Error

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: William Morrow, 2011, Titel: 'Reamde', Seiten: 1044, Originalsprache
  • München: Manhattan, 2012, Seiten: 1024, Übersetzt: Juliane Gräbener-Müller & Nikolaus Stingl

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Jürgen Priester
Ein Thriller in epischer Breite – geht das?

Buch-Rezension von Jürgen Priester Sep 2012

Mehr als eintausend Seiten und gefühlte 500 dazu wegen des raumsparenden Satzes sind kein Pappenstiel. Neal Stephensons Romane haben fast immer (außer den ersten) diesen Umfang und sind für den schnellen Konsum nicht geeignet, auch nicht gedacht. Sie erfordern Zeit und Konzentration. Stephenson ist ein vielseitig interessierter Mensch. Geprägt durch die naturwissenschaftlich-technische Orientierung seines Elternhauses studierte er Physik und Geographie, beschäftigte sich eingehend mit Sprache, Religion und Philosophie. Dieses Wissen teilt er gerne mit seinen Lesern, ganz gleich an welchen Orten und zu welcher Zeiten seine Romane auch spielen. Dem Krimi-Publikum wird er weniger bekannt sein, wird er doch zu den Science-Fiction-Autoren gezählt, obwohl diese Einordnung nicht die Bandbreite seiner Werke widerspiegelt.

Error im Original: Reamde ist nach Volles Rohr (Zodiac: The Eco-Thriller, 1988) der zweite (un)konventionelle Thriller aus Stephensons Feder. In Error geht es um ein Computervirus namens Reamde, das sich über ein Online-Rollenspiel in hunderttausende Rechner einnistet, und um eine zufällig aufgedeckte islamistische Terrorzelle. Der Angelpunkt des Geschehens ist der Amerikaner Richard Forthrast, Konzernchef der Corperation 9592, die das Rollenspiel T'rain – vergleichbar mit dem "World of Warcraft" - entwickelt hat und damit riesige Gewinne einfährt. Aber im Wesentlichen wird die Handlung aus der Perspektive dreier Frauen erzählt, die von ihrer Herkunft nicht unterschiedlicher sein konnten, aber vieles gemeinsam haben.

Zula Forthrast, eine gebürtige Schwarzafrikanerin aus Eritrea, musste in ihrer Kindheit aus ihrer umkämpften Heimat fliehen und wurde zu guter Letzt von einer Familie aus dem Forthrast-Clan adoptiert. Erwachsen geworden hat sie gerade einen Job im Imperium ihres Onkels Richard angenommen. Bevor sie so richtig loslegen kann, wird sie entführt. Was sie nicht wusste, ihr Lebensgefährte Peter vertickt Bankdaten an die russische Mafia. Bei einem Datentransfer wird ein Laptop der Russen mit dem gerade aufgetretenen Reamde-Virus infiziert. Der Zugang zu den gewinnbringenden Kontodaten ist so lange gesperrt, bis ein Lösegeld gezahlt wird. Da das Lösegeld aber innerhalb der virtuellen Welt des Rollenspiels hinterlegt werden muss, scheuen sich die Russen, diesen zeitraubenden Weg zu gehen. Ihre Experten suchen nach dem Hacker, der das Virus in Verkehr gebracht hat, und werden in der chinesischen Hafenstadt Xiamen fündig. Der Bandenchef stellt ein Team bestehend aus Zula, Peter, einem zwangsrekrutierten Ungarn und einigen Handlangern zusammen. Mit einem Privatjet geht es nach China.

In Xiamen, bei den Versuchen, den genauen Standort des Hackers zu lokalisieren, lernt Zula die Chinesin Qian Yuxia kennen. Diese ist als "fliegende" Teehändlerin und Teilzeit-Fremdenführerin natürlich bestens vertraut mit den örtlichen Besonderheiten, spricht Englisch und ist äußerst sympathisch. Die beiden Frauen freunden sich an.

Nach einigem Hin und Her ist die Wohnung der Hacker (es sind mehrere) ausgemacht. Sie befindet sich in einem fast leerstehenden Gebäude. Es wird gerade renoviert. Wie das Schicksal so will, konspiriert ausgerechnet in der Wohnung über den Hackern eine islamistische Terrorgruppe. Es kommt zu einer schwerwiegenden Verwechslung.

Aus dem Wohnhaus gegenüber beobachtet die Halbchinesin Olivia Hallifax-Lin, eine Agentin des britischen Geheimdienstes MI 6, die auf die Terroristen angesetzt ist, fassungslos das sich abzeichnende, unglaubliche Spektakel auf der anderen Straßenseite. Olivia wird nicht lange außen vor bleiben.

Hacker, Terroristen, Russenmafia, MI 6 und viele unfreiwillig Involvierte an einem Ort? In dieser Szene brennt Stephenson ein richtiges Action-Feuerwerk ab. Das mag überzogen und ein bisschen hanebüchen daherkommen, zeigt aber, dass der Autor viel Spaß an seiner Geschichte hat und dass er einen hintergründigen Humor besitzt. Diese Szene markiert den ersten dramatischen Höhepunkt. Hiernach verjüngt sich der Handlungsstrang über das Virus und seine Folgen. Er wird auf der virtuellen Bühne von T'rain zu Ende gespielt. Eine Zäsur oder ein Bruch, je nachdem, wie man es wertet.

Obwohl es mit nahezu identischem Personal weitergeht, beginnt eigentlich eine neue Geschichte. Die zufällig aufgescheuchten Terroristen geben den Takt vor. Ob nun vom Zufall oder Schicksal geleitet, schlagen alle Beteiligten (sowohl die Guten, als auch die Bösen) einen weiten Bogen, allerlei Hindernisse überwindend, zurück zu dem Ort, an dem die Karriere Richard Forthrasts begann: in die wilde Gebirgslandschaft des US-amerikanisch-kanadischen Grenzgebietes. (An dieser Stelle sei vermerkt, dass sich der Autor bezüglich der Geographie dieses Gebietes einige Freiheiten erlaubt hat.)

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, auf alles, was sich der Autor in seiner grenzenlosen Fantasie ausgedacht hat, einzugehen. Im Wesentlichen ergeben Grundzüge des Rollenspiels, Exkurse in Geologie, Physik, Informatik und Philosophie, Anekdoten aus Politik und Gesellschaft, Biographien der Hauptprotagonisten, Porträts interessanter Nebenfiguren eine Fülle und Dichte, die ihresgleichen suchen. Auch wenn Vergleiche bekanntlich hinken, fühlte der Rezensent sich an Frank Schätzings Limit erinnert – nicht inhaltlich, sondern vom Konzept her, Thriller-Spannung und -Action in einen hochkomplexen Plot einzubetten. Wie man den geteilten Reaktionen auf Schätzings Roman sehen kann, ist so ein Zwitterding nicht jedermanns Sache. Freunde rasanter Action werden sich auch mit Error kaum anfreunden können. Aufmerksames, langsames Lesen ist angesagt, um in den Genuss von Stephensons tollen Ideen, Querverweisen und Anspielungen zu kommen. "Viel zu lang(weilig)" - liest man einige stöhnen. Wenn denn etwas Überlänge hat, dann ist es das schier endlose, actionlastige Finale

Der Roman beginnt mit einem Vorspann, der den Forthrast-Clan bei ihrer Lieblingsbeschäftigung an Thanksgiving auf der Farm des Familienoberhauptes zeigt. Aus einer Laune heraus hat sich die Tradition entwickelt, an diesem Tag die Waffenschränke zu plündern und am nahegelegenen Bach wie wild durch die Gegend zu ballern. Um an so etwas Vergnügen zu empfinden, muss man wohl männlicher Amerikaner sein. Warum sich Neal Stephenson auf eine solche Eröffnung kapriziert, ist dem Rezensenten nicht ganz klar geworden. Der Prolog öffnet eine Klammer, die mit dem großen Finale geschlossen wird, denn da geht es auch sehr schießwütig zu. In Western-Manier beharken sich hier die feindlichen Parteien, als sei ein Waffengang die Ultima Ratio. Grundsätzlich ist nichts gegen einen westernmäßigen Showdown einzuwenden, aber Stephenson findet kein Ende. Szene um Szene wiederholt sich hier, ohne dass sich etwas am zu erwartenden Ausgang ändert. Ein schwacher Schluss bei einem sonst grandiosen Werk.

Man könnte seitenlang darüber schreiben, was einen Thriller ausmacht, und doch zu keinem klar umrissenen Ergebnis kommen. Verlage locken gerne mit dem Etikett Thriller, auch wenn ein anderes passender wäre. Error ist ein Spannungs-, Abenteuer- und Agentenroman mit Thriller-Elementen, der über die gesamte Distanz bestens unterhält, aber eben nicht der Reißer mit einem durchgängigen Spannungslevel. Der Rezensent empfiehlt, auch im Hinblick auf Stephensons stilistischen Eigenheiten z.B. der Vorliebe für etwas längere Schachtelsätze, die Möglichkeit einer Leseprobe wahrzunehmen.

Zu guter Letzt möchte der Rezensent seine Hochachtung vor den beiden Übersetzern Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl ausdrücken. Obwohl sie mittlerweile Neal-Stephenson-Experten sind, wird jeder neue Roman eine besondere Herausforderung bleiben.

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Letzte Kommentare:
17.01.2015 19:42:58
Herr Lazaro

Ich hatte schon vor Erscheinen der deutschen Ausgabe das Original "REAMDE" über die Weihnachtstage 2011/12 gelesen und kann der KC-Rezension von Jürgen Priester eigentlich nur wenig hinzufügen.DasBuch ist der schiere Überfluss an Ideen und Handlungsdetails, die, und das zeichnet Neal Stephenson als Autor aus, alle in sich völlig stimmig sind und perfekt zum Ganzen zusammengefügt sind. Man muss natürlich Stephensons oft ausschweifende Erzählweise mögen und auch seinen etwas "nerdigen" Humor mögen, wenn das nicht der Fall ist, können die über tausend Seiten sehr anstrenged werden. Rein physich ist die Lektüre dieser Schwarte sowieso anstrengend, wenn man wie ich ein Buch beim Lesen gern in der Hand hält, statt auf dem Tisch liegen zu haben: Das Buch ist zu unhadlich und schwer.Aber davon abgesehen: Grandiose Unterhaltung. Und dennoch blieb am Ende, nach dem überlangen Gemetzel am Schluß des Romans die Frage: Und was soll das Ganze nun? Eine Frage, auf die ich keine zufrieden stellende Antwort gefunden habe. Im Grunde ist der ganze Roman eine verklausulierte Lobpreisung auf den American Way of Live, Waffen-Fanatismus inklusive, ja letzlich wird die westlich-kapitalistische Lebensart als überlegen, erstrebenswert und alternativlos dargestellt.
Würde der Autor nicht so phantastisch gut erzählen, müsste man das Buch genau deswegen verreißen.

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