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Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2012, Seiten: 5, Übersetzt: Sascha Rotermund

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Andreas Kurth
Wenn das Gehirn den Menschen schützt

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jun 2012

Elf Jahre alt ist Gabriel Naumann, als seine behütete Kindheit in einem Alptraum endet. In dieser Schreckensnacht werden seine Eltern getötet und das Haus der Familie brennt auf die Grundmauern nieder. Nur Gabriel und sein Bruder Daniel überleben – schwer traumatisiert. Der jüngere Bruder war in seinem Zimmer eingeschlossen, und wird von Gabriel gerettet, aber dieser kann sich absolut nicht an die Ereignisse des Abends erinnern. Beide Brüder landen in einem Heim, für Gabriel folgt ein Aufenthalt in der geschlossenen Anstalt. Er wird mit Elektroschocks gequält, und eine Drogenkarriere schließt sich an. 29 Jahre nach der schicksalhaften Nacht ist er clean, arbeitet seit vielen Jahren für eine Sicherheitsfirma – und kann sich noch immer nicht erinnern.Eines Abends wird er während der Arbeit von seiner schwangeren Freundin Liz angerufen, die überfallen wurde. Gabriel rast zum Ort des Geschehens, aber Liz ist nicht da. Damit beginnt für ihn ein absoluter Alptraum, denn sie ist entführt worden und keiner glaubt ihm. Die Suche nach seiner Freundin führt Gabriel in die finsteren Tiefen seiner Vergangenheit.

Marc Raabe hat mit diesem fulminanten Psychothriller seinen beachtenswerten ersten Roman vorgelegt – und gleich einen Treffer gelandet. Schon mit dem Prolog macht der Autor deutlich, dass es hier richtig zur Sache geht. Dabei wird erst anschließend deutlich, wo das Problem liegt. Der Protagonist kann sich an die dramatische Nacht nicht erinnern, und der Leser muss oder darf mit ihm rätseln. Im weiteren Verlauf setzt der Autor weniger auf rasante Action, als vielmehr auf meisterhaft inszenierte psychologische Spielchen.

Die primäre Perspektive ist die des Hauptprotagonisten Gabriel, aber es gibt auch immer wieder Einblendungen, in denen Liz die psychischen und körperlichen Leiden während ihrer Gefangenschaft schildert. Neben diesen beiden spielt auch der jüngere Bruder Daniel eine wichtige Rolle. Durch die Orts- und Perspektivwechsel, die zuweilen wie schnelle Umschnitte beim Film erfolgen, hält der Autor den Spannungsbogen konstant hoch. Der Leser ist stets eng am Geschehen, Marc Raabe vermeidet allzu weitschweifige Nebenhandlungen – wenn es Ablenkungen gibt, tragen sie im Nachhinein zum Fortgang der Geschichte bei.

Gabriel Naumann ist eine zunächst eher zwiespältige Hauptfigur. Im Laufe der Handlung erfährt der Leser jedoch mehr über seinen Leidensweg, der intensiv und nachvollziehbar geschildert wird. Trotz aller Regelverletzungen fiebert man dabei mit, zumal die Blenden zur gefangenen Liz dafür sorgen, dass zusätzliche Dramatik entsteht. Besonders bemerkenswert ist bei diesem gelungenen Thriller, dass Marc Raabe durch falsche Fährten und immer wieder neue Fakten dafür sorgt, dass Protagonisten und Leser gleichermaßen über die Antworten auf viele Fragen bis zum dramatischen Finale nahezu vollständig im Unklaren bleiben. Selbst routinierte Leser von Spannungsliteratur aller Art dürften hier erst am Ende den Gesamtzusammenhang in all seinen Einzelheiten erfassen.

Die psychologischen Aspekte sind in dem als "Psycho-Thriller" deklarierten Roman zuweilen unterschwellig zu spüren, zuweilen werden auch einfach brutale Fakten geschildert. Die drastische Intensität einiger Szenen sorgt in jedem Fall dafür, dass dieses Buch definitiv keine "Gute-Nacht-Lektüre" ist. Man muss also schon etwas Nerven haben, aber das setze ich voraus, wenn man als Leser zu einem "Psycho-Thriller" greift. Ein Detail, das mir besonders gefallen hat, kann ich hier nur andeuten, um nicht zu viel zu verraten. Das familiäre Umfeld des Entführers hat Marc Raabe ausgezeichnet konstruiert – da läuft es einem am Ende kalt den Rücken hinunter.

Das Debüt des Autors ist also wirklich gelungen, Marc Raabe hat hier gezeigt, dass er ein sehr guter Geschichten-Erzähler ist. Seine Protagonisten kann er ruhig noch etwas genauer zeichnen, insbesondere Daniel hätte noch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Aber das sind keine Minuspunkte, doch nach so einem Debüt hofft man schon noch darauf, dass es genauso gut oder gar ein wenig besser weiter geht. Auf das zweite Buch von Marc Raabe freue ich mich auf jeden Fall jetzt schon.

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