Das Gebot der Rache

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • London: William Heinemann, 2012, Titel: 'Cold hands', Seiten: 212, Originalsprache
  • München: Heyne, 2013, Seiten: 320, Übersetzt: Stephan Glietsch

Couch-Wertung:

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Jürgen Priester
Auge um Auge...

Buch-Rezension von Jürgen Priester Okt 2012

Vorbemerkung:

Wer sich ein "Mehr" an Spannung und Überraschung bewahren will, der lese nicht die im Internet verbreitete und auf der Innenseite des Schutzumschlags befindliche Inhaltsangabe (Klappentext). Darin ist ein ärgerlicher Spoiler enthalten. Die "In Kürze"- Zusammenfassung der Krimi-Couch ist entspoilert.

Der Zufall wollte es, dass der Rezensent kurz hintereinander gleich zweimal mit dem Thema Rache konfrontiert wurde. Zum einen war es in Rache verjährt nicht, dem letzten Werk des vor einem Jahr verstorbenen englischen Krimiautors Reginald Hill (Rezension auch in dieser Ausgabe), zum anderen in dem hier vorliegenden Das Gebot der Rache des Schotten John Niven. Während bei Hill das Rachemotiv nur eine Facette innerhalb einer detaillierten Biographie des Hauptprotagonisten darstellt, steht in John Nivens Thriller die Ausübung des Racheaktes im Vordergrund.

Spontane Racheakte, lange schwärende Rachegelüste oder sinnverwandte Spielarten sind nicht nur in der Kriminalliteratur immer wiederkehrende Sujets. John Niven betritt in seinem Thriller zu diesem Thema kein Neuland. Das Gebot der Rache ist die Geschichte einer Rache, die sich auf ein lange zurückliegendes Ereignis gründet. Allein Nivens Dramaturgie ist es zuzuschreiben, und hier zeigt sich seine ganze Erfahrung als Drehbuchautor, dass sich der Thriller zu einer atemraubenden Tour de Force entwickelt. Ein einfach strukturierter Plot, der sich auf nur wenige Hauptpersonen stützt, kommt schon nach 300 Seiten auf den Punkt. Mehr braucht man nicht, um bestens unterhalten zu werden.

Die Geschichte beginnt in einer friedlichen Atmosphäre, in der die Bedrohung so deutlich zu spüren ist, wie wir sie aus Filmen von Meister Hitchcock kennen. Folgerichtig leitet dann auch ein doppelter Paukenschlag frühzeitig einen Showdown Stephen King`scher Prägung ein. Während einige Bilder durchaus die Welt des Phantastischen streifen, bleibt der Horror aber stets real, lotet die physischen und psychischen Grenzen des menschlichen Stehvermögens aus. So muss Thriller sein – Das Gebot der Rache, das erste Thriller-Highlight des noch jungen Jahres.

Donald Miller lebt jetzt wie die Made im Speck. Zusammen mit seiner Frau Samantha und Sohn Walt genießt er die Annehmlichkeiten eines großen, ganz nach ihre Vorstellungen gebauten Hauses in der Nähe der Kleinstadt Regina in der kanadischen Provinz Sasketchewan. Beruflich ist er nicht besonders gefordert. Er schreibt Kolumnen und Rezensionen für das lokale Anzeigenblatt, das von seiner Frau herausgegeben wird. Ansonsten mimt er den Hausmann.

Der gebürtige Schotte entstammt der Unterschicht von Rotherglen, einer Vorstadt von Glasgow. Seine Lebensprognose sah anfangs eher düster aus. Doch mit etwas Unterstützung änderte sich das. Er machte seinen Bachelor in Englischer Sprache und Literatur an einer Hochschule in Wales, seinen Master an der Universität Toronto. Danach verschlug es ihn in die tiefste kanadische Provinz, wo er die Millionärstochter Sammie Myers kennenlernte. Sie heirateten, bekamen einen Sohn und lebten glücklich und zufrieden im Kreise netter und hilfsbereiter Nachbarn, die alle wie sie zur lokalen Oberschicht zählen.

Doch als Donald eines Morgens die zerfetzte Leiche ihres Hundes entdeckt, beschleicht auch ihn eine Ahnung drohenden Unheils.

Der Roman wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Den Hauptteil bestreitet Donald als Ich-Erzähler. Im Prolog sitzt er an einem Schreibtisch und versucht auf Anraten seiner Therapeuten, die Ereignisse der letzten Monate in schriftlicher Form zu rekapitulieren. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir Leser nicht, was ihm alles passiert ist, nur, dass er es überleben wird, aber mit welchen Schäden und unter welchen Verlusten. Die unerwartete Konfrontation mit seiner Vergangenheit weckt in ihm den Wunsch nach einer finalen Erlösung von einer Schuld, die er bereits gesühnt zu haben glaubte. Kann Schuld verjähren? Kann es Rache? Diese Fragen stellt sich nicht nur der Protagonist, sondern auch der Leser, der emotional tief eingebunden wird in diesen Konflikt. Aus Täter wird Opfer, aus Opfer Täter. Wo steht man da als engagierter Beobachter?

Leider viel zu selten gelingt es Autoren, ihre Fiktion für den Leser Realität werden zu lassen. John Niven schafft es in Das Gebot der Rache ganz ausgezeichnet. Gerade im Thriller-Bereich wird heutzutage auf abstruse Plots mit hohem Bodycount, Mengen von Blut und realitätsfernen Figuren gesetzt. Ist es diese Entfremdung oder bei Viellesern gar Gewöhnung, dass wir vergessen, was ein Mord in der Realität eigentlich bewirkt? Niven lässt das seinen Protagonisten in seinen Nachgedanken treffend formulieren:

 

Denn Mord ist eine Nagelbombe, die alles rundherum
dem Erdboden gleichmacht, über Jahre hinweg Tod und
Zerstörung verbreitet, weit über ihr Epizentrum hinaus.

 

Der Rezensent ist auch einer der Vielleser, der sich durch Berge von mediokren Thrillern ackert und diese unwillig beiseite schiebt. Meist handelt es sich um konstruierte Scheinwirklichkeiten, bei denen selbst der reine Unterhaltungswert fragwürdig ist. John Niven war ihm bisher nur vom Hörensagen bekannt. Kill Your Friends, das beim Rezensentenkollegen Michael Drewniok großen Anklang fand, wurde von der Leserschaft sehr zwiespältig aufgenommen. Verständlich, wenn man einen Blick ins Buch riskiert. Abgründiger Humor ist nicht jedermanns Sache. So war der Rezensent angenehm überrascht, dass sich Das Gebot der Rache, Nivens 5. Roman, als klassischer Thriller entpuppte, der sich in Sachen Tempo und Härte nicht verstecken muss. Die expliziten Beschreibungen gewalttätiger Auseinandersetzungen sind hier nicht bloße Schaueffekte, sondern stets handlungsimmanent. Die Heyne Hardcore-Reihe hält, was sie verspricht. Für Zartbesaitete könnte es aber schon zu heftig zur Sache gehen.

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