Stiller Tod

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Stuttgart: Tropen, 2012, Seiten: 380, Übersetzt: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann

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Jochen König
Ständige Angst und die Gefahr gewaltsamen Todes; und das Leben eines Menschen, einsam, armselig, tückisch, brutal und kurz

Buch-Rezension von Jochen König Jun 2012

Roger Smith entwickelt sich mit Wucht zu einem Bastardsohn Patricia Highsmiths.

Sohn: Eine labile Kleinfamilie zerbricht an einem tragischen Unglücksfall. Ein soziopathischer Voyeur zieht seinen Nutzen daraus.

Bastard: Der rote Lebenssaft fließt mitunter in Sturzbächen. Messer wüten, Schädel werden eingeschlagen, die Kehle zerfetzt. Der weiße, von einer technisch aufwendig ausgestatteten Sicherheitsfirma bewachte, Villenvorort Kapstadts mit eigenem Strand, wird konterkariert durch Townships und Hinterhöfe, in denen Gewalt, Missbrauch und billiger, käuflicher Sex nicht die Ausnahme, sondern Regel ist. Dazwischen derangierte Persönlichkeiten soweit das Auge reicht.

Der Vater ist abgelenkt von einem Joint und Neugier, die Mutter provoziert, scharf auf außerehelichen Sex, zumindest unbewusst den Tod der ungeliebten Tochter. Sunny Exley ertrinkt an ihrem vierten Geburtstag, beobachtet vom hinkenden Ex-Cop und jetzigen Security-Mitarbeiter Vernon Saul. Der Sunnys Tod durch beherztes Eingreifen, durch einen einfachen Hilferuf hätte verhindern können. Doch er will sehen "was geschieht". Weil er es kann.

Damit löst er einen Strudel der Gewalt aus, der alle Beteiligten erfasst und ein in wenige Tage gepresstes Kondensat seines bisherigen Lebens ist. Saul ist ein perverser Samariter, eine monströse, zutiefst gedemütigte, an einer zynischen Version des Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidende Seele, die andere erst in tiefste Bedrängnis bringt und sich anschließend daran erfreut, sie aus dieser Bredouille zu befreien. Wobei diese "Befreiung" natürlich eine Fessel ist, die seine Versuchsobjekte auf Gedeih und Verderb an ihn bindet. Man muss kein Hellseher sein, um zu schließen, dass dieses Verhalten irgendwann in Wahnsinn und Tod enden wird. Fragt sich bloß für wen?

Manch einer mag Roger Smith seine destruktive Weltsicht vorwerfen, es gibt kaum eine Person im Roman, die nicht mental am Zerreißpunkt, manchmal auch darüber hinaus, agiert oder zumindest gebrochen ist von der eigenen Lebensgeschichte. Smith ist in dieser Beziehung atemberaubend konsequent und spiegelt in seinen Protagonisten letztlich nur das Leben in einem von Gewalt, Rassentrennung und –hass geprägten Südafrika wider. Während die Stripperin Dawn Cupido nicht mal Zahlen zu nennen vermag, wie viele Kinder in ihrem Viertel missbraucht, entführt, vergewaltigt und ermordet worden sind, igelt sich die weiße "Elite" in streng und elektronisch überwachten Edel-Ghettos ein. Nicht ahnend, dass genau dieser Zustand die Gefahr darstellt, die eigentlich abgewendet werden sollte.

Sunny Exleys überflüssiger Tod bringt Schmerz und Verlust aus den Townships an den sonnigen Strand. Nick Exleys Trauer lässt ihn, den Computer-Nerd, ins Virtuelle flüchten, wo eine künstliche Sunny permanent für ihn tanzt, die Leere aber nicht ausfüllen kann. Nick muss noch weiter in die Hölle aus Gewalt und Tod hinabsteigen, ehe eine echte Beziehung, die einen glatten Schlussstrich zieht, eine zweite Chance möglich erscheinen lässt. Dass dabei ausgerechnet seine Computerkenntnisse von großem Nutzen sind, ist ein letzter, sarkastischer Scherz auf Kosten einer Überwachungsgesellschaft, die Sicherheit mehr illusioniert als tatsächlich schafft.

Vernon Saul und Dawn Cupido sind die berüchtigten beiden Seiten derselben Medaille. Und beide auf ihre Art schillernde, ambivalente und faszinierende Charaktere. Beide Missbrauchsopfer, aus ähnlichen Verhältnissen stammend, steht Dawn für das Prinzip Hoffnung, währen Vernon eine ständige breiter werdende Spur von Gewalt und Vernichtung hinterlässt. Das Märchenhafte und der Alltag – Roger Smith kämpft sich so wütend wie klar durch beide Alternativen. Wenn am Ende ein Flieger in die Lüfte steigt, ist zwar eine Flucht möglicherweise geglückt, doch an den Verhältnissen und der aufgeladenen Schuld hat sich nichts geändert. Hoffnung ist das Ding mit Flügeln wie wir ja wissen. Manchmal fliegt es, doch noch öfter stürzt es ab.

Stiller Tod ist die faszinierende, düstere und spannende Chronik eines solchen Absturzes. Eigentlich mehrerer. Phönix? Wer weiß…

Patricia Highsmith würde garantiert gefallen, was der kleine, große Smith so treibt. Die explizite Gewaltdarstellung vielleicht nicht; der Rest hingegen schon.

Stiller Tod

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Letzte Kommentare:
02.11.2012 12:31:43
Marius

Schuld, Vergebung und Liebe in Kapstadt

Das hat Roger Smith noch nie gewagt: Neben den von ihm bereits bekannten detaillierten Schilderungen des kriminellen Lebens Südafrikas erzählt er diesmal auch von Schuld, Vergebung und der Liebe. Neben dem reichlich grausamen Plot mit all seinen blutigen Volten variiert er das Pretty-Woman-Motiv und gewinnt seinem Roman diesmal fast zwischenmenschliche Tiefe ab.

„Stiller Tod“ erzählt von der dysfunktionalen Familie Exley, deren Tocher Sunny ertrinkt, während die Mutter in der Küche mit dem Liebhaber zu Gange ist, während Sunnys Vater Nick auf der Terasse Drogen konsumiert. Dies wäre als Schicksal tieftraurig und bestürzend, würde der ehemalige Cop Vernon Saul nicht teuflischen Nutzen aus der Tragödie ziehen. Dieser beobachtet in seiner Funktion als Wachmann die tödlichen Geschehnisse im Hause Exley und beginnt einen diabolischen Plot in die Tat umzusetzen. Allmählich erschleicht er sich Nicks Vertrauen und verstrickt in ihn in ein Netz aus Schuld und Abhängigkeit, das für ihn schon bald tödliche Konsequenzen bereithält.

Sonderlich viel Neues beinhaltet „Stiller Tod“ nicht. Die Motive sind weitestgehend aus den drei Vorgängerromanen bekannt, doch wie oben erwähnt wagt Smith in seinem neuen Thriller auch ein Novum. Zum einen spielt der Roman fast durchgängig in Kapstadt und widmet sich nur dem kriminellen Leben der Hauptstadt anstelle ein Panorama Südafrikas zu zeichnen. Und zum zweiten verzichtet der Südafrikaner zumindest auf den ersten hundertfünfzig Seiten auf brutale Handlung in der Gegenwart. Zwar sind die Rückblenden, die die Geschichten und Schicksale der Protagonisten schildern, gewohnt blutrote Snapshots und in ihrer Intensität manchmal kaum zu ertragen, dennoch passiert zunächst nicht viel. Anstelle von übermäßiger Gewalt setzt Smith lieber seinen Fokus auf die Familie Exley und den Wachmann Vernon Saul und zeigt, wie der Tod von Exleys Tochter sämtliche Strukturen auflöst. Er zeigt, wie die Ehepartner am Tod ihres Kindes zerbrechen und wie Saul unerbittlich an seinem Netz aus Erpressung und Gefälligkeiten webt. Diese Handlungsarmut überrascht für Smith'sche Verhältnisse, da man aus den anderen Büchern eine Beschleunigung von null auf hundert auf wenigen Seiten gewöhnt ist. Hier ist alles anders, doch keinesfalls schlechter.

Seine im brutalen Präsens vorantreibende Story gebraucht blutige Metaphern, die dem Leser an manchen Stellen auch zuviel des Guten sein könnten. Der Mond leuchtet über dem Meer wie ein Suchscheinwerfer, die Augen fühlen sich an, als hätte jemand Glasscherben dahinter gestreut, Möwen fliegen wie Schrapnelle. Diese Gewaltprosa kann stören, unzweifelhaft fasziniert sie aber auch. Aufgefangen wird die brutale Klarheit und Explizität in „Stiller Tod“ durch das subtile Einfließen einer Liebesgeschichte, die wie ein Lichtstrahl die Nachtschwärze Kapstadts durchbricht. Zwar ist die Geschichte in ihrer Entwicklung kaum glaubwürdig, dennoch ist „Stiller Tod“ in seiner Gänze ein atemraubend verdichtetes Kapstadt-Gemälde noir!