Das schwarze Korps

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Paris: Éd. du Seuil, 2006, Titel: 'Le corps noir', Seiten: 293, Originalsprache
  • Hamburg: Argument, 2012, Seiten: 256, Übersetzt: Andrea Stephani

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Dieter Paul Rudolph
Kollaboration und Widerstand

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Jun 2012

Ein schreiendes Baby wird aus dem Fenster geworfen, eine Frau vergewaltigt, Dienstboten schlägt man die Schädel ein, weil sie gerade im Weg sind. Starker Tobak. Frankreich 1944, unter deutscher Besatzung, soeben sind die Alliierten in der Normandie gelandet und arbeiten sich – Hunderttausende werden dabei sterben – ins Hinterland vor. Noch ist es ein weiter Weg bis Paris, wo Dominique Manottis Roman spielt. Die Mörder sind SS-Leute, das berüchtigte "Schwarze Korps". Aber es sind keine Deutschen, es sind Franzosen. Handlanger, Beutemacher, Gangster, Kollaborateure.

Auch das wäre in Frankreich jahrzehntelang starker Tobak gewesen, ein Tabu gewissermaßen, denn das Schönreden der Vergangenheit gehörte auch dort zu den Mechanismen, sich vor der Geschichte reinzuwaschen. Heute ist das Phänomen der  französischen Schergen in Diensten der deutschen Besatzer anerkannt und wird heiß diskutiert. Auch in Kriminalromanen.

Erzählt wird die Geschichte des Polizisten Domecq, der eigentlich gar kein Polizist ist, sondern ein ins Sittendezernat eingeschleuster Agent der Exilregierung von General de Gaulle. Seine Verbindung zur umschwärmten Dora Belle, in deren Salon nicht nur die Nazigrößen, sondern auch die Spitzen der gleichgeschalteten französischen Regierung und der Wirtschaft verkehren, macht ihn zu einem besonders wichtigen Mann für den Widerstand. Als wertvolle Gemälde gestohlen werden, kommt Domecq auf die Spur des Kollaborateurs Deslauriers und seiner Bande, nach und nach deckt er weitere Verbindungen auf, gerät selbst in Lebensgefahr und ist im Grunde doch nur hilfloser Zuschauer des immer turbulenteren Auflösungsprozesses, in dem sich das besetzte Frankreich befindet.

Aber Das schwarze Korps ist eben mehr als eine personalisierte Geschichte jener historischen Situation. Manotti schreibt auch eine Geschichte der Kollaboration und des Widerstands an sich, eine Geschichte der Kriegsgewinnler, wie sie zu allen Zeiten aktuell war. Einige springen über die Klinge, andere passen sich den neuen Herren an. Schwarz-weiß-Malerei findet, wie immer bei Manotti, nicht statt. Ein solches Buch kann nur schreiben, wer wirklich schreiben kann. Manottis nüchtern-distanzierter Stil, weitab von der schwülstigen Biederkeit standardisierter Genreprodukte, setzt jedes Wort an seinen rechten Platz, lässt dort Raum, wo ihn der Leser braucht, erklärt dort, wo Erklärungen wichtig sind. Nur so kann gelingen, was hier gelungen ist: Einen Roman mit einer Geschichte zu schreiben, die "Geschichte" ist, sich wiederum in Geschichten zerlegen ließe, die, zu Ende erzählt, weit über den eigentlichen historischen Kontext hinausweisen. Geschichten mit großer Fallhöhe, von unglaublicher Brutalität bis zur knospenden und tragischen endenden Liebesbeziehung zweier Heranwachsender.

Großartige Literatur für Leser, die sich nicht damit zufrieden geben wollen, am Ende einen Mord serviert zu bekommen. Pflichtlektüre für Leser, die Sprache als wertvollen Rohstoff schätzen, den man mit der nötigen Sorgfalt behandeln sollte. Alle anderen lassen bitte die Finger von Dominique Manotti. Oder nein: Alle anderen lassen sich bitte überzeugen und lesen dieses Buch erst recht.

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