rom ist eine Art Prequel von Giancarlo De Cataldos voluminösem Romanzo Criminale. Auf rund 150 Seiten beschreibt De Cataldo die ersten holprigen Versuche des namenlosen Libanesen und seiner Freunde, Fuß zu fassen in der italienischen Welt des Verbrechens und der lukrativen Geschäfte. Libanese weiß schon früh, wohin die Reise gehen soll. Den richtigen Leuten einen Gefallen tun, beobachten und lernen; unwichtige und lästige Zeitgenossen in die Schranken verweisen; und wenn ein Mord gut ist für’s Wohlbefinden, wen kümmert das Opfer? So lange es niemand ist, der in der Hierarchie des organisierten Verbrechens eine Position innehat, die ihn momentan unantastbar macht. Die Zeit für Libanesen und seine Verbündete wird kommen.

Noch ist Libanese nicht Der König von Rom, er arbeitet aber daran. 300 Millionen Lire (nach heutigen Maßstäben etwa 350 000 – 400 000 €) braucht er, um ins Drogengeschäft einzusteigen. Denn im Drogenhandel liegt das große Geld. Und damit verbunden die Macht. Nicht nur über Rom. Also spielt Libanese Poker, wettet auf Pferde, klaut, betätigt sich als Dealer der Großbourgeoisie, die ihm Dank seiner Geliebten Giada bereitwillig die Pforten öffnet. Aber das Geld langt nicht. Also wird eine Entführung geplant. Neben dem Drogenhandel ein weiterer florierender Geschäftszweig, nicht nur in Italien. Doch es gibt Unwägbarkeiten, Fallstricke. Egal, Libanese schaut genau hin und lernt auch aus Fehlschlägen. Am Ende steht ein überraschender Mord, der die Hierarchie der Mafia durcheinanderwirbelt. Libanese wird’s zu nutzen wissen.

Die Welt als Selbstbedienungsladen. Kühl und analytisch beschreibt De Cataldo die Lehrjahre seines Protagonisten. Auch wenn mit Giada eine starke Frauenfigur die Bühne betritt, verliert Libanese nie seinen Erfolgsplan aus den Augen. Mag es auch wanken und schwanken und überkochende Emotionen für Umwege sorgen, das Ziel bleibt klar bestehen. Kalif werden anstelle des Kalifen. Oder besser: Der Kalifen. Denn Libanese ist kein Einzelgänger, sondern Teil einer ambitionierten Gruppe ohne Moral und Skrupel.

Gefühlsduseligen Ergüssen abhold, gelingt es DeCataldo durch seine karge, deskriptive Schilderung einerseits Sympathien für seine machtgierigen "Helden" zu wecken, andererseits darzulegen, dass das Verbrechen ein Geschäftszweig ist wie jeder andere, der sich nicht um Ethik und gesellschaftliche Anerkennung kehrt. Libanese stellt dauernd Kosten- und Nutzen-Rechnungen auf. Ein moderner Planer, der aus seinen Fehlern lernt, zumindest lernen möchte. Wenn nicht gelegentlich überbordende Gefühle und irrationale Handlungen im Weg stünden, wäre der Aufstieg ein Klacks. Doch einfach ist es nie, und diese Lektion hat Libanese verinnerlicht. Alles andere ist eine Zeitfrage.

Unter anderen Vorzeichen wäre Libanese der perfekte Vorsitzende einer multinationalen Gesellschaft oder einer Bank. Ein Mann mit Visionen und der skrupellosen Energie alles dafür zu tun, sie umgesetzt zu sehen. Und wenn danach der Untergang kommt.

Kein Polizist, kein hartnäckiger Ermittler kommt Libanese und seiner Gang in die Quere. Vorkommende Probleme sind hausgemacht. Den Kleinkriminellen spielt natürlich die Historie in die Hände: Während die Roten Brigaden und ihre Unterstützer mit voller Polizeigewalt gejagt werden, lassen sich für engagierte Kriminelle auch stümperhafte Verbrechen ohne großartige Gefahr der Strafverfolgung begehen.

Gerade die Nüchternheit des Stils, die knappen Dialoge, eher Handlungsanweisungen gleich als interaktiver Kommunikation, machen De Cataldos Prosa so ein- und nachdrücklich. Es klingt fast wie Reportagen vom Tatort. Aus der Geschäftszentrale. Wenn nicht Libanese in seinen eigenen Erzählmomenten abschweifen dürfte und darüber sogar mal die sorgsam gehegte Contenance verliert. Das menschliche Antlitz des Verbrechens. Kein schönes.

Leider leidet Der König von Rom unter seiner Bearbeitung. Die Übersetzung ist über weite Strecken sozialverträglich. Doch wo sie daneben geht (oder ist das bereits im Original eine sprachliche Katastrophe?), landet sie dermaßen im Abseits, dass man nur den fehlgeleiteten Wunsch nach Originalität dahinter vermuten kann. Da "vertschüssen" sich Menschen, eine "Goldmiene" (Lektor, wo bist du gewesen?) wird verortet, jemand ist "eingeraucht" (Tabak oder Dope), und Libanese hat sich als Kind "angemacht" (ich vermute, das bedeutet im gewählten Zusammenhang "eingenässt"). Zu schade und unnötig. Doch das hat Libanese schnell gelernt: Wo Ambition vorhanden ist, sind Fehler nicht fern. Gilt: Draus lernen und besser machen.

Derartige Holprigkeiten sollten aber nicht von der Lektüre eines klarsichtigen Buches über die Gesellschaft im Schatten abhalten. Der Gewinn an Wissen ist größer als die Trauer über die gelegentliche sprachliche Inkontinenz.

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