Der Geiger

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer, 2012, Seiten: 304, Originalsprache

Couch-Wertung:

89°
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Jochen König
Da stirbt der Ton, der Bogen fällt

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2012

Als der Violinist Ilja Grenko nach einem Beifall umtosten Konzert ohne Vorwarnung verhaftet wird, hat er keine Ahnung, was ihm vorgeworfen wird. Anders als bei Franz Kafka wird es allerdings keinen Prozess geben, Grenko verschwindet im Arbeitslager, nachdem er sich hat zusichern lassen, dass seine Frau, die erfolgreiche Schauspielerin Galina, mitsamt den gemeinsamen Kindern unbehelligt in Moskau wird weiterleben können. Eine weitere Lüge, wie so viele vorher, denn seine Familie wird in die Verbannung geschickt. Grenkos wertvollster Besitz, eine Stradivari, verschwindet während der Verhaftungs- und Verhöraktionen spurlos.

Zwei Generationen, 60 Jahre und mehrere Morde später wird sich Enkel Sascha auf die Suche nach der Geige begeben und postum Einblicke in die dunkelsten Stunden seiner Familiengeschichte bekommen, die untrennbar verbunden ist mit dem menschenverachtenden Gebaren der Handlanger eines diktatorischen Regimes.

Wie schon in Wer das Schweigen bricht verbindet Mechtild Borrmann vergangene Familien- und Zeitgeschichte mit einer in der Gegenwart spielenden Handlung, in der sich Überlebende, Nachkommen und Verstorbene zu einem Stelldichein treffen. Zusammenhänge offenbaren sich, Strafe wird vollstreckt, Erinnerungen zurechtgerückt; ausgleichende Gerechtigkeit bleibt ein Traum, von Toten geträumt.

Diesmal hat sich Borrmann der russischen Historie angenommen. Kenntnisreich und mit eindringlicher Präzision beschreibt Borrmann das Schicksal des Ehepaars Grenko und ihrer Kinder, die das Schnauben eines gekränkten Menschen um die Existenz bringt.

Der Geiger ist ein Roman über Freundschaft, Verrat, Missgunst, Hoffnungen, Träume, Familie, Erfolg und Liebe, über das nahezu vergebliche Streben nach individuellem Glück in einer menschenverachtenden Diktatur. Borrmann zeigt wie wenig nötig ist, um eine funktionierende Gemeinschaft aus den Angeln zu heben. Die Redlichen zerbrechen nicht an Folter oder Drohungen, sondern an leeren Versprechungen, denen zu glauben die eigene Redlichkeit geradezu gebietet. In der Schilderung von Ilja Grenkos Haftzeit, den Verhören und des zerstörerischen Alltags im Straflager, gelingen Mechtild Borrmann Schilderungen von atemberaubender Intensität.

Gerade weil sie Übertreibungen vermeidet, dramatische Effekte nicht ausnutzt bis zur Überspannung. Ihre klare Sprache, die kleine Gesten, Verknappungen ebenso wertschätzt wie Auslassungen, lässt dem Leser die Chance selbst zu ermessen wie groß das herrschende Grauen ist und wie hoch eingeschätzt werden muss, welchen Preis es kostet, sich die Menschlichkeit zu bewahren. Dabei beschwört sie keine übermenschlichen Handlungen, kein superheldenhaftes Über-sich-hinauswachsen, sondern behält jederzeit die Bodenhaftung. Das Grauen entsteigt oft kleinen Gesten (ein Handschuh geht verloren mit weitreichenden Folgen), Nachlässigkeiten wie dem "Vergessen" eines Haftentlassungstermins oder der Beiläufigkeit mit der Menschen belogen, geknechtet, beraubt oder getötet werden. Borrmann zeigt wie Einzelschicksale der inoffiziellen Geschichtsschreibung zum Opfer fallen, wie bereitwillig sich die naive Rechtschaffenheit dem System Hoffnung anempfiehlt, das auf perfideste Weise von denen erbaut und am Leben erhalten wird, die in pragmatischer Berechnung Menschen und Überzeugungen über die Klinge springen lassen. Für ein wenig Auskosten von Macht und Bereicherung.

Gegenüber der beeindruckenden, historischen Schilderung fällt die in der Gegenwart spielende Kriminalhandlung ein wenig ab. Zwar entschlüsselt Sascha Grenko die Geschichte seiner Großeltern und findet heraus, welchen Weg die Stradivari seines Großvaters nahm. Doch die bewegenden, exzellent entwickelten und geschriebenen, in der Vergangenheit spielenden parallelen Erzählstränge über die Verquickung von Politik und individuellem Schicksal, lassen den dritten Part des Romans etwas blasser erscheinen als das vergleichbare Pendant im Vorgänger. Spannend, komplex und schlüssig ist der jetztzeitige Part dennoch.

Mit Der Geiger festigt Mechtild Borrmann ihren Status als eine der derzeit herausragenden Autorinnen.

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