Brüche

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Minotaur, 2009, Titel: 'The long division', Seiten: 306, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Seeling, 2012, Seiten: 365, Übersetzt: Manfred Roth

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Jürgen Priester
Zwischen Hoffen und Bangen

Buch-Rezension von Jürgen Priester Sep 2012

Da ist er endlich: Brüche, der neue Roman von Derek Nikitas Und er hat´s in sich. Er wurde vom Rezensenten sehnlich erwartet, zählte Nikitas´ Debütroman Scheiterhaufen doch zu seinen persönlichen Highlights des Jahres 2010. Scheiterhaufen wurde damals von der seriösen Kritik begeistert aufgenommen, von der KrimiZeit-Jury zweimal auf erste Plätze gewählt und war im Oktober 2010 hier bei uns auf der Krimi-Couch der Volltreffer des Monats. Mehr als ein Achtungserfolg auch für den kleinen Seeling-Verlag, dessen Verleger bei der Auswahl der Autoren für sein Haus von einem sicheren Gespür geleitet wird. Für den Krimi-Bereich sei da nur auf Autoren wie Guido Rohm, Stefan Kiesbye oder Peter Wark verwiesen, deren Werken auch die Krimi-Couch-Rezensenten Hochachtung zollten.

Damals hatte die Krimi-Couch die Gelegenheit zu einem Interview mit Derek Nikitas, in dem er den hier vorliegenden Roman kurz vorstellte und mit der Frage schloss, wie die deutsche Leserschaft auf seinen Roman reagieren würde. Eine Frage, die sich wohl jeder Autor zu jeder seiner Publikationen stellt. Nikitas´ besondere Neugier rührt wahrscheinlich daher, dass man Brüche nicht so einfach in eine Schublade einsortieren kann. Mit Scheiterhaufen hat der Autor ein Krimi-Publikum generiert, obwohl es ihm primär nicht um die Lösung eines Mordfalls ging, sondern um die Reaktionen der Betroffenen auf ein solch monströses Ereignis. Genau davon handelt auch Brüche, vielleicht noch expliziter. Es geht um kleine und große Verbrechen, um Schuld und Unschuld, um Zufall und Schicksal – kurz gesagt - um die Fallstricke des Lebens. Nikitas arbeitet nicht mit überkandidelten Kunstfiguren, sondern mit – metaphorisch ausgedrückt – Menschen aus Fleisch und Blut - einfache Leute, wie sie auch Nikitas´ Vorbild Cormac McCarthy gerne zu Worte kommen lässt.

Einer der Protagonisten ist der College-Student Wynn, ein Mathematik-Genie. Er hofft und möchte, dass das (sein) Leben genau definierten Regeln folgt, wie es seine Lieblings-Disziplin tut. Aber er und einige andere in der Geschichte werden feststellen müssen, dass das Leben eher eine Vorliebe für die Chaostheorie hat. Kleine Ereignisse oder Entscheidungen ziehen einschneidende und unerwartete Konsequenzen nach sich.

So wie bei Jodie Larkin.

Seit Jodie Larkin im Alter von Anfang 17, ungewollt schwanger, ihre Heimatstadt verlassen hat, schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch. Ihren Sohn hatte sie direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben, ihn in der Zwischenzeit nur einmal gesehen, auch das ist schon wieder fünf Jahre her. Zur Zeit arbeitet sie als "Putze" bei einer Reinigungsfirma in der Nähe von Atlanta, Georgia. Zwar stinkt es ihr gewaltig, den Dreck reicher Leute wegzumachen, aber was bleibt ihr anderes übrig, selbst wenn die tägliche Plackerei sie eher schlecht als recht ernährt. Eines Tages winkt ihr im Schlafzimmer eines betuchten Kunden eine offenstehende Schatulle zu, aus der ganz lässig ein dickes Bündel Geldscheine quillt. Eine verlockende Gelegenheit, ihrer Tristesse zu entkommen, vielleicht sogar eine letzte Chance, ihr Leben zu ändern – denkt sie. Sie nimmt das Geld, "leiht" sich ein Auto ohne die Einwilligung des Besitzers und macht sich auf nach Cape Fear, North Carolina, wo ihr Sohn Calvin bei seinen Adoptiveltern lebt. Jodie hofft, bei ihm einiges wiedergutmachen, Versäumtes nachholen zu können, indem sie mit Calvin an beider Ursprung zurückkehrt.

Hunderte Meilen nördlich davon, im Chautauqua County des Bundesstaates New York, bestreitet Deputy Sam Hartwick mit seiner Frau Jill und Tochter Erika ein bescheidenes und rechtschaffenes Leben. Mit dem zufrieden, was er hat, entwickelte Sam nie einen besonderen Ehrgeiz, beruflich aufzusteigen. Das hätte er mal besser tun sollen, denn als bei seiner Frau ein inoperabler Gehirntumor festgestellt wird, geht das wenige Ersparte in Windeseile für die Behandlungskosten drauf. Dennoch besitzt Sam die Größe, das Schmiergeld, das zwei Jugendliche ihm zustecken, weil er ihnen eine Adresse besorgt hat, der Kirche zu spenden. Eine kleine Gefälligkeit nur, schnell vergessen, aber die Folgen sind dramatisch. Die beiden jungen Männer, Dwight Kopeck und Wynn Johnston, waren auf der Suche nach Cecilia, Dwights Schwester und Wynns Angebeteter, die ins Drogenmilieu abgeglitten ist. Die Adresse führt zu einem Trailer-Park. Und tatsächlich, in einem der Wohnwagen haust Cecilia unter befürchteten Umständen. Appelle an ihre Vernunft fruchten wenig. Die Situation steigert sich in ein groteskes Disaster.

Die beiden kurz beschriebenen Szenarien sind keine singulären Ereignisse, sondern werden, wie man sicher vermutet, miteinander in Verbindung stehen. Am Anfang der Erzählung tun sie es noch nicht. Derek Nikitas erzählt aus ständig wechselnden Perspektiven, wie sich die beiden Gruppen erst nur räumlich nähern. Ob eine emotionale Nähe unter ihnen entstehen kann, ist eine andere Frage. Jede Person hat erst einmal mit den eigenen Dämonen zu kämpfen und jede hat eine eigene Strategie entwickelt, mit ihnen umzugehen. Wenn oder falls dann der Blick frei wird, auch nur für einen kurzen Augenblick, den Mitmenschen zu sehen, ist es oft schon zu spät.

Brüche ist ein Roman, bei dem man schon zu Anfang das Gefühl hat, dass er nicht für alle gut ausgehen kann, weil es im wirklichen Leben auch nicht passiert. Diese Realitätsnähe zieht den Leser sofort in den Bann. Schon in Scheiterhaufen hat Nikitas bewiesen, dass er ein bewundernswertes Einfühlungsvermögen für seine Charaktere besitzt. Dort waren es vier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, hier in Brüche ist es eine gemischte Gruppe, deren Spektrum von einem Fünfzehnjährigen, der von seiner sexuellen Orientierung verwirrt ist, bis zu einem alternden Mann, der in jungen Jahren Schuld auf sich geladen hat, der nach langer Zeit der Verdrängung sich nun seiner Vergangenheit stellen muss, reicht. Wir lernen die einzelnen Personen gut kennen. Sie scheinen uns vertraut, da ihre Vergangenheit, die nach und nach entblättert wird, nicht von spektakulären Traumata gezeichnet ist, sondern von kleinen, scheinbar unbedeutenden Entscheidungen, wie sie ein jeder von uns täglich trifft, geprägt ist.

Bekanntermaßen tun sich deutsche Verlage mit der Titelgebung fremdsprachiger Originale schwer. Selten nur stimmt alles. Brüche korrespondiert mit dem englischen Titel Long Division, passt zum Inhalt des Romans und ist zudem interpretierbar. Im Englischen steht die Wortkombination "long division" für "schriftliche Division". Division, wir erinnern uns, ist eine der 4 Grundrechenarten. Einfache Divisionen kann man leicht im Kopf ausrechnen, komplexere macht man halt schriftlich, außer man ist ein Mathe-Genie wie Wynn Johnston im Roman. Divisionen kann man auch als Brüche darstellen ( 3:4 = ¾ ). Davon leitet sich der deutsche Titel ab. Wie nun Derek Nikitas dazu kam, Mathematik in seinen Roman einfließen zu lassen, erklärt er in seiner Danksagung am Ende des Buches. Er fühlte sich tief beeindruckt von einem Sachbuch des amerikanischen Autors David Foster Wallace mit dem Titel: Everything and More: A Compact History of Infinity, einem Abriss der Geschichte der Mathematik, das von mathematischen Phänomenen handelt, in dem aber auch philosophiert wird. Einiges von der mathematischen Philosophie findet sich in Nikitas´ Roman wieder – stark vereinfacht und verständlich, wie der Autor betont, was der Rezensent nur bestätigen kann.

Die Division hat es Nikitas wohl angetan. Nicht nur dass er seiner Roman nach ihr betitelt hat, er stellt ihm auch einen Vers aus dem Song "Long Division" der amerikanischen Indie-Rock-Band "Death Cab for Cutie" voran:

 

And they carried on like long division
And it was clear with every page
That they were further away
From a solution that would play
Without a remain remain remainder

 

Ein Interpretationsversuch des Rezensenten ist: das Leben kann manchmal einer Rechenaufgabe gleichen. Es gibt schnelle Lösungen mit einem klaren Ergebnis, mal dauert´s länger. Aber es gibt auch (Divisions-)Aufgaben ohne Lösung. Da kann man rechnen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag, es wird immer ein Rest bleiben. So stehen die Überlebenden der Geschichte vor genauso viel Problemen wie zuvor, obwohl einiges klar geworden ist und sich verändert hat, lösen ließ. Passend lässt Derek Nikitas die Leser im Ungewissen mit einem offenen Ende.

Potenzielle Leser sollten sich jetzt nicht von der "mathematischen Philosophie" abschrecken lassen. Brüche ist verständlich geschrieben, besitzt das Tempo einer Road-Novel und verstört mit den Schreckensbildern eines Thriller, ohne das diese zum Selbstzweck verkümmern. Gesellschafts- und sozialkritische Untertöne sind durchaus hörbar. Es ist kein Geheimnis, dass die Nicht-Privilegierten in Amerika (und auch sonst wo) noch härteren Zeiten entgegengehen werden. Brüche ist nicht der, sondern ein großer amerikanischer Roman. Chapeau, Herr Nikitas!

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