Tödliches Experiment

Erschienen: Januar 1985

Bibliographische Angaben

  • Wien; Hamburg: Zsolnay, 1985, Titel: 'Köpfe', Seiten: 244, Übersetzt: Manfred Jeitler
  • Bielefeld: Pendragon, 2013, Seiten: 280, Übersetzt: ?
  • München: Droemer Knaur, 1986, Titel: 'Köpfe', Seiten: 244

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Jochen König
Hold your head up high, And this pain will die

Rezension von Jochen König Dez 2012

Aus der Wildnis in die hygienische Kälte der Zivilisation. So zumindest der Eindruck, wenn man Tödliches Experiment (mit dem passenderen Originaltitel Heads, der allerdings einiges vom Inhalt verrät. Die Zeichentrick-Serie "Futurama" des "The Simpsons"-Schöpfers Matt Groening macht Jahre später einen gelungenen Running Gag aus der medizinischen Grundidee) mit David Osborns wohl bekanntestem Roman Jagdzeit vergleicht. Das existenzialistische (Thriller)-Drama hat sich aus dem schmutzigen Hinterland der Seele in den klinisch reinen Komplex einer medizinischen Forschungseinrichtung verlagert.

Neurobiologin Susan McCullough lebt glücklich mit dem angesehenen Gehirnforscher John Fleming zusammen. In der Ferne läuten bereits die Hochzeitsglocken. Dann zerstört ein schrecklicher Autounfall die Idylle. Nach einer Zeit der Trauer beginnt Susan die Arbeit in einem großen Forschungszentrum, deren Leiter erst ein guter Freund, später weit mehr ist.

Die herausfordernde Arbeit und die neue Liebe scheinen das perfekte Trostpflaster zu sein. Bis Susan sich in einen geheimen Bereich des riesigen Gebäudes verirrt und eine schreckliche Entdeckung macht, die das Leben aller Beteiligten verändern wird. Wobei die Definition von "Leben" für einige Probanden erst ausdiskutiert werden müsste.

Von Beginn an stellt Tödliches Experiment klar, dass es nicht um Ärzte ohne Grenzen, sondern Ärzte ohne Skrupel geht. Vom Tode bedrohte Patienten bekommen scheinbar eine zweite Chance. Sie müssen lediglich eine Verzichtserklärung unterschreiben, die ein Zusammentreffen mit allen Menschen ihres bisherigen Lebens untersagt. Außerdem müssen sie ihr Schicksal in die Hände der Borg-Harrison-Stiftung, unter der Leitung Admiral Burnleighs und diverser ehrgeiziger Ärzte, legen. Dem Leser schwant alsbald, dass dies keine gute Idee ist. Und natürlich wird diese Ahnung bestätigt, sogar verstärkt, wenn sich herausstellt, dass nicht alle Patienten die Verfügung bei vollem Bewusstsein unterschrieben haben oder gar nicht so todkrank waren, dass sie überhaupt für die Forschungsstation in Frage gekommen wären.

Koma von Robin Cook, bzw. die weit populärere Verfilmung des Stoffes durch Michael Crichton (mit der fabulösen Genevieve Bujold, Richard Widmark und einem jungen, etwas blassen Michael Douglas in den Hauptrollen) hat ähnliches vorgemacht. Dienten bei Koma Patienten allerdings als organische Wertanlage für gewissenlose Mediziner, beherrscht bei Osborns Roman der ohne Moral und Ethik ausgestattete wissenschaftliche Ehrgeiz das Feld. Dummerweise schlägt das Zwischenmenschliche Kapriolen und emotionale Überreaktionen führen die Idee einer reinen Lehre (und Forschung) im Dienste der Menschheit und potenter Geldgeber von vornherein ad absurdum.

Es dauert gut hundert Seiten bis Tödliches Experiment beim gewählten Thema anlangt und erfolgreich versucht, daraus Spannung zu ziehen. Vorher werden die handelnden Personen ausführlich vorgestellt und alle mehr oder minder obskuren Beziehungsgeflechte angerissen. Mit der nüchternen und gleichzeitig intensiven Schilderung vom Unfallhergang, der Susan McCulloughs und John Flemmings neckische Partnerschaft irreparabel zerstört, gelingt David Osborn ein kleines Meisterstück, ansonsten plätschert der lange Einstieg auf dem gehobenen Niveau diverser Krankenhaus-Soaps, angereichert mit kleinen Sex-Einlagen, gleichmäßig und wenig aufregend dahin. Macht sich als einlullender Prolog zur ungleich dramatischeren zweiten Hälfte ganz gut.

Hier erleben wir, vorm Hintergrund einer maßlosen Idee, den altbekannten Aufstand einzelner Redlicher gegen ein unmenschliches System. Spannungstechnisch kann die Geschichte, besonders zum Finale hin, überzeugen, hält gar ein paar fiese Sp(r)itzen und Pointen parat, bevor es mit dem Schlaf der Gerechten endet.

Doch als ernsthafte Auseinandersetzung mit einer Medizin, die ihren hippokratischen Eid aus den Augen verloren hat, taugt der Roman wenig. Zu klar ist die Verteilung der Sympathien, die Formelhaftigkeit. Mad Scientists auf der einen Seite, hin- und herschwankende Unsicherheitsfaktoren in der Mitte, die Aufrechten auf der anderen. Es bewegt sich nichts, die Fronten sind klar abgesteckt, die lauernden Untiefen werden durch Nichtbeachtung umschippert, es herrscht der reine (Geschlechter)kampf vor einer denkenden Kulisse, die ihren Ursprung zwischen dem Horror Mary Shelleys und Grindhouse-Science-Fiction hat.

Dies zu händeln, beherrscht David Osborn allerdings. Seine Protagonisten sind hohle, libidogesteuerte Kreaturen, die sich in einem System bewegen, das Defizite aufsaugt, um sie großsprecherisch als Gewinn zu verkaufen. Eine Welt ohne Werte, der es an Alternativen mangelt. Die gefühlsduselige Susan McCullough ist jedenfalls keine, obwohl sie sich achtbar schlägt. Im Vorbeigehen gibt es noch ein paar Lektionen in Macht und Ohnmacht und der Sinnlosigkeit des Aufbegehrens, wenn die Druckmittel fehlen. In dieser Beziehung macht Osborn keine Gefangenen, auch wenn ihm anderweitig die Galeerenbesatzung etwas aus dem Ruder läuft.

An die konsequente, düstere Ge(ent)schlossenheit von Jagdzeit ragt Tödliches Experiment auf keiner Seite heran. Ebenso wenig taugt der Roman als ernsthafte Auseinandersetzung mit einer menschenverachtenden medizinischen Forschung. Als fieser, zum Ende hin ziemlich spannender Horror/Science-Fiction-Thriller mit etlichen Widerhaken, weiß das kleine, grindige Werk indes zu gefallen.

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