Das Begräbnis des Paten

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Helsinki: Tammi, 2008, Titel: 'Kummisedän hautajaiset', Seiten: 213, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 220, Übersetzt: Stefan Moster

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Jürgen Priester
Typisch finnischer Humor?

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jun 2012

In der Geschichte des Traditions-Verlagshauses Suhrkamp hat die Kriminalliteratur über Jahrzehnte keine Rolle gespielt. Das änderte sich erst im Jahre 2009. Die Nullerjahre dieses Jahrhunderts waren verlagsintern von einigen Revirements geprägt, die wohl auch dazu führten, das Verlagskonzept zu überdenken und sich nicht länger dem boomenden Krimi-Markt zu verschließen. Mit dem Amerikaner Don Winslow hat der Verlag gleich einen Hochkaräter entdeckt und ihn an sich binden können. Einen zweiten Don Winslow wird sich so schnell nicht finden lassen, aber die Suhrkamp-Talentscouts sind sehr rührig und ermitteln in alle Richtungen und in allen Ländern. So haben sie in Finnland den Vielschreiber Tapani Bagge aufgetan, über dessen Deutschlanddebüt Schwarzer Himmel KC-Rezensenten-Kollege Matthias Kühn resümiert: Derb, hart, schnell und witzig: finnisches Noir-Neuland! So könnte man auch das hier vorliegende Das Begräbnis des Paten zusammenfassend auf den Punkt bringen, wenn da nicht die Sache mit dem Humor wäre. Vielleicht gibt es ja den typisch finnischen Humor oder es gibt für manche finnische Sprach- und Wortwitze im Deutschen kein Äquivalent – auf jeden Fall wirken die meisten humoristischen Einlagen entsetzlich verkrampft und erreichten bestenfalls das Niveau deutscher TV-Comedians. Ärgerlich, aber vernachlässigbar, wenn der Plot eine Spur von Spannung gezeigt hätte.

Leder und Liima, zwei nicht ganz so helle Handlanger eines kleinen Drogenbosses in tiefster finnischer Provinz, sind mit 100.000 Euro, dem Erlös eines soeben abgeschlossenen Drogendeals, unterwegs. Bei einer kurzen Rast in einer Cafeteria lassen sie das Geld unbeaufsichtigt in ihrem Wagen. Der zufällig vorbeikommende Kleinkriminelle Veikko Oikarainen, kurz Veke genannt, nutzt die Gelegenheit und klaut den Geldkoffer aus dem unverschlossenen Auto. Endlich kann er seine aufgelaufenen Schulden und die "Deckel" in diversen Kneipen bezahlen. Als er eines Abends nach Hause kommt und Geräusche im separaten Saunagebäude hört, wird er von einer gewaltigen Explosion niedergeschmettert.

Veke war/ist der Patenonkel der Polizistin Leila Pohjanen, die in Schwarzer Himmel ihren ersten Auftritt hatte. Dort war sie mit dem Schmalspur-Ganoven Allu liiert und erwartete ein Kind von ihm. Nun ist sie im Erziehungsurlaub und hat die Zeit, aufs Land zu fahren, um sich um die Angelegenheiten ihres Patenonkels zu kümmern, aber natürlich will sie auch herausbekommen, was hinter der Explosion steckt. Während Leila auf dem Lande weilt, wird auch ihr Lebensgefährte Allu vom Gangsterboss genötigt, nach dem Verbleib des Geldes zu suchen. So tummeln sich auf einmal viele Interessengruppen in der sonst eher einsamen Seenlandschaft.

Das Begräbnis des Paten assoziiert man gleich mit Mario Puzos Corleones, der Mafia, dem organisierten Verbrechen überhaupt, aber in Tapani Bagges Roman ist der "Pate" wirklich nur ein Patenonkel, der als Ganove nur ein kleiner Fisch ist und ganz prima in das kriminelle Umfeld der finnischen Provinz passt, das mehr durch Stümperhaftigkeit als durch Professionalität auffällt. Es geht dem Autor nicht ernsthaft darum, auf die Drogenproblematik in Finnland einzugehen. Finnland ist – salopp gesagt – Drogenimportland. Es gibt sicher Labore, in denen synthetische Drogen, wie im Roman beschrieben, hergestellt werden, aber das meiste kommt laut EU-Drogenreport aus dem benachbarten Ausland. Dem Anbau von pflanzlichen Rauschmitteln wie Cannabis sind in Finnland klimatische Grenzen gesetzt. Die Lösung des Standortnachteils mit viel Bauernschläue umgesetzt und mit Deckung durch den Ortspolizisten gehört mit zu den besten Episoden des Romans.

Den Spruch "weniger ist mehr" kann man hier ausschließlich auf den Humor beziehen. Das Begräbnis des Paten ist der Versuch einer Parodie mit guten Ansätzen, aber nach dem Geschmack des Rezensenten mit zu vielen schlechten Witzen. Der Humor, der in schlechtesten Szenen an den der Autorenkollegin Riitha Falkonen erinnert, ist selten schwarz, meist ländlich dürftig.

Das klein-kriminelle Milieu indes mit den fast idealtypisch schrägen Figuren ist gut herausgearbeitet. Diesem Panoptikum das Etikett "noir" anzuheften, findet der Rezensent dann doch zu gewagt, dazu fehlt ihm der nötige Tiefgang. Das Begräbnis des Paten ist eher für die Freunde des Lustspiels geeignet.

Das Begräbnis des Paten

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