Öl auf Wasser

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: W. W. Norton, 2011, Titel: 'Oil on water', Originalsprache
  • Heidelberg: Das Wunderhorn, 2012, Seiten: 231, Übersetzt: Thomas Brückner

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Jürgen Priester
Die Zeit steht still

Buch-Rezension von Jürgen Priester Sep 2012

Schlägt man im Lexikon oder bei Wikipedia unter "Kolonialzeit, neuzeitliche" nach, erfährt man, dass sie grob von Beginn des 16. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre dauerte. Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele Staaten in die Unabhängigkeit entlassen, wie es so schön heißt. Offiziell verschwanden die Namen der Kolonialherren wie England, Frankreich oder die Niederlande, zurück blieben die Großkonzerne, die nach wie vor die Politik einzelner Landstriche, ja ganzer Länder bestimmen.

Die Royal Dutch Shell, zu deren größte Anteilseigner das Niederländische Königshaus zählt, ist die geheime Kolonialmacht im südöstlichen Nigeria mit seinen reichen Erdölvorkommen am Unterlauf des Niger. Den Älteren unter uns wird diese Region noch unter dem Namen "Biafra" bekannt sein. Der Unabhängigkeitskrieg in den 1960er Jahren endete durch ein Total-Embargo in Hunger, Elend und Tod bei den betroffenen Bevölkerungsgruppen. Schon damals ging es letztendlich nur ums Öl. Heutzutage liegen die Exploration und Ausbeutung der Erdölvorkommen unangefochten in den Händen eines Konsortiums nigerianischer und ausländischer Ölfirmen unter der Federführung der Shell AG. Fünfzig Jahre Ölförderung führte zu einer Umweltkatastrophe ungeheuerlicher Dimension. Laut Schätzungen sind in der Zeit 2 Milliarden Liter Rohöl ausgelaufen und die verpesten ganze Landstriche im hochsensiblen Ökosystem des Niger-Deltas und der küstennahen Bereiche des Atlantischen Ozeans. Und wieder trifft es besonders die Ärmsten der Armen, die Landarbeiter, Bauern und Fischer. Von einer Reise in diese Region erzählt Helon Habilas Roman Öl auf Wasser.

Seit Mai diesen Jahres geistert dieser Roman durch die Redaktionen verschiedenster Medien und wird von Rezensenten ausschließlich mit Hochachtung bedacht. Derzeit führt er die KrimiZeit- Bestenliste an. Seine Veröffentlichung in Deutschland verdanken wir dem kleinen Verlag "Das Wunderhorn", dessen exquisite Reihe "AfrikaWunderhorn von der Herausgeberin Indra Wussow liebevoll betreut wird. Öl auf Wasser ist weder Thriller noch Krimi im eigentlichen Sinn, sondern erzählte Realität. Habila muss nicht auf die Techniken der genannten Genres zurückgreifen, nichts künstlich verstärken, um Aufmerksamkeit zu wecken oder Spannung zu erzeugen. Was bei ihm thrillt, ist durch Nachrichten und Reportagen hundertfach belegt. Sein Narrativ bekommt durch den Ich-Erzähler Rufus eine ganz persönliche Note.

Port Harcourt, die Hafenstadt an der Mündung des Nigers in den Atlantik, ist der Ausgangspunkt von Habilas Erzählung. Hier haben die Ölkonzerne ihre Nachschubdepots und Verwaltungen. Hier wohnen die leitenden Mitarbeiter, bevorzugt in gut gesicherten Villen aus der Kolonialzeit. Unter ihnen befindet sich der britische Ingenieur James Floode, um dessen Ehe es nicht zum Besten steht. Seine in London lebende Ehefrau Isabel ist gerade angereist, um einen letzten Versuch zu starten, ihre Ehe zu kitten. Ihr schwebt ein gemeinsames Kind vor, aber das erwartet der Herr schon von seiner einheimischen Hausangestellten. Es kommt zu einem Zerwürfnis. Zwei Tage später verschwindet Isabel, wahrscheinlich von Rebellen gekidnappt. Eine Lösegeldforderung lässt auf sich warten. Mr. Floode reißt sich nicht gerade die Beine aus, um seine Frau wiederzubekommen.

In Port Harcourt lebt auch der junge engagierte, aber auch recht ehrgeizige Reporter Rufus, der alles daransetzt, als Vermittler in diesem Entführungsfall fungieren zu dürfen, wittert er doch die Story seines Lebens. Zusammen mit der in die Jahre gekommenen Reporter-Legende Zaq wird er dann auch ausgeschickt, Kontakt mit den Entführern aufzunehmen und ein Lebenszeichen der entführten Isabel mitzubringen. Es wird ein beschwerlicher Weg, denn die beiden geraten nicht nur zwischen alle Fronten, Zaqs Alkoholabhängigkeit und seine Fiebererkrankung gefährden zunehmend den Erfolg ihrer Unternehmung.

Für Rufus ist diese Odyssee nicht nur eine Konfrontation mit den Gräueln der Gegenwart, sondern auch eine Reise in seine eigene Vergangenheit. Aufgewachsen ist er auf einem kleinen Dorf, dessen Gemeinschaft so lange intakt war, bis auf ihrem Grund Ölvorkommen entdeckt wurden. Damit setzt sich eine Abwärtsbewegung in Gang, die sich überall wiederholt. Die Verseuchung der Lebensgrundlage erzeugt Hunger, dieser gebiert Verzweiflung, die sich in ein fahrlässiges Anzapfen der Ölleitungen äußern kann oder in Form von Gegenwehr, die vom nigerianischen Militär brutal niedergehalten wird. Seine Erinnerungen machen Rufus ein schlechtes Gewissen, denn er ist nicht mehr Teil der verelendeten Landbevölkerung, sondern als Journalist zählt er zur Mittelschicht, die indirekt von den Ölmilliarden profitiert. Rufus hätte ein Kämpfer werden können, hat es aber nur zum stillen Beobachter gebracht.

Ob nun die hier geschilderte Ölförderung oder als anderes Beispiel der landraubende Goldabbau in Guatemala oder Ghana, es sind meist ausländische Großkonzerne, die sich mit Duldung der jeweiligen Regierung zu Lasten der indigenen Bevölkerung bereichern. Eine moderne Form des Kolonialismus, von dessen Folgen nur dann zu lesen ist, wenn es zu spektakulären Katastrophen kommt. Das fortdauernde Siechtum ist keiner Schlagzeile wert.

Mit Öl auf Wasser bietet Helon Habila dem interessierten Leser einen Einblick in den Mikrokosmos einer ursprünglich schönen, jetzt aber weitgehend zerstörten Region. Der Autor ist einer, der lieber auf die Wunden zeigt, als dass er den Finger in sie hineintaucht und ihn dann anklagend in eine bestimmte Richtung erhebt. Ein Beobachter wie sein Held, eine Mahner allemal.

Habilas anspruchsvolle Sprache fängt den Leser ein, elektrisiert ihn, ins Unbekannte einzutauchen, und motiviert ihn vielleicht, mal des öfteren ein Blick auf Afrika zu werfen, wo in manchen Regionen die Zeit still zu stehen scheint.

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