Bis dass der Tod uns scheidet

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Riverhead, 2011, Titel: 'When the thrill is gone', Seiten: 359, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 420, Übersetzt: Peter Torberg

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Matthias Kühn
Tod, Gewalt und Intrigen in New York

Buch-Rezension von Matthias Kühn Mai 2012

"Ich hatte ein Dutzend Jahre und ebenso viele Bücher gebraucht, um sehr persönliche Geschichten auf die Art und in der Form, die ich gewählt hatte, erzählen zu lernen." Sagt nicht Walter Mosley, sondern der Autor, der bei Mosleys Leonid-McGill-Romanen ganz deutlich als eine Art Pate zu identifizieren ist: Ross Macdonald.

 Im dritten Roman um den zum Revolutionär erzogenen ehemaligen Kriminellen, der sich zum Privatdetektiv gemausert hat, sind vor allem die Spuren des "anspruchsvollsten und persönlichsten Werks" zu finden (wieder nach Eigenaussage), über den Autor Macdonalds einst die hiesige Einstiegsaussage tätigte: Der Fall Galton, der zahlreiche Liebhaber aufweist. Stellvertretend sei hier Jerome Charyn aufgeführt, der schrieb, er "bewunderte sofort die Bauweise des Buches."

 Nun, das hier ist nicht Der Fall Galton, die Bauweise allerdings ist sehr ähnlich. Denn Walter Mosley, den ich persönlich sehr und vor allem für seine Romane um Easy Rawlins schätze, mauert ähnlich wild, bringt haufenweise Gestalten, die nicht das sind, was sie vorgeben, und er fügt Einzelheit um Einzelheit zu einer Struktur zusammen. So ähnlich schrieb es Charyn über Macdonald.

 Eine Frau kommt ins Büro von Leonid Trotter McGill, und schon geht es los mit den Lügen: Diese Frau, die ihm einen Batzen Geld überlässt, gibt sich als eine andere aus, und bald steht McGill bereits vor dem nächsten Double. Durch seine für meinen Geschmack etwas zu guten Informationen, die er via Internet, Datenbanken und installierter Kameras erhält, enttarnt der Privatermittler schnell die Lügen. Wer aber warum lügt und wie das alles zusammenhängt – darum geht es im Roman.

 Das wäre schon viel – aber das reicht Mosley bei weitem nicht. Er lässt seinen Privatdetektiv aus alter Verbundenheit einen weiteren Fall annehmen, der ihn viel Zeit und Energie kostet; und dann ist da ja noch die Attitüde des Guten: Leonid McGill hat in seinen dunklen Tagen, als er sich als Ausputzer und Handlanger beliebiger Auftraggeber verdingte, so viel Schlechtes getan, Männer mit bloßen Händen erwürgt beispielsweise, dass er reflexartig immer wieder das Böse abwehren will. So nimmt er sich zwischendurch einer Ausreißerin an, die von ihrem drogensüchtigen Kerl loskommen will – McGill möchte ums Verrecken gut sein.

 Viel Platz in diesem Roman nehmen auch wieder Familie und Freunde des Schnüfflers ein. Seine Frau, mit der er seit zwanzig Jahren verheiratet ist, liebt er längst nicht mehr, ihre Affären lassen ihn kalt. Dafür liebt er Aura, die zu einer tragenden Figur der Geschichte wird. Und dann sind da wieder die Leute aus der Boxhalle, deren alter Chef Gordo bei ihm zuhause im Sterben liegt, da ist der ehemalige Auftragskiller Hush, der ein bürgerliches Leben führt – und da sind natürlich die Kinder, die nicht gerade das tun, was der Vater bzw. Nicht-Vater (nur eines der vier Kinder ist wirklich von ihm) erwartet. McGill greift ein, wenn eines der Kinder auf die schiefe Bahn kommt – ganz in gewohnter Manier. Wie sagte Charyn über Der Fall Galton? Einzelheit für Einzelheit ergeben Struktur? Hm – hier wird diese Art von Struktur schon sehr strapaziert. Manchmal reißt der Faden gar.

 In den ersten beiden Büchern um Leonid McGill, die hier eine direkte Fortsetzung erfahren, war das Pathos noch wesentlich erträglicher als hier. Natürlich, McGill ist zwar klein, dafür drahtig, breit und gefährlich. Er nutzt, manchmal wunderbar, Gewalt als präventives Mittel der Deeskalation; manchmal wirkt das aber auch plump und fast komikhaft: Der hehre Held verkommt da schon mal zur Karikatur des Superhelden. Dann sagen Frauen Sätze wie diesen hier: "Ich brauche keinen Schutz, ich habe Sie." Ja, McGill ist stark, er ist rebellisch und revolutionär, und er ist hochgradig politisch: Er wehrt sich gegen Unterdrückung, Rassismus, die immer tiefer schneidende Schere zwischen Armen und Reichen und so einiges mehr.

 Politisch war Walter Mosley schon immer, was ihm Vergleiche mit anderen schwarzen Autoren wie Richard Wright einbrachte. In den McGill-Romanen gibt er seine Zurückhaltung weitgehend auf, stärker sogar als in den Krimis um Socrates Fortlow, von denen einer leider nicht einmal auf Deutsch erschien.

 Dafür hat Mosley seinen Helden mit der gelegentlich nervenden Altersweisheit eines Mittfünfzigers ausgestattet, der so ziemlich alles gesehen hat. Da ist viel Pathos, viel mit philosophischen Erkenntnissen angereicherter Idealismus – und da sind leidenschaftliche Anwandlungen der Weltverbesserung. Leidenschaftlich ist McGill auch in einer anderen Beziehung: Er beginnt eine Affäre, die sich Mosley besser verkniffen hätte.

 Das ist alles nicht so schlimm, wie sich das jetzt anhört, denn es macht – wie eigentlich immer – trotz allem großen Spaß, Walter Mosley zu lesen. Dazu trägt auch die ungeheure Kraft in den Dialogen bei. "Die Dialoge sind pointiert und restlos überzeugend", steht als Zitat der Times im vergilbten Schutzumschlag meiner Erstausgabe von Teufel in Blau, Mosleys erstem Roman. Die Aussage gilt. Und wie damals sind auch hier die Charaktere – ob Hochstapler, Erbschleicher, Erpresser, Streifenpolizist oder Milliardär – ebenso stimmig wie die düstere Atmosphäre. Walter Mosley zeichnet seine Bilder immer wieder sehr genau.

 Und noch einmal: Wer die ganz besondere mathematische Struktur von Macdonalds Der Fall Galton zu schätzen weiß, wird hier vollkommen auf seine Kosten kommen. Versprochen – auch wenn Mosley weiter lernen muss, falls er die angestrebte Perfektion erreichen will. Vielleicht klappt’s ja bald. Vielleicht sollte er sich dazu auch ein 300-Seiten-Limit setzen.

 Und – das muss ich leider noch erwähnen: Das Lektorat könnte besser sein. Ach, waren das noch Zeiten, als guten Krimis derselbe Respekt gezollt wurde wie der so genannten Hochliteratur! Und das bei Suhrkamp – kaum zu fassen.

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