Galgenfrist für einen Toten

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • London: Corvus, 2011, Titel: 'The hanging shed', Seiten: 314, Originalsprache
  • Leipzig: Festa, 2013, Seiten: 448, Übersetzt: Usch Kiausch

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Lars Schafft
Scottish Hardboiled

Buch-Rezension von Lars Schafft Dez 2012

Gordon Ferris´ Galgenfrist für einen Toten ist ein kleines Phänomen: schon Bestseller, bevor es auf den Markt kam. Als E-Book nämlich stand es wochenlang beim britischen amazon oben in den Verkaufscharts, freilich begünstigt durch einen konkurrenzlos niedrigen Preis und nicht zu vergessen einem Hammer-Zitat von Val McDermid, die es über den grünen Klee lobte. Das machte so neugierig, dass renommierte Print-Medien wie der Independent oder der Observer den Krimi als gedrucktes Buch überaus positiv besprachen. Laut Daily Mail haben wir es bei Gordon Ferris gar mit einem neuen Ian Rankin zu tun. Das trifft es zwar nicht, dennoch ist Galgenfrist für einen Toten ein großer Wurf und vielversprechender Auftakt für eine neue Serie.

Diese spielt im schottischen Glasgow kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und ihr Protagonist ist Douglas Brodie, D-Day-Veteran. Nach der Rückkehr aus Deutschland, wo er zuletzt Nazis verhört hatte, arbeitet er nun mit Hilfe seines besten Freundes "Johnnie Walker" in London als Kriminalreporter für eine Gazette.

Die Qualifikation dazu hat er allemal: Im Gegensatz zu seiner Jugend-Clique hat er es dank mehrerer Stipendien bis zur Universität und danach in den Dienst der Polizei geschafft, schmiss den Job jedoch wegen moralischer Bedenken und ging zur Armee, um dort in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Aus der zur Last gewordenen Routine holt ihn ein alter Schulfreund, der Brodie um dessen Hilfe bittet. Die dieser dringend benötigen kann, sitzt er doch im Knast und wartet auf seine Hinrichtung wegen Mordes an einem kleinen Jungen. Doch da passt etwas nicht, es fehlt das Motiv, die Beweislage ist mehr als wackelig. Und so begibt sich Brodie, selbst ehemaliger Bulle, in die Unterwelt Glasgows und legt sich dabei nicht nur mit Gangster-Bossen, sondern auch alten Kollegen an. Viel Zeit hat er nicht, um die Unschuld seines Schulfreundes gemeinsam mit dessen Pflichtverteidigerin Sam Campbell zu beweisen...

Gordon Ferris hat trotz anders lautender Rezensionen von den britischen Inseln wenig mit Ian Rankin oder Stuart MacBride zu tun - das ergibt sich allein durch die Zeit, in der seine Brodie-Reihe spielt. Glasgow ist per se dreckiger, vom "Proletariat" und der Montanindustrie viel mehr geprägt als Edinburgh, wo Rankins Rebus-Reihe spielt. Selbst MacBrides Aberdeen ist ein wunderbares Fleckchen Erde dagegen.

Auch hält sich der Humor in Grenzen. Ganz auf Sarkasmus verzichtet Ferris nicht, doch behält er eine Ernsthaftigkeit bei, die anderen schottischen Krimi-Autoren manchmal fehlt. Sein Brodie-Erstling ist noir, teilweise traurig bis zur Verzweiflung. Dass er konsequent das unter den Schotten so beliebte Motiv des Jekyll & Hide fortführt, macht ihn nicht einzigartig, sondern sicher im Stil.

Natürlich, man hätte es ahnen können: Wer einem Roman ein Chandler-Zitat voranstellt, geht klar in die Richtung hardboiled und der Protagonist kann eigentlich nichts anderes sein, als ein Marlowe aus einer anderen Feder. Wie Brodie. Gerechtigkeitsfanatiker im Kampf für das Gute, dabei aber auch regelmäßg selbst zu den Waffen des Bösen greifend. Sein Rachefeldzug im letzten Viertel des Romans ist demzufolge fast ein bisschen "too much", wenngleich an Action kaum zu überbieten. Brodie lässt es darauf ankommen, koste es, was es wolle. Und bleibt dabei ganz in der Tradition der Romantik eines Philip Marlowe:

 

In diesem Moment fragte ich mich, wie viele Chancen ein Mann in seinem normalen Leben erhielt, gemeinsam mit der Sonne gen Westen zu segeln - auf einer wunderschönen Jacht und mit einer bildhübschen Blondine an seiner Seite?

 

So hat Gordon Ferris auch wirklich wenig zu tun mit Ian Rankin & Co. Vielmehr erinnert er in seiner Schreibe und der von ihm kreierten Atmosphäre an William McIlvanney, David Peaces Red-Riding-Quartett oder Ken Bruens Jack-Taylor-Reihe.

Galgenfrist für einen Toten - bitter, düster, voller Tempo und Action. Ein Kriminalroman in bester, alter Schule. Mehr davon!

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