Der Kopfjäger

Erschienen: Januar 1989

Bibliographische Angaben

  • New York: Morrow, 1984, Titel: 'Headhunter', Seiten: 461, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1989, Titel: 'Kopflos', Seiten: 478, Übersetzt: Michael Kubiak
  • Leipzig: Festa, 2012, Seiten: 526, Übersetzt: Heinz Zwack

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Jochen König
Sparky war wieder böse heute Nacht

Rezension von Jochen König Dez 2012

Wenn man dem Klappentext folgt, präsentiert sich Michael Slades 1984 erschienener Roman Headhunter als Prototyp des später so beliebt werdenden Serienkiller-Genres. In Vancouver werden mehrere Frauen vergewaltigt, ermordet und geköpft. Eine Task-Force der Royal Canadian Mountain Police (RCMTP) unter Leitung des ehemaligen Commissioners Robert DeClercq wird gebildet und versucht den Kopfjäger dingfest zu machen. Doch die Spurenlage ist miserabel, die Hinweise so zahlreich wie dürftig. Erst ein Verweis auf den Voodoo-Kult in New Orleans scheint den Durchbruch zu bringen. Oder führt er doch nur zu weiteren Geflechten? Je mehr Zeit vergeht umso größer die Verzweiflung des tragisch angeschlagenen DeClercqs, vor allem, da sich der Killer unverhohlen lustig über ihn und seine Arbeit macht. Es wird noch ein steiniger Weg bis zum Finale Furioso.

Geköpfte und vergewaltigte Frauen. Ein (beinahe) mythischer Killer. Graphische Gewalt. Und das nicht zu knapp. Scheint alles klar zu sein. Wir haben hier den blutrünstigen Serienkiller-Metzgerschinken von der Stange. Einen frühen Vorläufer zwar, aber dennoch…

… völlig falsch. Der Kopfjäger ist ein komplexes Buch, das die Serienkiller-Thematik nutzt, um weitreichende Ausflüge in die Anthropologie, Forensik, Psycho-Pathologie und die Schwierigkeiten der polizeilichen Ermittlungsarbeit anzutreten. Slade wandert durch die Zeiten, lässt eine Vielzahl von Personen an verschiedenen Orten auftreten, was alleine den an einer schlichten Schlitzermär Interessierten zur Verzweiflung treiben dürfte. Der Autor, bzw. das Kollektiv um Mastermind Jay Clarke, fordert einen aufmerksamen Leser, der bereit ist, DeClercq, seinen Kollegen, dem Headhunter und deren Ahnen auf verschlungenen Pfaden zu folgen.

Slade schildert eine gewalttätige Welt und die Reaktion der in ihr Lebenden darauf; bei ihm ist nicht Schluss mit dem blutigen Gemetzel und der Betroffenheitsattitüde, die (meist) in eine erfolgreiche Ermittlung mündet. Er zeigt die frustrierenden Momente einer kräftezehrenden, umfassenden und immer wieder stockenden Ermittlung ebenso wie die Reaktion der Menschen, insbesondere der Frauen zwischen Angst und unkontrollierter Wut, auf die Gewalttaten. Dabei gelingen entlarvende Einblicke in eine Gesellschaft, bzw. in Gesellschaften, die sich einerseits über ihre Ängste und Psychosen definieren, andererseits gefangen sind in den eigenen Restriktionen, sodass eine (Er)lösung kaum möglich scheint. Dabei macht er keine Ausnahme zwischen Haupt- und Nebenfiguren, schafft so ein Universum der Unsicherheit, in dem alles möglich scheint. Näher kann fiktive Übertreibung dem realen Leben kaum kommen.

Während auf den ersten vierhundert Seiten in die Breite ermittelt wird, Figuren eingeführt, entwickelt werden, während andere spektakulär auftauchen und unscheinbar verschwinden, sorgt die veränderte Erzählperspektive auf den letzten hundert Seiten für ein nervenzerrendes und überraschendes Finale. Hier wird die Geschichte einer Gruppe Polizisten zum fokussierten Hardboiled-Roman, erzählt aus der Perspektive eines ebenso hartnäckigen wie obsessiven Ermittlers. Während vorher die Spannung gelegentlich aufgrund der Faktenflut ein wenig brachlag, zieht das Tempo ungemein an, und Slade verdichtet seine Geschichte zu einem Showdown, dem Meisterliches gelingt: Er überrascht tatsächlich mit einem unerwarteten Ende, ohne den Leser zu betrügen und setzt mit dem Epilog noch das perfide i-Tüpfelchen.

So ist Der Kopfjäger eine vielschichtige Reise in eine Welt voller Gewalt und Dunkelheit, garniert mit sarkastischem Witz und kluger Beobachtungsgabe. Slades Erläuterungen mögen ein wenig ausschweifend sein, sind dabei aber meist messerscharf, interessant und – aktuell.

 

1980 waren nämlich die Vergleichszahlen für den Tod durch einen Pistolenschuss ["durch Schusswaffengebrauch" wäre stimmiger. Zur Übersetzung folgt noch eine Anmerkung] in bestimmten Ländern wie folgt: Japan 48, Großbritannien 8, Kanada 52, Israel 58, Schweden 21, Westdeutschland 42, Vereinigte Staaten 10.728.

Selbst wenn man den Unterschied bei den Bevölkerungszahlen in Betracht zieht, liegt die Schlussfolgerung auf der Hand: Entweder braucht der amerikanische Mann in verzweifeltem Maße psychosexuelle Therapie. Oder an den US-Waffengesetzen stimmt etwas in allerhöchstem Maße nicht.

 

Ein kleiner Wermutstropfen ist die teilweise umständliche und unbedarfte deutsche Übersetzung, die den Lesefluss stellenweise eher hemmt als fördert. Wenn von "homosexuellen Morden" (gemeint sind Morde an Homosexuellen) die Rede ist, ein "Judoschlag" jemand niederstreckt (ein Ding der Unmöglichkeit, beim Judo gibt es keinen einzigen "Schlag"), ein Verdächtiger eine "klassische Grenzpersönlichkeit" ist (dahinter verbirgt sich die Diagnose der "Borderline-Persönlichkeitsstörung", was die Erstübersetzung von 1989 fast korrekt umreißt) hält man unweigerlich fragend inne. Ebenso bei manch unverständlichem Satzbau:

 

Ein anderes Mal sah sie einen Schwarm Vampirfledermäuse mit dem Kopf nach unten in einem hohlen Baumstamm hängen, die Bäuche von Blut aufgedunsen, das ihre Opfer sich wohl kaum leisten konnten.

 

Wäre nicht nötig gewesen, sollte aber nicht vom Erwerb dieses höchst eigenwilligen, klugen, verschachtelten und besonders zum Ende hin hochspannenden Romans abhalten.

Auf die weiteren Bücher der "Special X"-Reihe darf man gespannt sein. Bereits im Februar folgt Der Ghoul. Dicke Empfehlung!

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