Der Seelenrächer

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Dublin: Liberties, 2010, Titel: 'A gathering of souls', Seiten: 356, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 384, Übersetzt: Birgit Moosmüller

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Michael Drewniok
Sünden der Vergangenheit generieren Verbrechen der Gegenwart

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2012

Als Eva Quinn am Jahrestag des Unfalltodes ihres Sohnes noch spät in der Nacht an seinem Grab trauern möchte, wird sie auf dem Glasmerin-Friedhof der irischen Hauptstadt Dublin überfallen und entführt; der Kidnapper begräbt sie lebendig, denn sie soll jämmerlich verdursten – ein Tod, der zuvor schon sechs andere Frauen ereilt hat.

Dieses Mal hat sich der Täter an der Ehefrau eines Polizisten vergriffen: Moss Quinn ist Detective Inspector bei der Garda Síochána, der irischen Nationalpolizei, sein Kollege und Freund Sergeant Joe Quinn ist Evas Onkel. Der Affront geht noch weiter, denn genau diese beiden Beamten hatten bisher die Mordserie bearbeitet und sogar einen geständigen Täter präsentiert. Doch Doyle hatte Conor Maggs, der schon seit seiner Jugend als Prügelknabe herhalten musste, beim ´Verhör´ brutal zusammengeschlagen; Maggs wurde entlassen und lebt seitdem in London. Quinn und Doyle gerieten unter den Druck der Justiz und der Medien, der Mörder treibt weiterhin sein Unwesen.

72 Stunden kann Eva ohne Wasser überleben. Diese Frist bestimmt die Ermittlungen, die hektisch und ohne Rücksichten vorangetrieben werden. Mit Feuereifer heizt die Garda der Unterwelt von Dublin ein. Doch hier ist man ratlos; nie würde man die Polizei auf diese Weise reizen. Folglich müssen persönliche Gründe hinter der Entführung stecken – und dies weist auf Conor Maggs hin, der guten Grund zur Rache hätte.

Als Quinn und Doyle erfahren, dass Maggs längst heimlich nach Dublin zurückgekehrt ist, setzen sie ihm erneut hart zu. Doch Maggs wehrt sich nicht nur, er weckt auch Zweifel: Ist den Polizisten bekannt, dass Patrick McGuire, ein Freund der Familie Quinn, seit Jahren unsterblich aber hoffnungslos in Eva verliebt ist? Diese Information birgt Zündstoff, denn Patrick ist der Bruder von Chief Superintendent Frank McGuire, Quinns Vorgesetzten. Ein Verdacht keimt auf, und er ist ebenso gefährlich wie unmöglich unter Verschluss zu halten …

Die Unsterblichkeit der Vergangenheit

Nicht nur alte Liebe rostet nicht; Hass ist sogar noch beständiger. Er kann an der Oberfläche längst überwunden sein und doch in einem windstillen Winkel des Gedächtnisses weiterschwelen, bis ihn eine provokationsfrische Brise eines emotionalen Tages wieder anfacht. In unserem Fall verbindet sich gut abgelagerter, hochprozentiger Hass mit beträchtlicher Cleverness.

Der Mörder ist ein Ungeheuer, aber er wurde quasi zu einem gemacht, und die Hauptfiguren dieses Dramas haben ahnungslos oder gleichgültig ihren Anteil daran gehabt. Diese Erkenntnis ist das Ergebnis nur einer der Wendungen, die Gerry O’Carroll die Handlung immer wieder nehmen lässt. Der Seelenrächer ist trotz des deutschen Plump-Titels, der wohl das Publikum für Psycho-Kitsch à la Joy Fielding locken soll, ein Thriller, der durch seine Kompromisslosigkeit gleichermaßen überrascht wie fasziniert.

Hier treten nur scheinbar die üblichen Abziehbilder – der irre aber geniale Schurke, der beruflich bedrängte und privat gescheiterte Polizist – gegeneinander an. Zwar anwesend aber ebenfalls nicht in ihrer üblichen Funktion als Zeilenschinder sind die leidende Gattin, die traurigen Kinder, die verführerische Kollegin u. a. Figuren, die gern zu Lektürespaß-Dieben entarten. O’Carroll läßt nicht zu, dass sie das Geschehen an sich reißen und einen guten Krimi mit billiger Seifenoper verwässern.

Die Ratlosigkeit der Profis

Im Zentrum steht der Fall, ohne dass der Autor die menschlichen Aspekte des Geschehens vernachlässigen würde. Der Suspense-Druck ist allgegenwärtig. So gibt es keine Kapitelüberschriften, sondern nur Tagesdaten und Uhrzeiten: Obwohl O’Carroll nur selten zu Eva in ihrem Erdgrab umschaltet, wissen wir, dass die Uhr tickt und ihre Zeit abläuft.

O’Carroll spiegelt dies in einer Handlung wider, die an Tempo unmerklich aber stetig zunimmt. Die Not heiligt wie der Zweck die Mittel, doch unter Zeitdruck und Stress leidet die Fahndungsmethodik, was wiederum dem Täter in die Hände spielt. Dieser ist wie gesagt clever aber keineswegs ein Genie. Einer systematischen Ermittlung könnte er nicht lange standhalten, aber Raffinesse ist in der beschriebenen Situation unmöglich. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, auch wenn sie falsch sein mögen: Es muss vorangehen!

Die Polizisten sind ratlos, müde und zunehmend verzweifelt. Den sorgfältig zusammengestellten Botschaften des Täters schenken sie zunächst kaum Beachtung. Stattdessen wird die Ermittlungsmaschinerie auf Hochtouren gebracht – und läuft ins Leere, denn dies ist eben kein Verbrechen, das sich durch Routine und Insidertricks klären ließe, indem man die Unterwelt unter Druck setzt. Hier spielen Emotionen die Hauptrolle; sie verleihen der Polizeiarbeit einen zunehmend schrillen Unterton.

Fallverlauf mit Hakenschlägen

Die Kunst des Twists ist auch die tragische Geschichte literarischen Versagens. Der Versuch, eine auf Kurs gebrachte Handlung so aus dem Ruder laufen zu lassen, dass geschilderte Ereignisse plötzlich eine gänzlich andere Bedeutung gewinnen, ist riskant und schwierig. Wenn er allerdings glückt, ist der Erfolg garantiert. O’Carroll gelingt dies gleich dreifach. Jedes Mal sind wir davon überzeugt, jetzt die Entlarvung des Täters zu erleben. Stattdessen schlägt die Handlung einen weiteren Haken und landet schließlich dort, wo wir sie sicherlich nicht erwartet hätten.

Dabei hat es O’Carroll nicht einmal nötig, sich an dem im Genre heute so beliebten Epilog-Twist zu versuchen, der nach Abschluss der eigentlichen Handlung für Sensationen sorgen soll, die ausschließlich dem Leser gelten und der Story oft schaden. Der Seelenrächer endet, wenn das letzte Ereignis-Steinchen gesetzt ist. Wie es den Überlebenden nach dem Schlussgong ergeht, spart O’Carroll aus.

Abermals sorgt die Beschränkung auf das Wesentliche für Spannung. Die Unsicherheit der Ermittler teilt sich dem Leser mit. Polizei-Humor, wie ihn Ian Rankin oder Stuart MacBride einfließen lassen, sucht er hier vergebens. Hier wirft man sich nicht gegenseitig Knüppel zwischen die Beine. Zwar wird ausgiebig gestritten, doch man arbeitet zusammen.

Lokalkolorit ist mehr als Ortskenntnis

Gerry O’Carroll ist ´vom Fach´. Viele Jahre war er selbst für die Garda Síochána tätig. Für innerpolizeiliche Probleme ist er keineswegs blind, aber als Kritiker sieht er sich höchstens, wenn es darum geht zu schildern, wie der Polizei seitens der Politik, der Medien oder der Öffentlichkeit Unrecht getan wird, die alle fern vom Schuss auf Ergebnisse pochen, doch sich dafür die Finger nicht schmutzig machen wollen.

So sollte man mit O’Carrolls nicht gerade optimistische Weltsicht berücksichtigen, um diesen Thriller verstehen und genießen zu können. Joe Doyle, dem gern die Faust ausrutscht, ist kein Kandidat für die Anklagebank, sondern nach O’Carroll genau der grobe Klotz, der eine Ordnungsmacht effizient komplettiert. Nur mit Männern wie Doyle lässt sich eine Kriminalität in Schach halten, die sich an keine Vorschriften halten muss. Auf diese Weise hat sich ein ungeschriebenes Regelwerk mit wenigen aber wichtigen Kapiteln entwickelt, an das sich sowohl die Dubliner Unterwelt als auch die Polizei hält – bisher, denn der Verfasser deutet zumindest an, dass auch das Verbrechen sich globalisiert. Vor allem aus Asien und den Staaten des untergegangenen Ostblocks drängen neue Organisationen ins Land, die sich an Ganovenehre nicht gebunden fühlen. Auf diese Weise zahlt das moderne Irland seinen Preis für den Anschluss an die Welt. Dabei sind nicht einmal die Probleme der eigenen Vergangenheit bewältigt. Vor allem die Jahrhunderte der oft grausamen britischen Oberherrschaft, die erst 1922 mit der Gründung Republik Irland endete, sind keineswegs überwunden, zumal der Nordosten weiterhin zum Königreich gehört.

Dass den Leser eine angenehme Überraschung erwartet, ist an dieser Stelle hoffentlich klar zum Ausdruck gekommen; dies muss auch deshalb herausgestrichen werden, weil Der Seelenrächer, zwar gut übersetzt wurde aber mit einem nichtssagenden Cover ´getarnt´, in der in die Buchmärkten schwappenden Taschenbuch-Flut unterzugehen droht. Dabei ist dies keineswegs ein typischer Verbrauchs-Krimi, sondern ein Roman, der Aufmerksamkeit verdient!

Der Seelenrächer

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Letzte Kommentare:
28.09.2012 22:36:53
PeterPanter

Wirklich ein toller Tipp für Krimi-Fans, die (fast) alles an britischen/ irischen Krimis schon kennen und endlich mal was "Neues" lesen wollen - und den ich hier auf der Krimi-Couch entdeckt habe!
Ab Seite 13 hatte ich kurz befürchtet, jetzt eine Art Polizeiakte lesen zu müssen - aber weit gefehlt, es wurde wirklich immer spannender. Der Leser fällt zwar nicht auf jede neue Ermittlungsrichtung der sehr menschlichen Polizisten herein (manchmal flucht man fast über das Auf und Ab), und doch bleibt man beim eigenen Spekulieren bis kurz vor Schluss tatsächlich unsicher. Immer wieder musste ich zurückblättern, nachlesen, dachte, den Autoren bei einem "Fehler" erwischt zu haben - kurz: Man ist ganz "drin" in dieser Story.
Danke für die Rezension, denn nur vom Klappentext ausgehend hätte ich dieses Buch nie gekauft (und vermutlich auch nie gelesen).