Fenster zum Tod

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Frank Arnold

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Matthias Kühn
Vertrau auf deine Augen!

Buch-Rezension von Matthias Kühn Jun 2012

Whirl360 ist ein Computerprogramm, mit dem man in aller Welt durch die Straßen gehen kann, eine Art optimiertes Streetview. Für Thomas Kilbride ist das genau das, worauf er sein ganzes Leben gewartet hat: Er kann, ohne das Haus zu verlassen, durch Städte pilgern, sich alles ansehen – und sich alles merken. Denn er ist eine Art Rain Man; er leidet an Schizophrenie, hört Stimmen und hat die Fähigkeit, praktisch unendliches Wissen zu speichern. In seiner Fantasie arbeitet er für die CIA, er ist besessen von der Vorstellung, dass irgendwann alle Landkarten verschwunden sein werden und er dann der einzige ist, der über Kartenmaterial verfügt – in seinem Kopf. Schon als Kind konnte er Länder aus dem Gedächtnis zeichnen und die wichtigsten Städte punktgenau eintragen. Im Auftrag der CIA muss Thomas nun alle Stadtpläne der Welt auswendig lernen, damit er seinem Ansprechpartner Bill Clinton regelmäßig Erfolge melden kann. Thomas arbeitet praktisch pausenlos:

 

"Nach dem Frühstück setze ich mich an die Arbeit, und ich mache eine Pause zum Mittagessen, und dann arbeite ich wieder, bis es Zeit ist fürs Abendessen, und dann arbeite ich weiter, bis ich ins Bett geh."

 

Jetzt ist der Vater gestorben, bei einem dubiosen Unfall mit dem Sitzrasenmäher, der ältere Sohn Ray kommt, um sich gemeinsam mit dem Anwalt Harry Peyton, einem Freund des Vaters, um alles zu kümmern. Ray, in einer Schiene der Story der Ich-Erzähler, beschreibt sich und seinen Bruder so:

 

Wir sahen uns sehr ähnlich, Thomas und ich. Wir waren beide eins achtzig groß und hatten schwarzes Haar, das sich schon zu lichten begann. Allerdings wog Thomas ein paar Pfund mehr als ich. Ich war der schlanke Vince Vaughn aus Swinger, Thomas der fleischigere Vince Vaughn aus Trennung mit Hindernissen.

 

Nun spielte Vince Vaughn allerdings auch im furchtbaren und völlig überflüssigen Remake von "Psycho" den Norman Bates. Die vermeintliche Hitchcock-Nähe, die sich im deutschen Titel spiegelt, könnte so also untermauert werden; das allerdings ist Blödsinn. Die Grundidee des Buches enthält tatsächlich Spurenelemente von Fenster zum Hof, aber das war’s dann auch. Ob Hitchcock dieses Buch geliebt hätte, was der übrigens im Text erwähnte Stephen King sagte, interessiert auch niemanden; zumal Hitchcock häufig aus schlechten Büchern gute Filme machte. Im Original heißt das Buch hier Trust Your Eyes, da gibt es keine Nähe zu Hitchcock oder Cornell Woolrich, der die Hoffenster-Vorlage lieferte.

Die starke Grundidee geht so: Thomas entdeckt in Whirl360 einen Mord in einer kleinen Straße in New York. In einem Fenster wird jemand mit einer Plastiktüte erwürgt. Thomas macht diese Entdeckung bereits im Prolog; und irgendwann kann er Ray überzeugen, der Sache nachzugehen, also nach New York zu fahren und sich das anzusehen. Ray ist Illustrator, von Ermittlungen hat er keine Ahnung. Er kennt zwar viele Filme, weiß, wie Archie Goodwin wohl vorgehen würde, aber was macht man, wenn man plötzlich selbst ermitteln soll?

Das ist aber nur eine Ebene in diesem Roman, in der auch noch Len Prentice, der ehemalige Kollege des Vaters, eine Rolle spielt – und Julie, eine Jugendfreundin der Brüder. Auf einer anderen Ebene begegnen wir Allison Fitch aus Dayton, Ohio. Die lebt in New York und hat eine Affäre. Und da sind noch viele andere Figuren: Nicole, die ehemalige Kunstturnerin, die zur Auftragsmörderin umschulte; Howard "The Taliban" Talliman, skrupelloser Berater von Morris Sawchuck, der wiederum gern Gouverneur von New York werden würde; und schließlich Bridget, Sawchucks Frau.

Linwood Barclay baut mit diesen und ein paar weiteren Figuren einen bis ins kleinste Detail ausgeklügelten, vielschichtigen Roman, der an allen Ecken und Enden mit Überraschungen aufwartet. Manchmal glaubte ich: Okay, jetzt weiß ich, was los ist – und dann kam die nächste Überraschung und alles ging von vorn los. Das ist äußerst clever geschachtelt, mit Rückblenden, Zeitsprüngen, Gleichzeitigkeiten und tollen Schnitten, die ständig für eine gewisse Spannung sorgen. Fenster zum Tod ist fast nie auf vordergründige Spannung angelegt: Das ist viel raffinierter.

Warum also war der Rasenmäher ausgeschaltet und das Mähwerk hochgeklappt, obwohl ihn nach dem Unfall niemand mehr angefasst hatte? Warum hatte der verstorbene Vater so komische Wörter in die Suchmaschine seines Browsers eingetippt? Telefoniert Thomas wirklich mit Bill Clinton? Was genau ist Thomas in seiner Kindheit passiert? Und warum ist auf Whirl360 plötzlich der Kopf im Fenster nicht mehr zu sehen? Wer ist in dieser Wohnung gestorben?

Wir wissen immer viel mehr als Ray, der ja etliche Passagen erzählt. Auch hier geht Barclay raffiniert vor: Während Ray abwesend ist, gibt es auktorial erzählte Passagen über Thomas und seine Welt. Wie beispielsweise den Prolog – der allerdings der schwächste und geschwätzigste Teil des Buches ist.

Fenster zum Tod ist also kein Kammertheater, wie der Titel nahelegt. Über blöde deutsche Titel könnte man sich seitenweise ärgern – aber nicht jetzt. Lieber diese Frage: Ist das ein richtiger Thriller? Hm. Es fehlt dazu etwas der Sog, dafür ist der Roman auch zu hintergründig. Es geht schließlich auch um die Annäherung der beiden Brüder; diese liebevoll komponierten Passagen sind literarisch die überzeugendsten. Dass allerdings auch dann Spannung existiert, liegt an der grandiosen Schnitttechnik, die ohne jegliche trivialen Mechanismen auskommt.

Action gibt es aber durchaus, sogar richtigen Hardcore-Pulp. Wenn schon eine Nähe zu Fenster zum Hof zu spüren sein sollte, dann betrifft das eindeutig die literarische Vorlage: Die Romane von Cornell Woolrich, dem vielleicht besten Noir-Apostel, liest ja heute kaum noch jemand. Wie Woolrich verfügt auch Barclay über eine lakonische Grundhaltung, bei beiden besteht das Personal zum Großteil aus einfachen, von der Entwicklung überforderten Menschen – und beide können auch noch auf den letzten zwei Seiten ihre Leser so richtig überraschen. Das gelingt Barclay auch hier: Truffaut hätte dieses Buch vermutlich gemocht.

Ein Beispiel für den lakonischen Humor zum Abchluss:

 

Ich fuhr mit meinem Audi Q5 dicht an die Verandastufen heran und parkte ihn neben dem zehn Jahre alten Chrysler meines Vaters. Er hielt nicht viel von meinem deutschen Gefährt. Er hatte seine Zweifel, dass es richtig war, die Wirtschaft von Staaten zu fördern, gegen die wir einst Krieg geführt hatten. "Und wenn sie eines Tages Autos aus Nordvietnam importieren", hatte er vor ein paar Monaten zu mir gesagt, "dann kaufst du dir wahrscheinlich auch so eins." Da ihn das derart bekümmerte, bot ich ihm an, seinen geliebten Sony-Fernseher zurückzubringen, dessen Bildschirm so groß war, dass er bei den Play-off-Spielen des Stanley Cup sogar den Puck sehen konnte.
"Immerhin kommt er aus Japan", hatte ich gesagt.
"Rühr das Ding ja nicht an, sonst reiß ich dir den Kopf ab", hatte er erwidert.

 

Silvia Visintini übrigens ist eine sehr flüssige, schnörkellose und sehr gut lesbare Übersetzung gelungen; auch das Lektorat ist bis auf ein paar Komma- und Das-dass-Fehler okay.

Fenster zum Tod

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Letzte Kommentare:
28.06.2017 10:12:02
Tatjana Schoeneweiß

Ein ganz fantastischer Roman. Überhaupt keine Parallelen zu "Fenster zum Hof" erkennbar. Ein Roman, der einen in Atem hält. Ich bin restlos begeistert! Auch zum Ende hin und das Ende selbst büßt es nichts von der Spannung ein. Ich habe lange kein so gutes Buch gelesen! Vielen Dank, Linwood Barclay, für diesen Lesegenuss! Hier erkenne ich so schön, wie es möglich ist aus einer interessanten Idee/einem fixen Hirngespinst das nur allerbeste rauszuschlagen! Ich freue mich schon auf die anderen Bücher!

01.02.2016 10:38:41
Henriette H.

Ich habe lange keinen so spannenden und in sich schlüssigen Krimi mehr gelesen! Den Titel finde ich übrigens gar nicht so unpassend. Der durch ein Fenster beobachtete Mord kommt nicht nur bei Cornel Woolrich vor, sondern auch bei Agatha Christie (16.50 Uhr ab Paddington) und anderen Autoren.
Aus einer zufälligen Beobachtung, die ein schizophrener junger Mann in seinem über alles geliebten Computer macht, entwickelt sich eine Lawine der Gewalt, die fast alle Beteilgten in den Tod zu reißen droht.
Auf der letzten Seite gibt es noch eine Riesenüberraschung, mit der man absolut nicht mehr gerechnet hatte. Dieses Buch bekommt von mir 100 Punkte!

10.07.2013 07:13:34
sahlmann

Entgegen der Werbung, hat dieses Buch aber auch gar Nichts mit "Das Fenster zum Hof" zu tun. Warum auch? Barclays Thriller schlägt den Film in jeder Hinsicht um Längen!
Thomas und Ray sind Brüder, deren Vater gerade gestorben ist.
Ray ist Illustrator und Thomas ist... nennen wir es mal autistisch! Thomas surft den ganzen Tag im Internet in einem Programm namens Whirl360. Hier gibt es 3 dimensionale Ansichten aller Städte. Thomas lernt sie auswendig. Und er macht es gut! Er ist auch der Meinung, diese Arbeit für die CIA zu verrichten, seine Kontaktperson ist der Ex Präsident Clinton.
Wir sehen. kein Durchschnittstyp.
Eines Tages sieht Thomas einen Mord bei seiner virtuellen Wanderung durch New York.
Er kann seinen Bruder Ray überreden, nach New York zu fahren und mal nachzuschauen. Und da geht der Ärger richtig los!
Es gibt noch andere Handlungsstränge, Zeitsprünge und zahllose Verwicklungen. Aber Nichts an diesem Buch ist verwirrend. Die Zahl der Charaktäre ist überschaubar. Der Leser ist niemals überfordert. Man weiß immer ganz genau, was Sache ist. glaubt man.
So etwas wie klassische Action, Schießereien, Verfolgungsjagden findet allenfalls am Ende statt. Barclay braucht das nicht. Auf jeder Seite steigt die Spannung bis zum Finale.
Handwerklich wirklich großartig! Der Mann kann schreiben. Lakonisch mit einem Schuß Humor. Effekthascherei hat er gar nicht nötig. Jedes Kapitel so kurz, dass man mit der Ausrede "nur Eines noch" die Nacht durchliest.
Wenn ich Barclay mit einem anderen Autor vergleichen müßte, käme nur Dick Francis in Frage. Aber Francis hat nie eine solche Fülle von Verwicklungen, Cliffhangern und Überraschungsmomenten in ein Buch gepackt. Die Gemeinsamkeit liegt auch mehr im Stil.
Eine wirklich tolle Geschichte. Dieser 600 seitige Ziegel von Knaur ist seine 15 Euro so was von Wert!
90% Plus Extra-Bienchen für's Muttiheft!

15.03.2013 19:18:21
wendelin

*Gelungener Balanceakt zwischen „Rain Man“ und „Pulp Fiction“*


Ray kommt nach Hause, um sich nach dem Tod seines Vaters um den Nachlass und um seinen an Schizophrenie erkrankten Bruder Thomas zu kümmern. Thomas ist von Landkarten fasziniert und hat die fixe Idee, dass er sich alle Karten der Welt einprägen muss um der CIA zu helfen. Also sitzt er den ganzen Tag am Computer, schaut sich virtuell die Städte der Welt an und entdeckt dabei allerlei Merkwürdiges. Als er glaubt, an einem Fenster in New York einen Mord gesehen zu haben, geraten die Dinge aus den Fugen.


Alle Krimis von Linwood Barclay sind ungewöhnlich. Dieser macht keine Ausnahme. Ein modernes Remake von Hitchcocks „Fenster zum Hof“ konnte ich allerdings nicht erkennen. Die einzigen Parallelen sind der am Fenster beobachtete Mord und die relative Unbeweglichkeit des Beobachters (Thomas geht nicht gerne aus dem Haus). Mich hat das Buch viel mehr an eine Mischung aus „Rain Man“ und „Pulp Fiction“ erinnert. Einerseits schildert Barclay die schwierige Annäherung der beiden Brüder, andererseits die sowohl professionell als auch stümperhaft ausgeführten Vertuschungsversuche eines aus den Fugen geratenen Verbrechens. Fast hätte es eine Krimikomödie werden können, aber dazu ist der Unterton dann doch zu ernsthaft geraten.


Linwood Barclay kann schreiben und so ist es ein lesenswertes Buch geworden. Kein reißerischer Thriller aber auch kein langweiliger Schmöker. Das Spannungsniveau ist nicht gleichbleibend hoch. Es wechseln sich ruhige, nachdenkliche Passagen mit turbulenten und zuweilen brutalen ab. Zum Schluss serviert uns der Autor noch einen richtig atemberaubenden Showdown um danach den Roman eher besonnen ausklingen zu lassen. Eine Mischung eben – aber gelungen.

07.01.2013 18:30:06
Sandra

ich habe das Buch gelesen und bin nicht gerade begeistert. das erst mal das spannung auf kommt ist ab kapiutel 13 und das ist ca. ein viertel vom buch.
und wer den autor kennt merkt schnell, das es immer die gleiche sache ist um was es geht. zu langweilig und von meiner autorenliste gestrichen. ich hatte endlich mal was neues erwartet und nicht diese null-acht-fünfzehn sache.