Die ehrenwerte Gesellschaft

  • Assoziation A
  • Erschienen: Januar 2012
  • 2
  • Paris: Gallimard, 2011, Titel: 'L'honorable société', Seiten: 329, Originalsprache
  • Berlin; Hamburg: Assoziation A, 2012, Seiten: 277, Übersetzt: Barbara Heber-Schärer
Die ehrenwerte Gesellschaft
Die ehrenwerte Gesellschaft
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Matthias Kühn
94°1001

Krimi-Couch Rezension vonSep 2012

Warten auf Gédéon

Meine Güte, ist das ein schneller Polit-Thriller: Dieser Krimi verfügt über ein nahezu sensationelles Tempo, und er verlangt uns einiges ab nicht nur, weil sich die Nebensätze im Kopf bilden müssen, weil oft Verben fehlen und weil glücklicherweise Adjektive absolute Mangelware sind; sondern auch, weil das Thema komplex ist. Und weil das Personal ziemlich breit angelegt ist.

Wer da nicht konsequent dabeibleiben und mitdenken möchte, wer also lieber alles vorgekaut haben will, der sollte von diesem Buch die Finger lassen. Denn hier muss mit angepackt werden:

 

Das Studio ganz oben im Hinterhaus eines alten Pariser Gebäudes ist groß und luftig. Beide Fenster stehen offen. Draußen Gelächter und da und dort das leise Echo laufender Fernseher. Weiter weg deutlich, aber unaufdringlich der Lärm der Stadt. [...]
Im Studio drei junge Leute.

 

So fängt Die ehrenwerte Gesellschaft an. Klar, sparsam und trocken. Oder etwas hochtrabender formuliert: parataktisch und elliptisch. Bis auf ganz wenige Sätze bleibt das so bis zum fulminanten Schluss.

Die drei Leute in diesem Studio sind Öko-Aktivisten Hacker mit einem großen Plan, den sie Gédéon nennen; und gleich anfangs passiert ein Mord, der alle Beteiligten auf völlig unterschiedliche Weise sehr beschäftigt. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Präsidentschaftswahl, die Vorwahlen stehen an und diese Wahl könnte Frankreich verändern. Denn es gibt anfangs undurchschaubare Verbindungen zwischen Politik, Atommafia und Betonproduzenten. Darum geht es, deshalb muss Benoit Soubise schon nach wenigen Seiten sterben, und natürlich wird es im Laufe des Buches nicht bei einem Toten bleiben.

Der Kandidat der Rechten, der gute Chancen hat, gewählt zu werden, ist ein kleiner Populist mit verqueren Vorstellungen: Diese Figur ist sehr nahe an Nicolas Sarkozy gebaut. Ob andere Leute ebenfalls Vorbilder in der französischen Gesellschaft haben, weiß ich nicht; wundern würde es mich nicht. Aber das braucht das Buch gar nicht, um wirklich brisant zu sein. Dafür sorgt schon das Thema: Die hart geschnittene, oft wie ein Drehbuch wirkende Story zischt hin und her vom Zentrum der Macht zur Vorstandsetage der Atombehörde, dann zu Geheimagenten und verschiedenen Polizeieinheiten, die sich auf Druck von oben gegenseitig behindern, und schließlich zu den so genannten Aktivisten, die in ihrer Naivität völlig überfordert sind. Eine tragende Rolle spielt der Vater des Mädchens aus der anfangs erwähnten Dreiergruppe: Ein britischer Journalist, der ehemals Kriegsberichterstatter war und nach einem einschneidenden Erlebnis zum Restaurantkritiker mutierte. Ihn beobachten wir auf seinem Weg zurück zum investigativen Journalismus.

Ein kleines Beispiel für die faszinierende Knappheit des Textes findet sich während einer Szene, als Polizisten eine verlassene Wohnung betreten:

 

Mit einer Stimme, die keinen Kommentar zulässt, befiehlt Pâris dem Nachbarn, sich anzuziehen, ruft Pereira und schickt ihn zum Concierge. Wenn sie Glück haben, hat er einen Zweitschlüssel für Scoarnecs Wohnung und sie brachen die Tür nicht einzuschlagen.
Ein paar Minuten und Verhandlungen später, in denen er alle Beteiligten an das Prinzip Gefahr im Verzug erinnert, um die Einwände zum Schweigen zu bringen, betritt Pâris die Wohnung von Scoarnec."

 

 

An dieser Passage sind gleich zwei Sachen mehr als bemerkenswert: Zuerst werden mehrere unterschiedliche Anweisungen an verschiedene Personen in einem Satz abgehandelt, wofür andere Autoren einen ganzen Absatz bräuchten. Und dann ja was denn jetzt? Wurde die Tür eingeschlagen? Wahrscheinlich schon, aber steht das da? Geht das knapper? Kaum. Das ist hochgradig filmisch.

Die ehrenwerte Gesellschaft ist also eine unglaublich dichte und randvolle Romanessenz, die dennoch zu jeder Zeit absolut lesbar bleibt. Aus diesem Stoff ließe sich bestimmt locker eine mehrstaffelige Serie machen. So dicht wie okay: Man stelle sich vor, ein 600-Seiten-Roman von Richard Price wird auf 280 Seiten eingedampft. So schnell und dicht ist das hier.

Na ja: Der Vergleich mit Richard Price hat einen Hintergrund, denn der hat auch an "The Wire" mitgearbeitet, und ich behaupte mal: Das Autorenduo kennt die Serie. Dieses Buch hier ist, wie der "Wire"-Vorläuferkrimi Homicide, komplett im Präsenz geschrieben, was das Tempo in beiden Fällen zusätzlich steigert. Die Präsenzschreiberei kann ordentlich nach hinten losgehen, Belege gibt es dafür ausreichend, hier aber funktioniert das vorbildlich.

Noch ein Punkt weist auf "The Wire" hin: Ursprünglich begannen die Autoren, eine Serie zu entwickeln; dem französischen Fernsehen wurde die Geschichte aber wohl zu heiß. So wurde dann aus dem Entwurf für eine ganze Serie ein einziger Krimi, bei dem auch das Fernsehen eins drüber bekommt. Mit vielen Details, die nicht nur dem Sender Kummer machten:

 

Pâris wartet ab, bevor er wieder zum Angriff übergeht. "Schauen Sie, ein paar Details machen mir Kummer. Es ist wahrscheinlich, dass unser Kollege von Leuten getötet worden ist, die wussten, was sie taten. Profis, wenn Ihnen das lieber ist."

 

Absolute Profis sind auch die Autoren: Zum einen die Gewerkschafterin, promovierte Historikerin und nach eigener Aussage Rätekommunistin Marie-Noëlle Thibault, die unter dem Pseudonym Dominique Manotti in Frankreich zum Superstar wurde; zum anderen der relativ junge DOA, der ebenfalls Kultstatus genießt. DOA benannte sich nach dem Noir-Klassiker "Dead On Arrival" von 1950, der auch schon für den frühen Punk große Bedeutung hatte.

Was das Lesen etwas erschwert und das ist das einzige Manko an diesem von Barbara Heber-Schärer offenbar auch glänzend übersetzten Buch: Abkürzungen wie PRG, EDF, CEA, DCRG oder DAPN werden nur in Fußnoten erklärt. Da wäre ein kleiner Apparat sinnvoller gewesen. Aber das sollte niemanden davon abhalten, diesen auch in den Dialogen nahezu perfekt gestalteten Thriller zu lesen.

Die ehrenwerte Gesellschaft

Dominique Manotti, Assoziation A

Die ehrenwerte Gesellschaft

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