Rocking Horse Road

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Auckland: Random House New Zealand, 2007, Titel: 'Rocking horse road', Seiten: 234, Originalsprache
  • Bonn: Weidle, 2012, Seiten: 236, Übersetzt: Stefan Weidle

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Jürgen Priester
Roman einer Freundschaft

Buch-Rezension von Jürgen Priester Sep 2012

Das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Neuseeland, der unspektakuläre Inselstaat down under Australien. Als Stichworte zu Neuseeland fallen einem spontan vielleicht Commonwealth, grüne Insel, Schafzucht und Kiwis ein. Die Sportbegeisterten unter uns werden Rugby noch hinzufügen, denn in dieser Sportart gehört das Land zur Weltspitze. Rugby hat in Neuseeland den Stellenwert wie bei uns der Fußball und das Zusammentreffen von Rugby-Nationalmannschaften wird im vorliegenden Roman zu heftigen Kontroversen führen.

Neuseeländische Schriftsteller sind in unseren Breiten eher weniger bekannt. Das kann/wird sich ja durch die Buchmesse ändern. Für unser Genre, der Kriminalliteratur, ist da aktuell nur Paul Cleave zu nennen, dessen Thriller zumeist zum Serienmörderthema in einschlägigen Kreisen sehr beliebt sind.

Nun hat Stefan Weidle, ein rühriger Kleinverleger aus Bonn, den Neuseeländer Carl Nixon und dessen schon 2006 beendeten Roman Rocking Horse Road für uns entdeckt, nicht nur das, sondern ihn auch in Personalunion übersetzt und verlegt. Herausgekommen ist ein rundum gelungenes Werk. Schon auf das Äußere hat Stefan Weidle besonderen Wert gelegt. Unter dem richtungsweisenden Schutzumschlag stimmt der beidseitig bedruckte Einband etwas martialisch vielleicht auf den Inhalt ein, während das Titelblatt, das sich über fünf Seiten erstreckt, landschaftliche Impressionen des Schauplatzes zeigen.

Die "Rocking Horse Road" ist die Hauptstraße auf einer langgezogenen Nehrung an der Küste des neuseeländischen Christchurch. Der nachstehende Link vermittelt einen schönen Blick auf die Halbinsel. Eine Straße, einige kurze Querstraßen, an der Spitze eine unbewohnte Dünenlandschaft. Man könnte vermuten, dass diese attraktive Küstenlage ein bevorzugtes Wohngebiet der "Schönen und Reichen" sein könnte, aber denen wird das dortige Klima zu rau sein. Der ständig wehende Ostwind ist salzgeschwängert und bringt im Winter die eisige Kälte der Antarktis mit. Seit Jahr und Tag lebt hier nun die kleinbürgerliche Mittelklasse in ihrem unaufgeregten Alltagstrott bis eines Tages....

1980, vier Tage vor Weihnachten. Es ist Hochsommer auf der Südhalbkugel. Ein Jugendlicher entdeckt am Strand bei den Dünen die nackte, wohl angeschwemmte Leiche einer jungen Frau. Es handelt sich um Lucy Asher, die attraktive Tochter des örtlichen Milchhändlers. Lucy hatte oft nachmittags nach der Schule im Laden ihrer Eltern ausgeholfen, so war sie fast allen bekannt, bei vielen beliebt. Nun ist sie tot. Ermordet wie die Polizei schon vor Ort feststellt. Die Ermittler bekommen nicht viel in die Hand. Spuren an Lucys Körper hat das Meer abgewaschen und die Zeugenaussagen über ihre letzten Stunden sind ungenau bis widersprüchlich. Je mehr der Ermittlungsdruck bei den Polizeikräften nachlässt, desto intensiver versucht eine Clique männlicher Jugendlicher, den Mord an Lucy aufzuklären. Dabei haben sie Lucy gar nicht näher gekannt, vom Sehen in der Schule – Lucy war zwei Klassen über ihnen – ein paar Worte im Milchgeschäft vielleicht. Doch waren die Jungen derart von dem Verbrechen, das eine aus ihrer Mitte riss, fasziniert, dass sie fortan einen regelrechten Lucy-Kult betrieben. Sie richteten einen separaten Raum ein, den sie mit Lucy-Bildern dekorierten und jederlei anderen Lucy-Memorabilien füllten. Die Tätersuche wird sie ihr weiteres Leben gefangen halten. Selbst jetzt, 25 Jahre später, in der Gegenwart, aus der sie auf die damaligen Ereignisse zurückblicken, können sie sich nicht von ihrer kollektiven Lucymania freisprechen.

Ein anderes Ereignis aus dieser Zeit, das normalerweise aus keiner anderen als der sportlichen Sicht für Aufruhr gesorgt hätte, war der Besuch der südafrikanischen Rugby-Nationalmannschaft zu einigen Freundschaftsspielen. Die "Springboks" aus Südafrika waren damals noch ein rein weißes Team, im Land herrschte ja noch die Apartheid. "Sport ist Sport und Politik ist Politik" war/ist eine verbreitete Devise von Menschen, die glauben, dass das eine vom anderen zu trennen sei. Umso überraschter war die neuseeländische Öffentlichkeit, als plötzlich Stimmen laut wurden, die die Rassentrennung in Südafrika anprangerten.

Auch in der Rocking Horse Road tauchten in einigen Fenstern Protestplakate auf. Es kam zu Aktionen, Kundgebungen und vereinzelten Demonstrationen, die die "Lucy-Clique" mit der ihr innewohnenden Neugier bestaunte. Waren die Spiele gespielt, legte sich die Aufregung und die Freunde kehrten wieder zu ihrer Obsession zurück, der Huldigung der Lucy Asher und der Suche nach ihrem Mörder.

Rocking Horse Road ist ein Roman über eine Freundschaft, die Jahrzehnte überdauert. Zusammengeschweißt wurde sie durch ein traumatisches Ereignis, der Ermordung Lucy Ashers. Ein tiefer Einschnitt in das Leben der 5 bis 6 Jungen (der Rezensent hat sie nicht gezählt), der vielleicht eine unbeschwerte Kindheit beendete, denn, als sie sich anlässlich der Beerdigung eines von ihnen alle treffen, stellen sie fest:

 

Was wir aber ganz genau wissen, ist, dass sich keiner von uns an die Zeit erinnern kann, bevor wir Lucy fanden.

 

 Carl Nixon unterstreicht das Zusammengehörigkeitsgefühl der Clique noch, indem er sie aus der ungewöhnlichen Wir-Perspektive erzählen lässt, ohne die einzelnen genau zu benennen. Manchmal hat man als Leser sogar das Gefühl, als schlösse sich der Autor in dieses kollektive "Wir" mit ein. Carl Nixon war Anfang der 1980er Jahre ungefähr im gleichen Alter wie seine Protagonisten. Es wäre naheliegend , dass das Lebensgefühl dieser Zeit und auch einzelne Szenen auf autobiografische Wurzeln zurückgingen.

Die 1980er Jahre werden ja gerne mit dem Zusatz "die wilden" versehen. Von dieser Wildheit ist jedoch in Christchurch, Neuseeland, zur Zeit der Geschichte nicht viel zu spüren. Die Jugendlichen aus der Rocking Horse Road wirken ein wenig hausbacken und zahm, da hätte man sich mehr Lebendigkeit gewünscht. Dem reinen Krimileser wird der Plot nicht spannungsvoll genug sein. Karl Nixon hat auch keinen Krimi geschrieben. Die Frage, wer Lucy Asher nun ermordet hat, ist nur sekundär. Nixon sieht das Verbrechen an Lucy als ein Wendepunkt im Leben vieler Menschen, der direkt Betroffenen wie Lucys Familie, die an der Tat zugrunde geht, und eben jener Gruppe Jugendlicher, denen das Gedenken an Lucy ein Denkmal der Freundschaft wird.

 Als Roman funktioniert die Rocking Horse Road überzeugend, als Krimi nur mit Einschränkungen.

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