Driver 2

  • Liebeskind
  • Erschienen: Januar 2012
  • 5
  • München: Liebeskind, 2012, Seiten: 160, Übersetzt: Kathrin Bielfeldt
Driver 2
Driver 2
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Tim König
96°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2012

Ride the highway west, baby

James Sallis schreibt grandiose Krimis. Und das nicht erst, seit der Film "Drive" ihm eine gute Portion Öffentlichkeit, Geld und uns Driver 2 beschert hat. Vor kurzem gehörte er hierzulande noch zu den Geheimtipps – was einem die meisten Tränen in die Augen treibt – und es schmerzt noch immer, dass gut die Hälfte seiner Lew-Griffin-Bücher nicht übersetzt wurde. Die große Aufmerksamkeit, die dem Film und letztlich auch Sallis zuteil wurde, war ungewöhnlich, denn wo der Intellektuelle sich im Kino bei den kurzen, aber heftigen Gewaltausbrüchen nur noch "ogottogott"-stammelnd in den Sesselritzen verkroch, wurde jemand, der einen neuen "The Fast & The Furious" erwartete, von der elegischen Erzählweise und der postmodern bedeutungslos-bedeutungsvollen Atmosphäre gelangweilt.

Trotzdem hat Nicolas Winding Refn mit "Drive" visuelle Maßstäbe gesetzt, die inhaltlich jedoch ein bisschen blass blieben, sodass nicht zuletzt die Gewalt wenig gerechtfertigt schien. Doch wo im Film süßliche Elektro-Songs gespielt wurden, klar eine Reminiszenz an die 80er Jahre, wurde im zugrundeliegenden Roman die verdeckte Bedeutung aus den starken Nebencharakteren gewonnen. Das verhält sich in Driver 2 nicht grundlegend anders: Beide Driver-Bücher erzeugen ein Gefühl der Vollständigkeit trotz minimaler Beschreibungen – der Inhalt steckt in der Konfrontation der Ereignisse und Charaktere. Das betrifft nicht nur die Dialoge und Nebenpersonen, sondern gerade den kargen, harten, aber poetischen Stil. In den Driver-Büchern entsteht Bedeutung nicht durch Textfülle. Ganz im Gegenteil: Es ist die Leere, die die unglaubliche Intensität der Geschichte erzeugt. Einer dieser so schmerzhaften und bedrückenden Sätze, die nur durch die Empathie mit den Charakteren gehalten werden kann, damit sie nicht im Zynismus versinkt, ist dieser:

 

Die Wirklichkeit ist brutal, würde er sagen, und das grundlos.

 

Diese brutale Leere ist im lebendigen Angelpunkt der Erzählung am stärksten: der Driver ist ein Archetypus des einsamen Helden, der wie den lonesome cowboy keine Geschichte haben darf – an ihm aber zeigen die Menschen ihre wahren Gesichter – oder zumindest die, die sie im Alltag mit maroden Masken überziehen. Im Gerüst der Geschichte gibt es nur den Driver, seinen Wagen, die Straße und sein Talent zum Fahren. Er hat keine Herkunft, keine Ziele und tut nur die Dinge, die absolut notwendig sind. Da er unter permanentem Beschuss steht, heißt das nicht selten: töten. Warum er tötet, woher die Killer kommen und wo der Sinn der Geschichte liegt; auch hier herrscht Leere. Zum Finale gibt es natürlich eine Auflösung. Aber es gibt kein Ende, das heißt keines, das für Erklärung sorgen würde. Der Driver bleibt unerklärlich und die Erzählung bietet kaum bessere Lösungen für existenzielle Probleme als ein durchschnittlicher Actionfilm – nur, dass Driver 2 sich der Nichtigkeit unserer Existenz bewusst ist, oder zumindest seiner Unerklärlichkeit.

Dieses Fehlen eines Ursprungs, auch das Fehlen einer plakativen Rechtfertigung der Gewalt, ist die Erzählung einer unendlichen Suche nach Erklärungen. Es werden Wahrheiten geboten. Doch keine zählt: Es hat eine bestechende Logik, wenn der Drehbuchautor, eine dieser volltönenden Nebenpersonen, erklärt, dass das Leben jedes Menschen spätestens im Alter von 12 Jahren vorherbestimmt ist – und niemand kann ausbrechen. Das gilt natürlich vor allem für den Driver wie für den Action-Topos: Man weiß, wie es enden muss. Hier werden Wege konsequent verfolgt – doch das befriedigt nur kaum unseren Drang nach einer Begründung der Gewalt, die auch in Driver 2 extreme Spitzen hat. Die sich jedoch nicht in vulgären Beschreibungen, sondern im Kopf des Lesers zeigen.

Die in Driver begonnene Geschichte wird konsequent fortgeführt und die Frau, mit der Driver am Ende des ersten Buches in den Sonnenuntergang fahren durfte, ermordet. Was folgt, sind Miniaturen – unterwegs grüßt dann nicht nur die Philosophie, die bedingungslose Vision eines tötenden Sisyphos im Chevrolet, sondern eine ganze Armada an Killern. Driver 2 ist eine Fahrt zum vanishing point, der nicht in San Francisco liegt, sondern permanentes Verschwinden aus der Realität ist – natürlich in L.A., der Stadt, in der Schein und Wirklichkeit sich schon vor langer Zeit ausgetauscht haben.

Und so bleibt in Driven, der englische, treffendere Titel von Driver 2, nicht viel – nur ein Abgrund, der durch seine sprachlichen und erzählerischen Leerstellen entsteht. Der Kern von Driver 2 liegt in Zwischenräumen, im Unbenannten. Und das ist ist die größte Kunst der Literatur: Nicht nur Welten erschaffen, sondern Realitäten durchdringen. Driver 2 ist viel mehr Poesie und Philosophie, die das reine Muster der Gefahr in Buchform nutzt und so den Krimi-Fan an sich reißt. Driver 2 ist kein Buch, das vom Leser verschlungen wird. Es verschlingt den Leser.

Driver 2

James Sallis, Liebeskind

Driver 2

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