Rache verjährt nicht

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: HarperCollins, 2010, Titel: 'The Woodcutter', Seiten: 519, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 684, Übersetzt: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann

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Jürgen Priester
Ein Abschiedsgeschenk

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jun 2012

The Woodcutter aus dem Jahre 2010 ist das letzte Werk des im Januar 2012 im Alter von 76 Jahren verstorbenen englischen Schriftstellers Reginald Hill. Auf Deutsch erschien es unter dem Titel: Rache verjährt nicht, hervorragend übersetzt von dem bewährten Team Wasel/Timmermann. Schaut man auf das Autorenporträt des Autors, stellt man fest, dass es noch eine Menge früherer Titel gibt, die der deutschen Leserschaft bisher vorenthalten wurden. Ob da noch etwas nachkommt, entscheiden die deutschen Verlage, deren Einkaufskriterien für uns Leser nicht immer nachvollziehbar sind. Qualität, Preis und potenzielle Verkäuflichkeit werden sicher eine Rolle spielen. Aber wenn man z.B. an die herausragenden Romane eines James Lee Burke denkt, die noch einer Übersetzung ins Deutsche harren, ist man geneigt, auch Ignoranz zu unterstellen, die einer Veröffentlichung hier bei uns im Wege steht.

Unter Liebhabern hat Reginald Hills Dalziel/Pascoe-Reihe, die auch erfolgreich als Fernsehproduktion lief, geradezu Kultstatus erlangt. Hier wünscht man sich eine weitere Übersetzung der noch fehlenden Titel aus der Serie und eine Neuauflage der ersten vergriffenen Titel, die nur schwer und teilweise teuer zu ergattern sind. Und sollten unter seinen zahlreichen Standalones ähnliche Kaliber wie Das Fremdenhaus und Rache verjährt nicht befinden, dann kann man nur fordern: Her damit!

Für The Woodcutter wurde Hill 2011 mit dem renommierten Barry-Award für den besten britischen Kriminalroman geehrt. Wie überhaupt sein Gesamtwerk mit zahlreichen Ehrungen bedacht wurde. Schon 1995 erhielt er den Cartier Diamond Dagger Award für sein bisherigen Lebenswerk.

Reginald Hill lebte in der englischen Grafschaft Cumbria. Dort spielt auch die Geschichte des "Holzfällers" Wilfried "Wolf" Hadda.

Wolf Hadda, zwischenzeitlich sogar "Sir" Wilfried, ist nicht wirklich Holzfäller von Beruf, aber er benimmt sich gerne wie eine Axt im Walde. Schon in seiner Jugend hat ihn sein aufbrausendes Temperament des öfteren zu handfesten Aktionen verleiten lassen. Das hat sich bis zur Gegenwart auch nicht geändert. Wenn wir Leser ihn kennenlernen wird er gerade aus dem Gefängnis entlassen. Dahin ist er zwar in erster Linie gekommen, weil Kinderpornographie auf seinem Rechner gefunden wurde und seine geschäftlichen Aktivitäten nicht ganz hasenrein waren, aber bei seiner Verhaftung hat er dem zuständigen Ermittler gleich zweimal eins auf die Nase gegeben, was sich nicht positiv auf den weiteren Verlauf seines Prozesses auswirkte. Bis zu seiner Verhaftung war er Finanzinvestor. Münteferings "Heuschrecke" kann man auch als eine Art von Holzfäller sehen. Dabei muss er einigen auf die Füße getreten haben, denn auf einen anonymen Anruf hin findet die Polizei Mengen an (untergeschobenen ?) Belastungsmaterial. Hadda beteuert seine Unschuld, aber von außen fehlt ihm jede Unterstützung. Seine Frau lässt sich scheiden, seine Freunde und Geschäftspartner gehen auf Distanz, später stirbt noch seine Tochter an einer Überdosis. Wolf Hadda gibt (anscheinend) auf. Erst aus den Gesprächen mit der Gefängnispsychiaterin Alva Ozigbo schöpft er neue Hoffnung. Mit ihrer Hilfe gelingt sogar eine frühzeitige Haftentlassung auf Bewährung. Nun kann Hadda sich endlich um die Hintergründe und Hintermänner seiner Verhaftung und Verurteilung kümmern.

Der deutsche Titel Rache verjährt nicht lässt vermuten, dass Wolf Hadda an diesem Punkt seinen Rachefeldzug gegen seine Verschwörer beginnt. Dem ist aber nicht so und damit weicht Hills Erzählung von den viel zitierten Parallelen zu Alexandre Dumas` Roman Der Graf von Monte Christo ab. Hadda geht es in erster Linie nicht um Rache – Bestrafung vielleicht – sondern um Aufklärung. Der soziale und finanzielle Absturz hat aus dem knallharten Firmensanierer einen nachdenklichen Zeitgenossen gemacht.

In diesem Roman zeigt sich die ganze Erfahrung und das Raffinement aus gut 40 Jahren Schriftstellerei. Virtuos kombiniert Hill einzelne Episoden aus Haddas Leben. Das geschieht nicht chronologisch. Jede Nuance verändert das aktuelle Bild des Protagonisten. "Wer ist dieser Wilfried Hadda?" Der Leser lernt ihn als doch ziemlich rüden Geschäftsmann kennen. Doch je mehr der Hintergrund seiner Vita beleuchtet wird, desto deutlicher wird, dass sein Werdegang an entscheidenden Stellen fremdbestimmt wurde. Als "Grimmige Notwendigkeit" bezeichnet ein Mann, der im Verborgenen die Strippen zieht, zynisch diese Form der Beeinflussung. Hadda ein Spielball dunkler Mächte? Ja und Nein. Letztendlich befreit er sich von den Zwängen. Nach den bitteren Erfahrungen, die ihn körperlich und seelisch gezeichnet haben, wählt er eine Perspektive mit klaren Strukturen. Er wird Holzfäller.

Die wildromantische Gebirgs- und Seenlandschaft des Nordwesten Englands, eine adlige Familie mit großen Geheimnissen, ein Verbrechen, das gar keins war, aber andere nach sich zieht – man könnte sich in Elizabeth Georges letztem Roman (Glaube der Lüge) wähnen. Doch trotz eines ähnlichen Settings ist Hill der Amerikanerin haushoch überlegen.

Seine Figuren sind weder exaltiert, noch hysterisch. Ihr Verhalten ist nachvollziehbar und psychologisch stimmig. Hill führt sie mit ruhiger Hand durch einen raffinierten Plot, baut so einen durchgängigen Spannungsbogen auf, ohne auf spektakuläre Show-Einlagen oder grandiose Twists angewiesen zu sein.

Ein Roman, den man in guter Erinnerung behalten wird, und damit auch seinen Autor.

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