Der Heiler

  • Hörbuch Hamburg
  • Erschienen: Januar 2012
  • Helsinki: Helsinki kirjat, 2010, Titel: 'Parantaja', Originalsprache
  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2012, Seiten: 5, Übersetzt: Wolfram Koch
Der Heiler
Der Heiler
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Andreas Kurth
85°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2012

Beklemmend realistisch

Tapani Lehtinen hat als Lyriker nur Bücher mit Auflagen um die 200 Exemplare veröffentlicht. Seine Frau Johanna ist da als Journalistin ungleich erfolgreicher. Im Helsinki der nahen Zukunft gibt es nur noch wenige ihrer Zunft, die den Beruf wirklich ernsthaft betreiben, die meisten schreiben nur noch schlüpfrige Sensationsgeschichten, die gute Auflagen garantieren. Tapanis Frau ist dagegen einer Story über den mysteriösen "Heiler" auf der Spur – und bei ihrer aktuellen Recherche spurlos verschwunden. Der galoppierende Klimawandel hat Skandinavien mit Flüchtlingen aus südlicher liegenden Staaten überflutet. Chaos und Gewalt dominieren, private Sicherheitsdienste sind wichtiger als die machtlose Polizei, wer es sich leisten kann zieht in noch weiter nördlich gelegene Privat-Städte, um dort einigermaßen erträglich leben zu können. In dieser prekären Lage zieht der "Heiler" als unsichtbarer Schatten durch die Stadt und ermordet zielgerichtet Manager und Geschäftsleute samt ihrer Familien, die er für die Klimakatastrophe verantwortlich macht. Tapani macht sich voller Verzweiflung auf die Suche nach Johanna, trifft aber bei Kollegen und Polizei auf eine Mauer des Schweigens. Er lässt jedoch nicht locker – und findet Dinge über die Vergangenheit seiner Frau heraus, die ihn zutiefst verstören. Schließlich kommt er dem "Heiler" immer näher, und bringt sich selbst damit in höchste Gefahr.

Der finnische Autor Antti Tuomainen hat ein eindrucksvolles Erstlingswerk vorgelegt. Es ist eine Mischung aus Polit- und Endzeit-Thriller, gemischt mit einer als Kriminal-Roman verbrämten Liebesgeschichte. Dabei mischt er die verschiedenen Elemente derart geschickt, dass man dieses Buch in keine eindeutige Schublade stecken kann. Die Verwahrlosung der finnischen Hauptstadt und die allgemeinen Probleme der Menschheit werden nur soweit geschildert, wie es für den Plot wirklich wichtig ist. Tuomainen verzichtet völlig auf ausschweifende Lage-Analysen seiner Protagonisten, dafür geht er tief in die persönlichen Befindlichkeiten hinein.

Ein geschickter dramaturgischer Kniff ist aus meiner Sicht der Verzicht auf einen ausgebildeten Ermittler. Vielmehr lässt der Autor seine Hauptfigur, den zuweilen tapsig wirkenden Schriftsteller Tapani Lehtinen, die verzweifelte Suche nach seiner geliebten Frau schildern. Dabei bekommt er schließlich doch Hilfe von Johannas Kollege, von einem Polizisten und seinem wichtigsten Helfer, einem Taxi-Fahrer. Der träumerische Lyriker sammelt beim Leser aufgrund seiner harmlosen Attitüde einige Sympathie-Punkte, und zeigt sich gleichzeitig als hartnäckige und fantasievolle Spürnase, die sich auch von Gefahr für Leib und Leben nicht abschrecken lässt.

Der Heiler ist eine Art Phantom, das für den militanten Flügel der Umweltschutz-Bewegung steht. Die Blutspur, die dieser selbsternannte Rächer der Menschheit durch die finnische Metropole zieht, führt Tapani schließlich doch auf seine Spur. Bis er soweit ist, muss der Lyriker manch unangenehme Wahrheit akzeptieren. Und er bekommt einen unverfälschten Blick auf das post-apokalyptische Leben in Helsinki. Die Zivilisation ist nur noch ein Gerippe, die Ur-Instinkte regieren das Leben der Menschen. All das beschreibt Antti Tuomainen nicht ausschweifend und wortgewaltig, sondern eher mit harten, kurzen Schnitten. Direkte, unverfälschte Sprache dominiert diesen lesenswerten Roman, der problemlos als Vorlage für ein gutes Drehbuch dienen könnte.

Die Schilderung dieser scheinbar hoffnungslosen Zeit ist Lese-Kino der feinsten Art. Inhaltsschwer, ohne sich zu verzetteln. Und spannend, ohne auf allzu brutale Action zu setzen. Geradezu beklemmend ist bei der Lektüre, dass viele der Entwicklungen, deren Auswirkungen und Ende Antti Tuomainen so eindringlich schildert, bereits eingesetzt haben. Man könnte sein erschreckend realistisches Buch auch als flammenden Appell werten – wenn es nicht "nur" ein Kriminalroman wäre.

Der Heiler

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