Love@Miriam

  • Bookspot
  • Erschienen: Januar 2012
  • München: Bookspot, 2012, Originalsprache
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Silke Wronkowski
78°

Krimi-Couch Rezension von Silke Wronkowski Dez 2012

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die Leiden schafft.

Harry liebt Miriam. Harry ist mit Miriam zusammen, alles wirkt harmonisch. Dann wird Harrys Vater krank. Harry kann damit nicht umgehen, zuzusehen wie sein Vater sich zu einem Fremden entwickelt, einem Kleinkind gleich, dement, Alzheimer, ein Pflegefall. Miriam leidet mit ihm und seiner Mutter, kümmert sich um die Familie. Harry völlig überfordert mit der Situation haut ab, reist ein paar Wochen ziellos quer durchs Land, während zuhause fieberhaft in den Medien nach ihm gesucht wird ("Ich war richtig berühmt zu der Zeit!").Harrys Vater stirbt schließlich. Miriam verlässt Harry.

Miriam liebt Ben. Harry liebt immer noch Miriam. Harry hasst Ben. Alle drei sind bei Facebook. Und dann bringt Harry Ben um.

Harry Weingarten arbeitet in einer Firma, die Kopierer verkauft und Druckerpatronen auffüllt. Er lebt in einem kleinen Appartement in Wiesbaden, treibt regelmäßig Sport und versteht sich mehr schlecht als recht mit seiner Mutter. Das ist auch schon alles, was es zu Christiane Geldmachers Protagonisten zu sagen gibt. Oberflächlich betrachtet. Denn seit Miriam ihn verlassen hat, ist nichts mehr mit ihm anzufangen. Freunde von denen es wahrlich nicht viele gibt sagen ihm, er soll sie endlich vergessen. Jeder wisse doch und eben auch Harry selbst, dass er es verbockt habe. Man haut schließlich nicht ohne ein Wort ab und lässt seine Mutter und seine Freundin mit dem pflegebedürftigen, dahinvegetierenden Vater sitzen und vergnügt sich in Europa.

Aber Harry kann Miriam nicht vergessen, seine große Liebe. Sie waren doch so glücklich und er ist schließlich das Beste, was ihr passieren kann. Das weiß Miriam auch. Also & das muss ihr nur noch klar werden. Und weil alle Welt nun bei Facebook vertreten ist, und man dort so interessant sein kann, wie man sich macht, hat Harry auch bald ein Facebook-Profil, sammelt Freunde, Interessen, Likes und Glücksnüsse, bis er sich interessant genug findet, um auch mit Miriam und Ben "befreundet" zu sein. Von da an ist er live dabei, ein Zuschauer in der ersten Reihe ihrer Beziehung.

Miriam kann gar nicht glücklich sein mit Ben. Der ist doch nur ein Blender, das muss Miriam doch klar werden. Jeder Versuch ihr das via Facebook "klar" zu machen, geht nur leider irgendwie nach hinten los. Die beiden Männer fangen an, sich für aller Augen öffentlich anzufeinden, zu konkurrieren. Das Ganze schlägt über auf ihr reales Leben. Nachdem Harry auch noch alte Blogbeiträge von Ben als die seinen ausgibt, eine Klage dafür kassiert, den beiden in Kneipen auflauert und Ben ihn dafür verprügeln lässt, ist in Harrys Welt ganz klar: Der Typ muss weg.
Harry muss die Welt und Miriam von ihm befreien und bringt ihn um. Das ist Hohe Kunst, jemanden umzubringen und nicht erwischt zu werden. Das kann Harry. Und dann steht seinem Glück mit Miriam nichts mehr im Wege. Ist doch alles total logisch.

Eine unerfüllte Liebe schlägt um in Besessenheit. Öffentliches Mobbing, Stalking, bis hin zu einem Mord. Das alles macht in Harrys verletzter Seele mehr als Sinn und ist für ihn völlig normal. Er hat einen USB-Stick mit einem Tagebuch und das ist es, was Christiane Geldmacher uns zu lesen gibt. Fast ein ganzes Jahr lesen wir seine Einträge. Im Stakkato berichtet Harry seinem Tagebuch was passiert, auf der Arbeit, zuhause, bei Mama, mit seinem Freund Nick und natürlich bei Facebook. Er plant seine Tat, er schreibt, wie er sich fühlt, was er alles beachten muss, erzählt von den dummen Polizisten, die ihn verhören, aber nicht fassen können.

Er verliert seinen Job, seine Freunde im richtigen Leben gleichermaßen wie im Internet und inszeniert sich in letzterem selbst. Er ist weder sympathisch, noch annähernd klar und realistisch mit seiner Sicht auf die Welt, die eigentlich ohnehin nur aus Miriam besteht. Und besonders überraschend ist die Entwicklung für den Leser ebenfalls nicht und schon gar nicht für denjenigen, der ebenfalls ein "Facebook-Leben" hat.

Die Autorin weiß das. Verdammter Mist, sie hat uns alle durchschaut. Eine scharfsinnige Studie über eine sozial-antisoziale virtuelle Realität. Die Faszination der Geschichte schleicht sich langsam ran, bis man beim Lesen Harry für völlig bescheuert und sich selbst für erheblich schlauer hält. Dieser durchgeknallte Typ ist doch total krank! Aber leider, wenn man ganz genau hinsieht, muss man sich eingestehen, dass es genau darum geht im sozialen Netzwerk unseres Jahrhunderts: Selbstdarstellung. Und wenn man noch genauer liest, erkennt man sich selbst in diesem kranken Kopf: Das Facebook-Profil eines anderen, eines Fremden, oder gar von jemandem, den man nicht leiden kann, lädt ein sich mit ihm zu vergleichen und sich selbst attraktiver zu machen. Oder auch nur dafür zu halten.
Und irgendwann schleicht sich von ganz weit hinten die Frage heran, auf die Christiane Geldmacher abzielt und die man sich eigentlich gar nie stellen wollte, geschweige denn Zweifel an der Antwort hatte: Bin ich selbst wie Harry? Oh Gott, lass mich nicht wie Harry sein!
Aber fragen sollte man sich. Und es wäre besser, man weiß die Antwort vor der letzten Seite des Buches.

Love@Miriam

Christiane Geldmacher, Bookspot

Love@Miriam

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