Tony & Susan

  • Claassen
  • Erschienen: Januar 1994
  • 2
  • Dallas: Baskerville, 1993, Titel: 'Tony and Susan', Seiten: 334, Originalsprache
  • Hildesheim: Claassen, 1994, Seiten: 426, Übersetzt: Jobst-Christian Rojahn
  • München: Goldmann, 1996, Seiten: 408
  • München: Luchterhand, 2012, Seiten: 412, Übersetzt: Sabine Roth
Tony & Susan
Tony & Susan
Wertung wird geladen
Matthias Kühn
97°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2012

Zivilisiertheit als Schutzschild? Ein wiedergefundener Klassiker des amerikanischen Romans!

Um es gleich zu sagen: Tony & Susan ist eine umwerfende Erfahrung. Das Buch erschien 1995 zum ersten Mal auf Deutsch, wurde nahezu komplett übersehen – und wird nun zum Glück wiederveröffentlicht, in einer Neuübersetzung von Sabine Roth, die unter anderem auch Henry James und Jane Austen neu ins Deutsche übertragen hat. Um was für ein Buch es sich hier handelt, schreibt uns Austin Wright gleich auf den ersten Seiten ins Poesiealbum:

 

Bücher kosten sie anfangs immer Überwindung, weil sie ihr so viel Zeit abverlangen. Weil sie möglicherweise verschütten, was sie gedacht hat, manchmal endgültig. Bis Susan mit einem Buch durch ist, könnte von ihrem alten Ich nichts mehr übrig sein."

 

Da ist schon klar: Genau so wird es geschehen. Natürlich kann ein Buch zu Veränderungen führen und vorgezeichnete Bahnen verwischen. Aber hier geht es nur bedingt darum, was passieren kann, wenn man mit sechs Die kleine Hexe oder mit achtzehn Der Fänger im Roggen wirken lässt: Susan liest nicht irgendein Buch. Sie liest den Roman, den ihr Ex-Mann geschrieben und ihr geschickt hat. Edward, von dem sie seit zwanzig Jahren praktisch nichts gehört hat. Und von dem sie dachte und hoffte, er habe das Schreiben aufgegeben, seit er in der Versicherungsbranche arbeitet. Susan war seine schärfste Kritikerin gewesen, an seinem Schreiben (und seinen Erwartungen) scheiterte die Ehe.

Jetzt lebt Susan in Chicago, verheiratet mit Arnold, der zwischen den Jahren nach New York zu einem Kardeologenkongress fährt und möglicherweise einen exzellenten Job in Washington bekommt. Ausgerechnet für diese Zeit hat sich Edward angekündigt. Er werde kommen, dann könne man ja über das Manuskript reden.

Dieses Manuskript ist die Puppe in der Puppe, das Buch im Buch: Susan beginnt widerwillig zu lesen, sie erwartet nicht viel; aber sie will das Ding ja gelesen haben, wenn sich Edward meldet. Das Manuskript heißt "Nachttiere" – und es geht so:

 

Ein Mann, Tony Hastings, seine Frau Laura und seine Tochter Helen fahren nachts im nördlichen Pennsylvania auf der Autobahn nach Osten.

 

Eine Kleinfamilie auf dem Weg nach Maine – doch plötzlich wird die Reise zum Alptraum. Zwei Autos vor ihnen scheinen ein Spiel zu spielen, und schließlich wird eins der Autos zum Jäger der Familie, wie im Film Duell. Tony wird zum Anhalten gezwungen, drei anfangs höfliche Männer, Ray, Turk und Lou, trennen am Ende Tony von Frau und Tochter. Ihm wird klar:

 

"Die wollen mich umbringen", flüsterte er. Der Gedanke schnitt durch die oberen Schichten seines Gehirns bis hinunter ins Innerste; nie hätte er geahnt, dass ein Gedanke in diese Tiefen reichen könnte.

 

Der Mathematikprofessor Tony ist daran gewöhnt, dass nichts in seinem Leben ohne Planung geschieht, er löst kritische Situationen mit Vernunft und Zivilisiertheit; doch nun werden daraus Feigheit und Hilflosigkeit. Die Mutter versucht es mit Diplomatie – und scheitert ebenso wie die Tochter, die zu alterstypischen Mitteln greift: sie rebelliert. Auch diese Erkenntnis hilft Tony nicht weiter:

 

Kein Problem ist zeitweilig, bevor es gelöst wird. Alle Probleme sind potentiell bleibend.

 

Die Geschichte ist beklemmend, sie eskaliert ins Unerträgliche, und Austin Wright schafft es auf jeder einzelnen Seite, die immer schlimmere Bedrohung, die zur Gewissheit wird, spürbar zu machen. Tonys ganze Hilflosigkeit zeigt sich schließlich in so wunderbaren Aussagen wie dieser hier:

 

Er sagte sich, ich stehe unter außergewöhnlichem Stress. Darum muss ich mich auf meine Konzentration konzentrieren und vorsichtig fahren, und er fuhr vorsichtig.

 

Aber die Geschichte von Tony und seiner Familie bleibt: das Buch im Buch. Längst ist klar, dass der Nachname Hastings der Name des Ortes ist, in dem Edward und Susan aufwuchsen. Und dass es eine Verbindung zwischen Tony und Susan gibt, sagt ja schon der Titel. Klar ist auch, dass es darum geht, wie ein Mann damit umgeht, im entscheidenden Moment nicht gehandelt zu haben. Diese Information richtet sich natürlich an Susan. Und Susan, die Ex-Frau, liest kritisch:

 

Düster, Edward, düster. Mit einem letzten Absatz, der das ganze Buch kaputtmachen könnte. Kein Zweifel, Edward steht am Scheideweg, er muss eine Wahl treffen, eine riskante. Entweder er nimmt die Bösewichter ins Visier, womit es ein Krimi wird, oder Tonys Seele, womit es etwas ganz anderes wird.

 

Tony & Susan ist tatsächlich etwas ganz anderes, manchmal innerhalb eines Absatzes Horrorroman, psychologischer Krimi und Kleinstadtgroteske in einem. Und es ist die Geschichte eines Jungen und eines Mädchens, die gemeinsam aufwachsen – und schließlich heiraten. Sie arbeitet, er schreibt schlechten Kram, sie verzweifelt und flieht zu Arnold. Je länger Susan liest, je mehr sie vor- und zurückblättert, desto mehr erfährt sie über sich selbst – und über die wahren Absichten, die dieses Manuskript in ihr scheinbar idyllisches Zuhause getragen hat wie ein trojanisches Pferd.

Schluss jetzt. Ich habe sowieso schon zu viel verraten. Nur noch das: Austin Wright, der 2003 im Alter von achtzig Jahren verstarb, stattete keine seiner Figuren als Heroen der Identifikation aus. Er schildert mit einer manchmal kalten, manchmal fast komikhaften Präzision, was wirklich in diesen Menschen vorgeht – und das macht niemanden in diesem Buch, absolut niemanden, sympathisch. Wie Carsons McCullers oder William Faulkner egozentrische, engstirnige und pedantische Widerlinge darstellten, so zeigt auch Austin Wright das Leben von ängstlichen Leuten auf, die sich mut- und ausweglos in ihrer risikolosen Kleinbürgerlichkeit verrannt haben. Wie Alexander Kluge sagte: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Tony & Susan belegt diese These in unglaublicher Deutlichkeit. Dies hier ist nicht einfach ein in jedem Satz lebendiger Thriller mit echten Figuren. Das ist große, grandiose Literatur.

Tony & Susan

Austin Wright, Claassen

Tony & Susan

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Tony & Susan«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren