Der Knochensammler

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • London: Hodder & Stoughton, 2009, Titel: 'Dead men´s dust', Seiten: 346, Originalsprache
  • München: Heyne, 2010, Seiten: 384, Übersetzt: Imke Walsh-Araya

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Michael Drewniok
Der Killer, sein Opfer und beider Jäger

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2012

Joe Hunter, einst Elitesoldat der Special Forces und gewalttätig an den Fronten im Krieg gegen den internationalen Terrorismus aktiv, hat sich selbstständig gemacht. Man kann ihn anheuern, wenn finstere Zeitgenossen zur Bedrohung werden, die Polizei außen vor bleiben und die Lösung endgültig ausfallen soll.

Aktuell hat ihn Ex-Schwägerin Jennifer gerufen: Ihr nichtsnutziger Nicht-mehr-Gatte John ist bei einem seiner windigen Geschäfte in den USA verschollen. Obwohl die Brüder zerstritten sind, soll und wird Joe nach ihm suchen. Die Zeit drängt, denn jenseits des Atlantiks haben Polizei und FBI die Jagd auf John eröffnet: Man hält ihn für den berüchtigten "Tubal-Kain", einen Serienkiller, der es auf die Knochen seiner Opfer abgesehen hat.

Tatsächlich haben sie die Wege von John und Tubal-Kain zufällig gekreuzt. Da John den Killer gleich mehrfach dumm aussehen ließ, hat der ihn in seine Gewalt gebracht, um ihn in seinen Schlupfwinkel in der Mojawe-Wüste zu verschleppen, wo er ihn zu Tode foltern will.

Allerdings gedenkt nicht nur Hunter Tubal-Kain einen Strich durch die Rechnung zu machen. John hat gleich zwei Gangsterbosse bestohlen, die ihm deshalb ihre Schergen hinterherschicken. Ebenso präsent ist die Polizei. Zu allem Überfluss hat auch die CIA die Finger im Spiel. Hunters alter Freund Walter Conrad, jetzt Führungsoffizier für Undercover-Agenten, hat gute Gründe, dem ehemaligen Kameraden die private Jagd auf den Knochensammler zu gestatten. Da Hunter weiß, wie Geheimdienste ticken, fragt er sich allerdings, ob man auch ihn spurlos verschwinden zu lassen gedenkt, wenn er Tubal-Kain erwischt hat. Diese Frage rückt in den Hintergrund, denn statt unterzutauchen, nimmt der Killer freudig die Herausforderung an, gegen Joe Hunter anzutreten, und zeigt sich in diesem Kampf erschreckend einfallsreich …

Schon wieder ein Killer-Genie?

Geht man von den nackten Tatsachen aus, kann Matt Hilton keine besonderen Erwartungen wecken. Wie viele geniale Killer machen eigentlich die Buch- und Filmwelt unsicher? Sie scheinen den Löwenanteil ihrer Arbeitszeit damit zu verbringen, sich als geistig besonders derangierte Zeitgenossen zu präsentieren. Auch "Tubal-Kain", der sich alttestamentarisch pompös nach dem Stammvater aller Eisen- und Messerschmiede nennt, dürfte bereits mit der Präparierung seines Schlupfwinkels rund um die Uhr beschäftigt sein und gar keine Zeit zum Morden haben. (Was ist übrigens ein ´Schlupfwinkel´ wert, der mit obskuren Knochen-Skulpturen ´geschmückt´ schon von weitem sichtbar ist? Tubal-Kain ist zudem selten daheim und kann ungebetenen Besucher deshalb nicht die Tür weisen.)

Auf das ausgefahrene Hannibal-Lecter-Gleis will uns Hilton freilich gar nicht locken, auch wenn er hin und wieder befährt. Der Knochensammler wird zum Action-Thriller, der seine Spannung weniger aus der Konfrontation als aus einer möglichst rasanten Handlung zieht. Dieses Ziel verliert der Verfasser nie aus den Augen, weshalb er die üblichen Fallen meidet, die eine solche Geschichte lähmen oder aus der Bahn werfen könnte. Dazu gehört eine unnötig intensive Figurenzeichnung, die womöglich durch ellenlange Rückblenden vertieft wird.

Gern schwelgen Action-Autoren auch in (waffen-) technischen Details und ähnlichem Ballast, der nur auf ein Tempo drückt, das auch deshalb wichtig ist, weil es eine in der Regel nur bedingt realistische Geschichte so rasch über logische Löcher treibt, dass der Leser diese kaum oder gar nicht zur Kenntnis nimmt. So erstaunt hier die Freiheit eines Hau-drauf-Söldners, der zehn Jahre nach 9/11 ungebremst und schwer bewaffnet durch gleich mehrere US-Staaten wüten darf: Die Rückendeckung durch einen nicht besonders ranghohen CIA-Kumpel macht’s möglich. Während Joe Hunter vorwärts stürmt, räumt Conrad hinter ihm die Leichen auf.

Ein bisschen anders ist immer gut

Glücklicherweise weiß Hilton, wie man dem Leser solche Unwahrscheinlichkeiten verkauft sowie eine Story vermeidet, die nur Klischees widerkäut. Der Knochensammler ist nicht mehr und nicht weniger als ein Action-Thriller. Von denen schreibt Hilton einen pro Jahr; er kann sich deshalb nur bedingt an einer Geschichte festbeißen. Die daraus resultierende Fertigungseile meistert der Profi durch eine Routine, die jenen Lesern, die vor allem unterhalten werden möchten, entgegenkommt.

Den roten Faden bildet die Jagd, wobei Hilton kapitelweise vom "Jäger" – der hier passend "Hunter" heißt – zum "Wild" springt. Genretypisch ist dieses "Wild" lange im Vorteil; ein Faktor, den Hilton allerdings nicht durchgängig im Griff hat. Normalerweise müsste er Tubal-Kains schier übermenschlichen Fähigkeiten im letzten Drittel sacht dimmen, um ihn im finalen Duell dem Jäger höchstens gleichstark wirken zu lassen. Stattdessen wundert sich der Leser, wie rasch einem zudem gut vorbereiteten Super-Killer ein Ende gemacht werden kann.

Aber Tubal-Kain ist eben kein Killer der Oberliga. Vor allem er selbst vertritt diese Meinung, was üblich für einen Psychopathen ist. Ironisch bricht Hilton dieses überzogene Selbstbild mehrfach, indem er den Killer sehr menschlich irren lässt. So ist es der Diebstahl seines Wagens, der Tubal-Kain dermaßen ergrimmt, dass er seine mörderischen Aufstieg zum Ruhm unterbricht und den frechen Schurken verfolgt: Ein echtes (kriminelles) Mastermind hätte diesen Zwischenfall abgehakt.

Die Tücke des Objekts

Auf diese Weise lässt Hilton nicht zum ersten Mal die Handlung eine unerwartete Wendung nehmen. Der ahnungslose Dieb wird für den Mörder gehalten, während er tatsächlich ein verzweifeltes Katz-und-Maus-Spiel mit dem tatsächlichen Killer spielt, um am Leben zu bleiben. Solche Kniffe kennt der erfahrene Thriller-Leser zwar, der sich dennoch um Hiltons Finger wickeln lässt.

Ebenfalls genrekonform erhöht Hilton stetig den Schwierigkeitsgrad, dem sich Retter und Rächer Hunter ausgesetzt sieht. Nacheinander schalten sich immer neue Parteien mörderisch ins Geschehen ein. Schließlich hat Hunter nicht nur den Killer vor sich, sondern die Mordschergen zweier Gangsterbanden, das FBI, die CIA und die örtliche Polizei im Nacken. Dies sorgt nicht nur für Spannung, sondern auch für episodische Zwischenfälle, die zwar der eigentlichen Handlung nichts bringen aber effektvoll demonstrieren, wie gute Menschen es bösen Strolchen heimzahlen, was eine allzu rücksichtsvolle Gesetzgebung normalerweise verhindert; eine allzu ernsthaft liberale Haltung ist übrigens der Lektüre eines solchen Romans eher abträglich.

Selbstverständlich geht nicht nur dem Killer, sondern auch den Jägern ständig etwas schief. Selbst Kampfkraft und Entschlossenheit können gegen die Tücke des Objekts nichts ausrichten. Auch auf diese Weise steigert der Autor die Spannung, wobei er sichtlich von den Erfahrungen der eigenen Vergangenheit zehren kann: Matt Hilton war Sicherheitsmann und Polizist und ist Kampfsportler, was allen Beweihräucherungen hierarchisch und auf Disziplin aufgebauter Institutionen zum Trotz Männer vom Schlage eines Joe Hunter plastischer wirken lässt.

Das Ende ist immer übel

Für den weiter oben schon erwähnten erfahrenen (oder hart geprüften) Thriller-Leser gibt es diverse Boni. So überrascht angenehm Hiltons Erzählstil, der keineswegs künstlich knapp bzw. abgehackt atemlose Spannung suggerieren soll, sondern den zurückhaltend-sachlichen Stil des klassischen britischen Thrillers bewahrt, ohne zu vernachlässigen, dass wir inzwischen im 21. Jahrhundert leben. Ähnlich meisterhaft schreibt Hiltons Kollege Lee Child über seinen gerechten Vigilanten Jack Reacher, der zumindest hierzulande deutlich erfolgreicher zuschlägt als Joe Hunter, obwohl auch dieser längst Held einer titelreichen Reihe ist.

Ebenfalls ein Zeichen für Routine und erzählerische Ökonomie ist der Verzicht auf allzu detailfreudige Metzel-Szenen. Zwar schreibt Hilton keineswegs zimperlich, aber er stützt sich nicht auf entsprechende Schilderungen, die er ins Geschehen integriert, wo es dramaturgisch Sinn ergibt. Eine Ausnahme bildet das Finale, das Hilton erstaunlich in Richtung Splatter-Horror abgleiten lässt. Hier überwältigt der Effekt doch die Story; womöglich bricht hier hinter dem Thriller-Autor Matt Hilton der Schriftsteller Vallon Jackson – Hiltons Pseudonym für seine Horror-Storys – hervor. Mit einem sarkastischen Schlusstwist kann Hilton diese Scharte aber in letzter Sekunde auswetzen. Der Ring ist frei für Joe Hunters nächstes Abenteuer, und der Leser wird als Zuschauer erneut & erfreut seinen Platz einnehmen.

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