Sweeney Todd. Der dämonische Barbier der Fleet Street

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: E. Lloyd, 1846, Titel: 'The String of pearls or The Barber of Fleet Street', Seiten: 732, Originalsprache
  • Bellheim: Ed. Phantasia, 2012, Seiten: 450, Übersetzt: Joachim Körber

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Jochen König
Ich garantiere Ihnen die glatteste Rasur Ihres Lebens

Buch-Rezension von Jochen König Okt 2012

Kannibalismus ist ein so schauriges wie beliebtes Thema in der englischsprachigen Folklore. Die Geschichte der schottischen Familie Bean (auch: Beane) und ihres Oberhauptes Alexander "Sawney" Bean, hat nicht nur die Jahrhunderte durch mündliches Erzählen überdauert, sondern findet bis heute Einzug in literarisches (Ronald Holmes´ The Legend of Sawney Bean, Jack Ketchums Beutezeit, -gier,-rausch, Guido Rohms, ebenfalls in dieser Ausgabe besprochen, Fleischwölfe), dramatisches ("Last Orders" – Tanz(!)theater), musikalisches (Snakefingers "Sawney Bean/Sawney's Death Dance") und filmisches (Gary Shermans "Tunnel der lebenden Leichen", Wes Cravens "Hügel der blutigen Augen", Rob Schmidts "Wrong Turn", das kommende "Sawney: Flesh of Man") Schaffen.

1846/47 führte eine der ersten freien Adaptionen den wilden Sawney aus seiner Höhle im schottischen Hochland des 15. Jahrhunderts, mitten hinein in die englische Metropole London. Aus Sawney Bean wird Sweeney Todd, der als Barbier eigentlich einem halbwegs respektablen Beruf nachgeht. Immerhin gehörten im ausgehenden 18. Jahrhundert, in dem der mehrere Hefte dauernde "Penny Dreadful" (den deutschen "Groschenromanen" ähnlich) Sweeney Todd – Der dämonische Barbier aus der Fleet Street angesiedelt ist, zu den Aufgaben eines Barbiers auch zahnärztliche Behandlungen oder Aderlässe. Zur Ader gelassen wurden Todds Kunden tatsächlich. Doch es diente nicht ihrem, sondern alleine Sweeney Todds Wohlbefinden.

Der gewissenlose Sweeney ist kein Kannibale im eigentlichen Sinne, er mordet aus reiner Habgier, findet aber für die verzehrbaren Körperteile seiner Opfer eine lohnende Verwendung. Führt ein unterirdischer Gang doch direkt zur Backstube im Keller von Mrs. Lovetts Pastetenladen. Dort werden, bevorzugt der Londoner Juristenschar, die leckersten Törtchen, gefüllt mit dem feinsten "Kalb"fleisch, das man sich nur vorstellen kann, serviert. Ungefähr in der Mitte zwischen der Barbierstube und Mrs. Lovetts Geschäft befindet sich die ehrwürdige Kirche St. Dunstan’s, in der man sich seit geraumer Zeit einem penetranten Gestank ausgesetzt sieht, der durch jede Mauerritze zu dringen scheint.

Sweeney Todd – Der dämonische Barbier aus der Fleet Street ist ein kleines Meisterwerk des Makabren. Perfider Humor durchzieht den Roman von den ersten Seiten an. Seien es die Charakterisierungen der handelnden Figuren, ihre unterschiedlichen und vielfältigen Beziehungsgemenge, solche satirischen Highlights wie die Anwälte, denen im Gedenken an Mrs. Lovetts sämige Pastetensoße, der Sabber aus den Mundwinkeln rinnt oder jener unglückselige Bischof, dessen St. Dunstan’s Visite zum olfaktorischen Supergau wird.

Gleichzeitig gelingt James Malcolm Rymer so etwas wie die Matrize eines spannenden Serienkiller-Thrillers. Wie er von unbegabten Zeitgenossen gerade zu Tode geschrieben wird. Blamablerweise stellt sich Rymer wesentlich geschickter an, was das Schildern der verderbten Aktivitäten seines Protagonisten angeht. Er macht zwar bereits zu Beginn keinen Hehl daraus, um was für ein widerwärtiges Subjekt es sich bei Sweeney Todd handelt, doch der abgefeimte Barbier kann seinen potentiellen Häschern über fast 400 Seiten ein Schnippchen nach dem andern schlagen und bringt sie gleichzeitig, wie seinen Lehrjungen Tobias Ragg, in arge, tödliche Bedrängnis. Die titelgebende Perlenkette des Originals, spielt dabei eine besondere Rolle, ist sie doch der Staffelstab, der gleich zu Beginn unfreiwillig vom lauteren Mark Thornhill an Sweeney Todd übergeben wird, ihm mehrfach wie ein Glücksversprechen scheint und letztlich sein Ende einläutet.

Das Filigrane ist Rymers Sache nicht. Den Penny Dreadfuls, jenen in mehreren Fortsetzungen erscheinenden, billigen Heftchen spektakulären Inhalts, geschuldet, ist er ein Autor der großen Gesten. Aber das beherrscht er verdammt gut. Finstere Pläne und Machenschaften, atemlose Fluchten, Schlägereien, so handfeste wie gesellschaftskritische Komik, Rettungen in letzter Sekunde, Abenteuer zur See, Privat- und Undercover-Ermittlungen, sporadisch eine ordentliche Portion Thrill und nicht zuletzt Liebeshändel – kein Problem für den rührigen Verfasser.

Für literarische Schatzgräber ist Sweeney Todd – Der dämonische Barbier aus der Fleet Street eine reichhaltige Fundgrube, weist er doch eine Vielzahl von Szenen aus, die in späteren Jahren zum Standard gepflegten Horrors und dramatischer Krimi-Unterhaltung wurden. Und ist dabei etlichen seiner literarischen Nachzügler überlegen. Vom bigotten und versoffenen Prediger Lupin kann sich bspw. Simon Becketts Landpfarrer Scarsdale (Chemie des Todes) ein paar Scheiben abschneiden, Rymers Schilderung einer Irrenanstalt als barbarischem Hort für lästige, aber keineswegs geistig derangierte Existenzen, geleitet von korrupten Menschenschindern, die lediglich willfährige Erfüllungshilfen von Erbschleichern und Verbrechern sind, die ihre Pläne gefährdet sehen, ist von entlarvender Schärfe und sorgt für einige der großartigsten Kapitel des Buches.

Ein weiterer Glanzpunkt ist die Figur der Johanna Oakley, geradezu eine Vorreiterin der Suffragetten. Einerseits dem Ideal der romantischen, wahren Liebe verfallen, andererseits selbstbewusst, gerade den eigenen Eltern gegenüber, und von mutigem (oder leichtsinnigem) Aktionismus übersprühend, der sie im Verlauf der Handlung zum verdeckten Ermittler avancieren lässt. Eine zwar logische, aber für die damalige Zeit provokante Schlussfolgerung. Überhaupt lässt Rymer die meisten seiner weiblichen Protagonisten sehr selbstbestimmt auftreten und verortet Schwäche und Verlust dort, wo gesellschaftliche Konventionen zum Zwang werden, der Schein über das Sein siegt.

Eine große dramaturgische Klammer fehlt dem Buch, auch das geht auf’s Konto des Fortsetzungscharakters. Eine Vielzahl von Personal tritt auf, nahezu jeder Beteiligte darf eine Anekdote zum Besten geben, um anschließend meist im Dunkel zu verschwinden. Die einzelnen Geschichten sind höchst unterhaltsam, bremsen aber die Schilderung der Umtriebe des finsteren Barbiers immer wieder aus. Zwischendurch schaltet sich der allwissende Erzähler ein, wägt ab, beschwichtigt und kokettiert mit seinem Wissen um Zusammenhänge, die der Leser zwar vermutet, um die der Erzähler aber weiß.

Wie erwähnt: ein Buch sachter Andeutungen ist Sweeney Todd – Der dämonische Barbier aus der Fleet Street nicht und will es offenkundig auch gar nicht sein. So wird der Rolle des Detektivs – noch – wenig Augenmerk geschenkt. Heftet sich zunächst Oberst Jeffery, ein Freund des verschwunden Mark Thornhill, dem Überbringer der Perlenkette, an die Fersen Sweeney Todds, übergibt er später ohne Not das Zepter des Ermittlers an den Magistrat Sir Richard Blunt und die hartnäckige Johanna. Wenn endlich der lang erwartete Schlussakkord angestimmt wird, ist er so schnell vorbei, dass man die letzten zehn Seiten mehrfach durchblättern kann, um zu erfahren welche Schicksale vergessen, mit einem Satz oder einem Hauch mehr abgehandelt wurden. Aber das passt irgendwie: Das Spektakel ist vorbei, die Attraktionen werden abgebaut, dabei muss man den fleißigen Handwerkern nicht unbedingt zusehen. Pragmatisch und nachvollziehbar, verschenkt aber einiges an dramatischem Potenzial. Insbesondere die Liebesgeschichte zwischen dem "verschollenen" Mark Ingestrie (dessen Rolle nicht zu unterschätzen ist), und Johanna Oakley wird eher beiläufig abgehandelt. Was gemessen an all den Büchern, Groschenromanen und Großprojekten der folgenden Jahrhunderte, in denen genau derartige Verwicklungen in den Fokus rückten, geradezu von radikaler Verweigerung zeugt. Anders ausgedrückt: Scheinbar überflüssige Füllsel haben Rymer und sein intendiertes Lesepublikum einfach nicht interessiert. Gefällt mir.

Die Ballade vom barbarischen Barbier wurde bereits 1936 zum ersten Mal, mit Tod Sanders in der Titelrolle, verfilmt. Es folgten weitere Filme und 1979 Stephen Sondheims Musical-Variante, die Grundlage für den Tim Burton-Film aus dem Jahr 2010 lieferte. Während die Pastetenbäckerin Mrs. Lovett mit Burton-Ehegespons Helena Bonham-Carter kongenial besetzt ist, ist der Sweeney Todd des Buches alles andere als Johnny Depp, der attraktive, anämische Psychopath aus dem Wunderland, in seiner Rolle als Sweeney mit den Scherenhänden.

 

Er hatte ein kurzes, wenig einnehmendes, humorloses Lachen, das er stets zu den unpassendsten Gelegenheiten ertönen ließ, wenn niemand sonst etwas zu lachen hatte[…], störte das Ohr nur Sekundenbruchteile und verstummte wieder, dass manche Leute zur Decke sahen, auf den Boden oder rings um sich herum, um festzustellen, wo es hergekommen war, da sie es kaum für möglich hielten, dass eines Sterblichen Lippen dafür verantwortlich sein könnten. […]

"War er ein großer, hässlicher Bursche?"
"So hässlich wie der Teufel selbst."

 

Hervorragend eingefangen in der vorliegenden Ausgabe durch Reinhart Kleists düstere, expressionistische Illustrationen. Ein paar mehr hätten es ruhig sein dürfen, denn sie bereichern Joachim Körbers süffige Übersetzung und liebevolle Edition ungemein. Das Buch ist mit einem Preis von 75€ keine Anschaffung für einen frivolen Nachmittag, doch als Weihnachts- oder sonstiges Geschenk, als Belohnung für sich selbst, in diesen von flüchtigen Medien vereinnahmten Tagen, eine ideelle und möglicherweise reelle Wertanlage. 250 Exemplare im edlen Wildleder-Schuber, von denen 220 in den Handel kommen. Mein Rat: In Augenschein nehmen, zuschlagen. Es lohnt sich.

Noch ein paar Sätze zur Rezeptionsgeschichte:

Schon die Geschichte der Bean-Sippe schwankt zwischen historischer Infragestellung und reiner Fiktion mit vielfacher Ausschmückung. Weit mehr als 1000 Opfer sollen den Fressattacken der Beans erlegen sein. Fleißig, fleißig – oder sollten etwa noch weitere Kannibalen dort draußen gehaust haben? Sweeney Todd war jedenfalls kein realer Nachfolger der Familie. Zwar versuchte Peter Haining den Beweis zu führen, dass es sich bei Todd um eine historische Persönlichkeit gehandelt habe, er blieb ihn aber schuldig (The Mystery and Horrible Murders of Sweeney Todd, The Demon Barber of Fleet Street, Sweeney Todd: The real story of the Demon Barber of Fleet Street).

Es gab Vermutungen über einen namenlosen französischen Barbier, dessen Umtriebe Grundlage für The String Of Pearls gewesen sein sollen, doch Haltbares kam nicht dabei heraus. Sweeney Todd ist eine literarische Konstruktion, die ihre Wurzeln in der Realität hat, bzw. in der Urangst vor den unabwägbaren, sich selbst zerfleischenden Möglichkeiten derselben.

Ein ähnliches Mysterium umfängt die Urheberschaft des Romans. Laut Verlag scheint James Malcolm Rymer als Verfasser festzustehen, doch gerne wird auch Thomas Pecket Prest als Urheber genannt, zumindest in einer Funktion als Co-Autor Rymers. Der Verdacht keimt auf, da Prest auch mit dem ebenfalls Rymer zugeschriebenen, einflussreichen Werk, Varney the Vampire or the Feast of Blood in Zusammenhang gebracht wird. Ein Fall für Emil und die Detektive oder die drei Fragezeichen.

Sweeney Todd. Der dämonische Barbier der Fleet Street

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