Der Ghoul

Erschienen: Januar 1989

Bibliographische Angaben

  • New York: Beech Tree Books, 1987, Titel: 'Ghoul', Seiten: 415, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1989, Titel: 'Mordlust', Seiten: 462, Übersetzt: Michael Kubiak
  • Leipzig: Festa, 2012, Seiten: 544, Übersetzt: Heinz Zwack

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Michael Drewniok
Führungsgerangel unter eitlen Serienkillern

Rezension von Michael Drewniok Dez 2012

In London geht die Angst vor dem "Vampirmörder" um. Bereits acht Mädchen hat er entführt; ihre blutleeren und herzlosen Leichen hat man aus der Themse ziehen müssen. DC Superintendent Hilary Rand leitet die für den Fall zuständige Mordkommission. Der Täter ist gewieft und hinterlässt keine verräterischen Spuren, an eine Festnahme ist nicht zu denken. Die Polizei steht unter dem Druck der Medien und Politiker und Rand deshalb auf der Abschussliste ihrer Vorgesetzten.

Im kanadischen Vancouver untersucht Zinc Chandler, Inspektor der Royal Canadian Mounted Police, einen brutalen Mord. Die Spur führt in die benachbarten USA und zu einer der ältesten Familien des Landes. Allerdings sind die Wards eher berüchtigt als berühmt, denn Wahnsinn zeichnet die Sippe. Gemunkelt wird zudem über inzestuöse Stammbaumverzweigungen, was die aktuelle Generation ausdrücklich einschließt. Die mehrfach illegitimen Zwillinge Saxon und Rika spielen nicht nur in einer wegen ihrer expliziten Auftritte bekannten Heavy-Metal-Band, sondern glauben auch an die Realität des "Cthulhu"-Mythos´, den der Horror-Autor H. P. Lovecraft in den 1930er Jahren aus der Taufe hob: Die Welt ist demnach Teil einer kosmischen Bühne, auf der sich blutgierige und bösartige ´Götter´ bekriegen. Wer ihnen Blutopfer darbringt, wird mit Macht und übermenschlichen Fähigkeiten belohnt.

Als die Band sich auf eine England-Tournee begibt, folgt ihnen Chandler. In London ist die Situation inzwischen eskaliert: Dort liefern sich jetzt drei geniale Irre einen grotesken Wettstreit um den Titel des schlimmsten Massen- und Serienkillers. Weiterhin aktiv ist der "Vampir-Mörder". Der Psychopath Jack Ohm macht sich sein Insiderwissen um Londons unterirdische Versorgungsleitungen zunutze und konstruiert tückische Bomben, die möglichst viele Menschen in den Tod reißen sollen. In den Abwasserkanälen der Stadt selbst haust der "Ghoul". Er entführt seine Opfer, um aus ihren Leichen grässliche ´Kunstwerke´ zu schaffen.

Rand, die nichts mehr zu verlieren hat, tut sich mit Chandler zusammen. Die Gegner scheinen ihnen jedoch stets einen Schritt voraus zu sein, wofür es eine ebenso simple wie bizarre Erklärung gibt …

Ein Overkill im wahrsten Wortsinn

Auf diese Erklärung wird selbst die gegenwärtige Leserschaft kaum vor der finalen Enthüllung kommen, obwohl sie dank Hannibal Lecter und einer ganzen Schar ähnlich schlauer und einfallsreicher Mörder gut geschult und nur noch schwer zu überraschen ist. Noch chancenloser dürfte Slades zeitgenössisches Publikum gewesen sein, das auf diese inzwischen multimediale Ausbildung noch verzichten musste.

Tatsächlich sind Michael Slades "Special-X"-Thriller so blutfrisch geblieben, dass sie heute, viele Jahre nach ihrer Entstehung, altmodisch höchstens in dem ehrlichen Bemühen des Verfasser wirken, nicht simpel Mord an Mord zu reihen, sondern die Handlung auf einen echten Plot zu gründen. Ungeachtet der Blutfontänen, die vor allem das Finale einrahmen, ist "Der Ghoul" ein lupenreiner "Whodunit". Zwar gaukelt uns Slade (erfolgreich) vor, den Täter früh demaskiert zu haben, aber Der Ghoul ist auch ein "police procedural", und die zahlreichen Ermittler enthalten uns keine Indizien vor.

Wie in jedem guten Rätsel-Krimi hat uns Slade gerade damit aufs Glatteis geführt. Auf welche Weise er eine äußerst verzwickte Fallgeschichte auflöst, soll an dieser Stelle natürlich verschwiegen werden; seine Bewunderung mag der Rezensent aber nicht verhehlen: So radikal wie Slade wagt kaum ein Autor seinen Plot-Knoten zu schürzen! Erstaunlicherweise funktioniert es, obwohl Slade nicht darum herumkommt, dem eigentlichen Finale einen vielseitigen Epilog anzuschließen, indem sich die Überlebenden im Dienst des Lesers gegenseitig erklären, was eigentlich geschehen ist.

Kriminalgeschichte als Wundertüte

Der Historiker und Jurist Slade kennt sich in der Kriminalgeschichte ebenso gut wie in der Populärkultur aus. Die "Special-X"-Thriller sind ein Füllhorn einschlägiger Reminiszenzen, die der Verfasser adaptiert und nach Bedarf verändert. Über die entsprechenden Vorlagen schweigt er sich nicht aus, sondern stellt sie in "Slade’s Morgue" auf der "Special-X"-Website ausführlich sowie bebildert vor. Deshalb kann sich der Rezensent an dieser Stelle auf wenige Beispiele beschränken.

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) gilt als ein Großmeister der modernen Phantastik. Er lebte die meiste Zeit seines Lebens in der neuenglischen Stadt Providence (die Slade in den 1980er Jahren besuchte). Als Schriftsteller nahm Lovecraft den zu seinen Lebzeiten und auch später lange trivialisierten und abschätzig beurteilten literarischen Horror sehr ernst. Da er über das Talent verfügte, seine Visionen wirkungsvoll in Worte zu fassen, hat er sein Publikum dennoch gefunden. Gerühmt wird er vor allem für seinen "Cthulhu"-Mythos, der über seine phantastische ´Realität´ hinaus eine psychologische Komponente besitzt: So symbolisiert der tentakelköpfige Cthulhu mit seinem senkrechten Maulschlitz nicht laut Slade Lovecrafts Furcht vor der weiblichen Sexualität.

Zu Lovecrafts Verehrern gehörte der wesentlich erfolgreichere Schriftsteller Robert Bloch (1917-1994), dem wir u. a. die Romanvorlage für Alfred Hitchcocks "Psycho" verdanken. Diese Geschichte beruht auf dem wahren Fall des Psychopathen und Mörders Ed Gein (1906-1984), der Leichen ausgrub, um sich aus ihren Knochen Geschirr oder aus ihren Häuten Kleider zu basteln wie der "Ghoul", Slades Reverenz an das Vorbild. (Bloch fühlte sich seinerzeit ebenso geschmeichelt wie gut unterhalten.)

Mythen-Recycling der innovativen Art

Die chaotische Entropie des Universums und eine wahrhaft bizarre Schar entsprechender Entitäten machen Lovecraft ´undergroundtauglich´. Der Mythos kann für bare Münze genommen und ´gelebt´ werden, wie es Slade am Beispiel der Rock-Band "Ghoul" verdeutlicht. Diesen Zusammenhang erkannte u. a. der für seine ähnlich schaurigen Bühnenshows bekannte Sänger Alice Cooper, der sich als Slade-Leser outete und den Verfasser auch persönlich traf.

Dem berüchtigten "Grand-Guignol"-Theater, das in Paris zwischen 1897 und 1962 den Horror live auf der Bühne darbot, widmet Slade die Giftgas-Episode in der "Royal Albert Hall" in London. Auch in Paris hatte er sich (1967) gewissenhaft umgesehen. Den Gasmörder Jack Ohm ließ er zusätzlich in die Rolle des Phantoms der Oper schlüpfen, das Gaston Leroux 1910 entfesselte.

Ein typisches Slade-Stilmittel ist es, die Leser an den Ergebnissen seiner Recherchen zu beteiligen; dies manchmal so intensiv, dass es des Guten zu viel wird. So findet kaum ein Schauplatz Erwähnung, ohne dass Slade dessen Historie aufrollt. Das ist nützlich, weil auch der einheimische Bürger Londons vermutlich wenig über die Unterwelt der uralten Stadt weiß, in der sich Jack Ohm, der "Ghoul" und der "Vampir-Mörder" so heimisch fühlen. Es wird aber penetrant, wo Slade in Details schwelgt, die keinen Bezug zur Handlung aufweisen, sondern nur ´interessant´ sind. Glücklicherweise kommen die Ereignisse anschließend stets rasch und spannend wieder in Schwung.

Unkonventionell ist Slade noch in einem anderen Punkt. Oft werden Personen eingeführt und ausführlich vorgestellt, um irgendwann spurlos aus dem Geschehen zu verschwinden. Dies muss nicht ihren Tod bedeuten, sondern signalisiert Slades Credo: Das Team steht über dem Individuum. In der Zusammenarbeit liegt der endgültige Erfolg.

Die Dinge beim Namen nennen

Das möglichst drastische, gewaltsame und in jedem blutigen Detail gezeigte Zerwirken des menschlichen Körpers scheint eine relativ junge Errungenschaft der Populärkultur zu sein. Zu erläutern, wieso dem nicht so ist, würde an dieser Stelle zu weit führen. Dennoch muss anerkannt werden, dass Slade bereits 1987 problemlos mit den heutigen Blut-und-Eingeweide-Schnetzlern mithielt bzw. ihnen noch eine ganze Menge beibringen konnte. So vermag die penible Schilderung, wie ein Lohnkiller sein aktuelles Opfer in einem Schlachthaus verschwinden lässt, über die Gänsehaut hinaus auch Brechreiz erzeugen. Angesichts solcher Drastik ist es kein Wunder, dass Headhunter, der erste "Special-X"-Thriller, in seiner deutschen Erstausgabe auf dem Index der Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften landete.

Eine besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang sicherlich das Titelbild dieser Neuausgabe. Danielle Tunstall, die ihre künstlerischen Visionen gern und oft außerhalb jener Grenzen verwirklicht, die ihnen politisch korrekte Zeitgenossen setzen möchten, hat sich mit dem bearbeiteten Fotos eines tätowierten Freaks, der offensichtlich von einer hinterrücks abgefeuerten Ladung schweren Schrots in Stücke gerissen wird, selbst übertroffen. Man darf gespannt sein, wann sich das gesunde deutsche Volksempfinden erneut rühren wird, um solche Perversion verbieten zu lassen …

Ebenfalls löblich: Obwohl auch dieser zweite Band der "Special-X"-Serie bereits übersetzt vorlag, hat Herausgeber Frank Festa ihn neu eindeutschen lassen. Die im ebenfalls neu veröffentlichten Vorgängerband monierten Übersetzungsseltsamkeiten und -fehler gibt es nicht mehr, der Text liest sich angenehm flüssig und komplettiert auch den dritten Band der noch jungen "Festa-Crime"-Reihe zum Lektürevergnügen.

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