Abgeschnitten

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Köln: Lübbe Audio, 2012, Seiten: 4, Übersetzt: Simon Jäger

Couch-Wertung:

85°
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Andreas Kurth
Blutige Rache trifft auch Unschuldige

Rezension von Andreas Kurth Jun 2012

Die Comic-Zeichnerin Linda hat sich auf der Nordsee-insel Helgoland vor einem Stalker – der zugleich ihr Ex-Freund ist – verkrochen. Ihr Bruder hat ihr das Haus eines Freundes vermittelt, aber plötzlich ist sie sich sicher, dort nicht mehr allein zu sein. Voller Panik läuft sie hinaus in den heraufziehenden Sturm, der die Insel vom Festland abgeschnitten hat - und findet an der Brandungsmauer eine Leiche. Der Tote hat eine Herrentasche bei sich, die sie mitnimmt. Als das darin befindliche Handy klingelt und sie den Anruf annimmt, ist Paul Herzfeld am anderen Ende. Er ist Rechtsmediziner beim BKA, ein Spezialist für schwierige Fälle. Bei der Obduktion einer brutal verstümmelten Frauenleiche findet er im Schädel der Toten den Namen seiner Tochter Hannah - und die Handy-Nummer des Toten von Helgoland. Hannah wurde entführt, Herzfeld ruft die Handy-Nummer an. Nach einigem Zögern nimmt Linda den Anruf an. Der verzweifelte Rechtsmediziner überredet die junge Frau, die Leiche zu obduzieren, um weitere Hinweise zu finden, denn für ihn ist die Insel angesichts der Wetterlage unerreichbar. Es beginnt ein atemloser Wettlauf mit der Zeit, um Hannahs Leben zu retten.

Bestseller-Autor Sebastian Fitzek hat erstmals gemeinsam mit Rechtsmediziner Michael Tsokos einen Psycho-Thriller geschrieben. Aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen bei solchen Projekten in der Vergangenheit kann man bei solchen Gemeinschaftsproduktionen nie sicher sein, was dabei herauskommt. Um es vorweg zu nehmen: ich halte das Ergebnis der Zusammenarbeit für ein wirklich lesenswertes Buch. Der Roman ist von Beginn an immens spannend, bietet viele Überraschungen und unglaubliche Dynamik. Der Prolog zeigt gleich, dass es hier richtig zur Sache geht, auch wenn man ihn als Leser erst viel später einordnen kann.

Die Geschichte wird von zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten geprägt. Da ist zunächst Linda, die überaus "durchgeknallt" wirkende Comic-Zeichnerin in dem einsamen Haus auf der Felseninsel in der Nordsee. Sie ist außerordentlich kreativ, leidet jedoch unter der Verfolgung durch ihren Ex-Freund. Das geht so weit, dass sie aus dem Haus stürmt, weil ihr Handtuch plötzlich nass ist und sie einen fremden Geruch im Bett wahrnimmt. Linda zeigt sich im weiteren Verlauf der Geschichte als starke, einfallsreiche und kluge Person, die ihre flatterige Psyche immer wieder in den Griff bekommt.

Paul Herzfeld wird dem Leser sofort als Mann der Tat präsentiert, der nicht nur wegen seines schlechten Gewissens nach der Trennung von Frau und Kind alles unternehmen will, um seine Tochter aus der Hand des Entführers zu retten. Er ist sich seiner eigenen Fehler mehr als bewusst, und diese Überzeugung wirkt als weitere Triebfeder für sein Handeln. Im Finale zeigt sich sogar, dass er eigene Befindlichkeiten zurückstellen kann, um seiner Überzeugung zu folgen. In meinen Augen ein ungewöhnlicher und bemerkenswerter Protagonist für einen Thriller.

Aber auch die weiteren Figuren sind überaus passend in die Geschichte eingefügt worden, so etwa der Hausmeister des Inselkrankenhauses auf Helgoland, oder der ungewöhnliche Praktikant in der Rechtsmedizin des BKA. Diese Nebenfiguren füllen unterschiedliche Rollen aus – und wirken allesamt glaubwürdig und authentisch, auch wenn manche Handlung allzu zufällig und damit passend für den Fortgang der Geschichte erscheint.

Abgeschnitten ist wahrhaft keine Gute-Nacht-Lektüre. Die einzelnen brutalen Morde werden gewohnt detailliert beschrieben, und auch die psychologischen Spielchen zwischendurch haben es wirklich in sich. Sebastian Fitzek hat dem Buch fühlbar seinen Stempel aufgedrückt, sein knapper und von schnellen Szenenwechseln lebender Stil ist unverkennbar. Dabei gibt es die unvermeidlichen Cliffhanger, die dafür sorgen, dass die Spannung in Spiralen nach oben getrieben wird. Michael Tsokos hat offenbar vor allem sein spezielles Wissen um die Praxis der Rechtsmedizin eingebracht, was dem Buch eine besonders hohe Authentizität verleiht – jedenfalls in meinen Augen. Die beiden Autoren ergänzen sich mit ihren individuellen Stärken.

Es wird ja gerne am Realitätsgehalt von Romanen herumgemosert, bei Abgeschnitten scheint das besonders ausgeprägt zu sein. Dazu habe ich eine klare Position. Es ist mir ziemlich egal, wie wahrscheinlich bestimmte Ereignisse, Wendungen oder einzelne Überlegungen der Protagonisten in einem Roman sind. Das Gesamtbild muss stimmen, es darf keine, oder jedenfalls nicht allzu viele Widersprüche geben, und die Handlung muss einen roten Faden haben. Da ist es nicht wirklich wichtig, ob den Protagonisten zuweilen auch unwahrscheinliche Zufälle zu Hilfe kommen. Der Bogen darf allerdings nicht überspannt werden, und das haben Fitzek und Tsokos nach meiner Auffassung nicht getan. Und ob das nun zu viel Mainstream ist oder ähnliche elaborierte Betrachtungen, halte ich für angemessenen Diskussionsstoff in literaturwissenschaftlichen Ober-Seminaren. Als Leser eines Psycho-Thrillers interessiert mich das eher weniger – und ich denke, die Mehrheit der Leser sieht das genauso. Deshalb noch einmal: Abgeschnitten ist immens spannend, bietet viele Überraschungen und unglaubliche Dynamik. Ein in meinen Augen absolut unterhaltsames und lesenswertes Buch.

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