Hoffnung ist Gift

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: audio media, 2012, Seiten: 5, Übersetzt: Thomas M. Meinhardt

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Jürgen Priester
Ein Sündenbock

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jul 2012

Es kommt ja nicht gerade häufig vor, dass der deutsche Titel eines fremdsprachigen Krimis oder Thriller auch mit dessen Inhalt korrespondiert. Ja, es ist eigentlich so selten, dass man es lobend erwähnen muss. Im englischen Original heißt Iain Levisons Roman schlicht The Cab Driver, damit rückt der Autor die zentrale Bedeutung seines Helden in den Vordergrund – er beschreibt das gradlinige, unaufgeregte Leben eines Mannes, der plötzlich ohne Eigenverschulden in eine Situation gerät, in der jede Hoffnung zu Gift wird.

Seit zwölf Jahren ist Jeff Sutton Taxifahrer in Dallas, Texas, davor arbeitete er lange Zeit als Fenster-Monteur. Auf seiner letzten Fahrt eines Dienstagabends befördert er einen Fahrgast – es handelt sich um eine attraktive Frau um die 30 – vom Dallas International Airport zu ihrem Heim im noblen Viertel Westboro. Da die Dame nicht genügend Bargeld parat hat, bittet sie Jeff, kurz mit ins Haus zu kommen und dort zu warten. Jeff nutzt die Gelegenheit, die Toilette benutzen zu dürfen. Nachdem er sich erleichtert hat, steht er müßig herum, derweil hört er die Dame des Hauses im 1. Stock mit lauter Stimme telefonieren. Durch eine offenstehende Tür sieht er an einem Fenster das Logo seiner alten Fenster-Firma. Neugierig, ob er am Fenster auch die Signatur seines ehemaligen Chefs entdecken kann, öffnet und schließt er es. Zurück in der Diele lässt die Hausherrin auch nicht mehr lange auf sich warten. Mit einem guten Trinkgeld obendrauf verlässt Jeff das Haus und strebt heimwärts. Unterwegs sieht er zwei ziemlich angetrunkene Studentinnen. Hilfsbereit wie er ist, lädt er sie zu einem kostenlosen Lift ein, da das Studentenwohnheim auf seinem Weg liegt. Als kleines Dankeschön kotzt ihm eine der beiden in den Fond seines Wagens. Solche Missgeschicke sind für Jeff nichts Außergewöhnliches. In der Taxizentrale angekommen säubert er fix den Wagen mit reichlich Wasser und einem Dampfreiniger. Nach Erledigung der Übergabeformalitäten hat er endlich Feierabend.

Am Morgen des übernächsten Tages steht die Polizei vor seiner Tür. Er steht unter dem dringenden Verdacht, die Tochter seines letzten Fahrgastes gekidnappt zu haben. Er wird vorläufig festgenommen.

Der Rezensent hat die Eingangsszene des Romans mit Absicht so ausführlich geschildert, weil die Abfolge der Ereignisse und die Zeitschiene für die weitere Entwicklung des Falles von entscheidender Bedeutung sein werden. Von der Abfahrt am Hause des letzten Fahrgastes bis zu Jeffs Eintreffen in der Taxizentrale ist maximal eine halbe Stunde vergangen. In diesem kurzen Zeitfenster soll Jeff die Entführung des jungen Mädchens durchgezogen haben, so mutmaßt die Polizei. Sie stützt ihre Behauptung auf Fingerabdrücke, die Jeff am Fenster hinterließ, auf die Tatsache, dass er sein Taxi so übergründlich gereinigt hat, und zudem gibt es die Aussagen zweier äußerst dubioser Zeugen, die ein Mädchen in Jeffs Taxi gesehen haben wollen. Kurzum, die Beweislast der Polizei ist so löchrig wie ein Schweizer Käse und so leicht angreifbar wie eine Sandburg.

Auch wenn es Iain Levison primär nicht darum geht, einen Fall authentisch zu reproduzieren, sondern ihn verallgemeinernd nutzt, um auf Macht und Willkür der Strafverfolgungsbehörden hinzuweisen, denen es ein Leichtes zu sein scheint, einen Unschuldigen zum Sündenbock zu machen, trotzdem wünschte man sich eine etwas realistischere Ausgangssituation.

Aus Nachrichten, Reportagen, Sachbüchern und nicht zuletzt aus Krimis und Thrillern wissen wir von dem Erfolgsdruck, der auf Ermittler und Staatsanwaltschaft lastet, wenn ein Fall ein besonderes öffentliches Interesse geweckt hat. Da müssen Ergebnisse her, koste es, was es wolle. Dabei sind dann Fehler fast vorprogrammiert. Man denke nur an den realen Fall Lena in Emden. Wie schnell präsentierte die Polizei einen völlig Unschuldigen, wie sich alsbald herausstellte, als dringend Tatverdächtigen, dessen Identität dann auch noch publik wurde, sodass Medien und Mob sich auf ihn stürzen konnten.

Iain Levisons Held Jeff Sutton befindet sich in einer ähnlichen Situation. Ein Mädchen wurde entführt, vermutlich vergewaltigt und ermordet. Die Medien laufen Sturm. Eine Vorverurteilung geht allen leicht von der Hand. Trotz aller Widersprüchlichkeiten hält die Polizei an Sutton als Täter fest. Er ist einfach ideal – keine nähere Verwandtschaft, wenig soziale Kontakte, keine Lobby – es gibt Niemanden, der sich für ihn einsetzen würde. So sitzt er als Untersuchungshäftling im Todestrakt des Gefängnisses mit fünf veritablen Mördern ein. Schikanöse Verhöre, die Gemeinheiten des Gefängnisalltags und das mangelnde Engagement seines Pflichtverteidigers lassen seine Hoffnung schwinden, hier noch einmal als freier Mann herauszukommen. Die lange Zeit des Wartens, die Monotonie der Umgebung, des Tagesablaufs rauben ihm seine Identität. Er fühlt sich lebendig begraben und manchmal scheint ihm ein vorzeitiger Tod eine wünschenswerte Erlösung zu sein. Tagträume gaukeln eine Realität vor, die nur falsche Hoffnungen weckt.

Hoffnung ist Gift ist ein Kammerspiel im wahrsten Sinne des Wortes, meist nur mit einer Person, deren innere Monologe der Leser hautnah mitverfolgen kann, da sie aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Jeff Suttons Situation ist völlig absurd. Er weiß, dass er unschuldig ist, die Polizei weiß es, die Staatsanwaltschaft ebenso, sein Verteidiger weiß es später auch. Trotzdem sitzt er ein. Fast schicksalsergeben nimmt er dieses Los auf sich. Da ist kein Aufbegehren, keine Impulsivität, kein Leben, sondern nur Lethargie, ja Apathie sogar. Den einzigen Halt findet Jeff in den Gesprächen mit dem zynischen, mehrfachen Mörder Robert während des einstündigen Hofganges. Eine Stunde eines echten zwischenmenschlichen Kontaktes, die ihm wichtiger vorkommt, als ein weiterer sinnloser Besuch seines Anwalts. Schizophren schon, aber er weiß es nicht.

Iain Levison schreibt in seinen Romanen gerne über Außenseiter oder über eher bürgerliche Typen (Tiburn, 2008), deren Leben durch außergewöhnliche Ereignisse schlagartig verändert wird. Seine Helden, wenn man sie so bezeichnen will, stehen stets im Mittelpunkt. Ihre Gefühle, ihre Gedanken und daraus resultierend ihr Verhalten machen die Faszination aus, die Levisons Romanen innewohnt. Die Verbrechen, die seine Protagonisten begehen oder in die sie involviert sind, rücken an die zweite Stelle. Die Antwort auf die Frage nach Schuld oder Unschuld ist nicht immer klar und eindeutig, im amerikanischen Rechtssystem ist sie viel zu oft von der Willkür einzelner Interessengruppen beeinflusst. Ein kleiner Mann wie Jeff Sutton ist ihr machtlos ausgeliefert.

Etwas abseits der gängigen Tätersuche bietet Hoffnung ist Gift spannende Abwechslung, die sich nicht auf äußerliche Spannungselemente oder gar Action stützt. Vielmehr stellt sich schnell eine emotionale Verbundenheit zwischen Jeff und dem Leser her. Einen Unschuldigen mit solchen Injurien malträtiert zu sehen, macht nicht nur betroffen, sondern auch wütend. Dass Jeffs Fall auf einer wahren Begebenheit basieren soll, mag man gar nicht glauben, zu einfältig scheint das Lügenkonstrukt der Polizei. Aber andererseits wissen wir auch, dass die Realität oft viel härter ist als jede Fiktion.

Ein lesenswerter Spannungsroman der anderen Art!

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