Airframe
- Blessing
- Erschienen: Januar 1997
- 6
- New York: Knopf, 1996, Titel: 'Airframe', Seiten: 351, Originalsprache
- München: Blessing, 1997, Seiten: 443, Übersetzt: Klaus Berr
- München: Goldmann, 1999, Seiten: 411
- München: Goldmann, 2003, Seiten: 411
- München: Goldmann, 2005, Seiten: 411


Geschäfte und Schlagzeilen - die neuen Werte.
Die US-Firma Norton stellt seit Jahrzehnten zuverlässige Passagier- und Frachtflugzeuge her. Konkurrenz- und Preisdruck sorgen seit einigen Jahren für bedenkliche Bilanzen. Tatsächlich steht Norton vor dem Aus, sollte aktuell ein Großauftrag aus China noch platzen.
Negative Schlagzeilen sind im Umfeld der Vertragsverhandlungen pures Gift. Deshalb sorgt genau so ein Vorfall für Entsetzen: Flug TPA 545 gerät hoch über dem Pazifik außer Kontrolle. Mehrfach bäumt sich die Maschine auf und geht dann in einen steilen Sturzflug über. Als endlich wieder Ruhe einkehrt, sind drei Passagiere tot und mehr als sechzig schwer verletzt.
Sie befanden sich an Bord einer Maschine, die von Norton hergestellt wurde. Katherine „Casey“ Singleton, gerade zur Leiterin der Fertigungskontrolle ernannt, steht vor ihrer ersten Bewährungsprobe. War ein technischer Defekt oder womöglich ein Konstruktionsfehler für den Zwischenfall verantwortlich? Die Firma steht unter massivem Druck. Nicht nur die Chinesen, auch andere Kunden drohen abzuspringen, und die Medien sind unerbittlich.
Die internen Untersuchungen sind kompliziert. Es gibt nur schwache Indizien, die aufwändig ausgewertet und nachgeprüft werden müssen. Hinzu mehren sich für Casey die Hinweise auf undurchsichtige Machenschaften innerhalb der Firmenleitung. Sie soll abwiegeln, aber vor allem ihren Kopf hinhalten. Was ist wirklich geschehen an Bord von Flug 545? Die Wahrheit soll offensichtlich geheim bleiben, weshalb nicht nur Caseys Karriere, sondern auch ihr Leben in Gefahr gerät ...
Erschreckend hellsichtiger Thriller
Es lohnt sich stets, die „Bestseller“ der jeweiligen Saison eine Weile ruhen und reifen zu lassen = sie erst einmal zu ignorieren: Was von der Werbung ursprünglich aggressiv als „Meisterwerk“ angepriesen und massenhaft in jenen Supermarkt-Filialen verklappt wurde, zu denen die Buchläden degeneriert sind, muss und kann sich irgendwann einer objektiven Bewertung stellen. Wenn das Getöse von gestern dann durch die Erkenntnis ersetzt wird, dass tatsächlich ein lektürewertes Werk vorliegt, sind Erstaunen und Freude groß.
„Airframe“ gehört zu jenen Romanen von Michael Crichton (1942-2008), die nicht ständig neu veröffentlicht werden, sondern vom (deutschen) Buchmarkt verschwunden sind. Das überrascht, denn von diesem Autor stammen u. a. Welterfolge wie „The Andromeda Strain“ (1969; dt. „Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All“), „Jurassic Park“ (1990) bzw. „The Lost World“ (1995) oder „Timeline“ (1999), die zudem sämtlich verfilmt wurden. Dies gilt für weitere Werke von und nach Crichton, aber nicht für „Airframe“. Dafür gibt es durchaus Gründe.
Eine typische Crichton-Schwäche macht sich erneut bemerkbar: Seine Figuren weisen die Profiltiefe einer Papiertischdecke auf. Das schließt die ‚Heldin‘ Casey Singleton keineswegs aus. In ihre Rolle könnte problemlos auch ein Mann schlüpfen. Charaktereigenschaften werden angetackert. Bösewichte sind bei Crichton erst recht als solche erkennbar, weshalb wir quasi von Anfang an wissen, wer welchem Lager zuzuordnen ist. In Gier umgeschlagener Ehrgeiz ist stets die Wurzel allen Übels, wobei Crichton jedoch zugestanden werden muss, dass er dieses Stereotyp mit Glaubwürdigkeit füllt; dazu weiter unten mehr.
Es gibt mehrere Botschaften
Die Flachgründigkeit ist von sekundärer Bedeutung, weil die Figuren ohnehin nur dem Zweck dienen, eine Handlung voranzutragen, die für den Verfasser im Vordergrund steht. Crichton griff für seine Romane gern auf zeitaktuelle Strömungen zurück. „Airframe“ ist sein Blick auf ein Phänomen, das er in seiner Bedeutung und Brisanz erkannt hatte: Die US-Industrie begann sich in den 1990er Jahren von ihren Qualitätsstandards zu verabschieden. Bisher war viel Geld in Entwicklung und Tests neuer Produkte wie eben Flugzeuge geflossen, bevor sie für den Alltagsverkehr freigegeben wurden. Wer sie dort nutzte, konnte sich auf sie verlassen.
Doch der Anspruch von „Made in ...“ wurde zum Hindernis in einer Ära, die den Profit über alles setzte. Crichton beschreibt am Beispiel der fiktiven Norton-Werke, wie Sicherheitsmargen stetig abgesenkt, Personal- und Wartungskosten eingespart oder minderwertige, gefälschte Teile verbaut werden. Das daraus resultierende Risiko wird von großen Konzernen bewusst in Kauf genommen; es ist billiger, Entschädigungen zu zahlen, sollte es zu einem pfuschbedingten ‚Unfall‘ kommen. Das System ist auf der Seite derjenigen, die sich teure Anwälte leisten können. Auch hier sorgt Crichton für eine deprimierende Lektion, wenn er einen dieser Anwälte ein entsprechendes Verfahren exemplarisch aufdröseln lässt.
„Andromeda“ ist darüber hinaus eine Warnung vor Medien, die ihre Informationspflicht durch ein auf Negativschlagzeilen = Sensationen fokussiertes „Infotainment“ ersetzt haben. Auch hier ist Crichton deutlich, wenn er die Mechanismen eines einschlägigen Senders vor- und bloßstellt. Fakten sind zu Bausteinen einer ‚Berichterstattung‘ geworden, die auf Vorurteile und Emotionen setzt, weil damit ein größeres Publikum = eine werberelevante Mehrheit angezogen wird, die Manipulation entweder nicht erkennt oder die ‚aufgepeppte‘ Als-ob-Nachricht der oft komplexen, eben nicht in Stichworten darzulegenden und deshalb Mitdenken fordernden Wahrheit vorzieht. In diesem Zusammenhang sorgt Crichton für eine einerseits generische, andererseits gnadenlose Sachlichkeit; er legt dar, wie schwierig es ist, sich einer ‚Berichterstattung‘ zu entziehen, deren Darstellungsergebnis schon vor einer ‚Recherche‘ feststeht, die primär auf die Freigabe durch Anwälte zielt.
Was in der Luft geschah ...
... ist nur der Auslöser von Ereignissen, die Crichton auf die Essenz des Wissenschafts-Thrillers konzentriert. Das dürfte nicht nur denen Schwierigkeiten bereitet haben, die für dieses Buch die Werbetrommeln rührten. Flug 545 landet, und von da an bleibt die Handlung nicht nur erdgebunden: Crichton geht dem Problem sachanalytisch auf den Grund - und wir Leser sollen (oder müssen) ihm folgen.
Faktisch erhalten wir einen Crashkurs in Sachen Flugsicherheit, was eine Welle aus Physik und Technik erzeugt, die uns zwingt, den Kopf über Wasser zu halten. Crichton überfordert nicht grund- oder gar vorsätzlich; sind komplizierte Zusammenhänge zu erläutern, taucht zuverlässig ein Unwissender auf, dem diese ausführlich erklärt werden. Nichtsdestotrotz erwartet der Autor die Akzeptanz einer Spannung, die zum Beispiel aus der Suche nach einem winzigen Bauteil entspringt, das kryptische Messwerte aufgefangen hat. Die müssen dann im Wettlauf mit der Zeit entschlüsselt werden.
Das mögen viele Leser als dröge empfinden. Crichton selbst scheint sich seiner Sache nicht sicher gewesen zu sein (oder wurde vom Verlag ins Gebet genommen). Deshalb fügte er einige generische Szenen ein, die „Spannung“ suggerieren sollen, aber nur aufgesetzt und überflüssig wirken: So schleicht sich Casey mehrfach in die Fertigungshalle, in der aufgebrachte Arbeiter herrschen und Bürohengste mit blanker Faust oder angeschnittenen Schwerlast-Seilsicherung auf sie warten. Letztlich ist „Airframe“ ein „theoretisch“ fund(ament)ierter Thriller, und auf diesem Niveau leistet Crichton gute Arbeit. Die fast vollständige Abwesenheit emotionaler Klischees (vor allem in Gestalt handlungsirrelevanter Liebeständeleien) ist ein zusätzlicher Bonus.
Fazit
„Airframe“ ist ein auf Fakten gegründeter Thriller, der ungeachtet seines Alters seine inhaltliche Relevanz behalten hat. Nicht Standard-Gefühlsduselei, sondern eine sauber recherchierte und dargelegte Ereigniskette sorgt für eine Handlung, die ihre Spannung aus altbekannter, modern gern verdrängter Menschenschwäche bezieht.

Michael Crichton, Blessing

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