Der Tod von Sweet Mister

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2001, Titel: 'The death of sweet mister', Seiten: 196, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2012, Seiten: 192, Übersetzt: Peter Torberg

Couch-Wertung:

88°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91°-100°
1 x 81°-90°
1 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:82.5
V:1
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":1,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":1,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Jochen König
Schreie in der Stille

Buch-Rezension von Jochen König Mai 2012

Ein User schreibt im Forum der Krimi-Couch über Der Tod von Sweet Mister: "die zigste Variation des Themas: Vater prügelt, Mutter säuft...dazwischen ein orientierungsloser Heranwachsender".

Viel weiter kann man mit einer Einschätzung nicht daneben liegen. Denn natürlich ist Woodrells, kaum 190 Seiten langer, Roman wesentlich mehr, und vor allem etwas komplett anderes. Denn die oben erwähnten Schlagworte sind nur winzige Teile eines großen Puzzles. Dass Glenda, die Mutter des fülligen ("Fettsack" nennt ihn sein Vater/Stiefvater Red nur) Morris "Shug" Akins ihre Rum-Cola euphemistisch "Tee" nennt, ist ein Detail am Rande, das im Verlauf der Handlung immer mehr an Bedeutung verliert. Ebenso das Schicksal des gewalttätigen Red, der nur an seiner Bedürfnisbefriedigung interessiert ist, und alles und jeden wie Dreck behandelt, der der Erfüllung seiner Gelüste im Weg steht. Er ist eine unberechenbare Macht in jener unwirtlichen Gegend im Süden Missouris, dem Ozark-Plateau, wo auch dieser, fünf Jahre vor Winter’s Bone erschienene Roman, spielt. Ein Symbol für den Fatalismus, der alle Personen auszeichnet. Shug hasst seinen angeblichen Vater zwar, ist aber (noch) zu schwach, ihm Paroli zu bieten; seine Mutter Glenda hat sich scheinbar mit ihrem Schicksal abgefunden, und löst, als sie es endlich in die eigenen Hände nimmt, eine Katastrophe aus. Sie unterschätzt Reds Einfluss auf Shug völlig und ist sich auch der ödipalen Obsession nicht bewusst, die der Dreizehnjährige für sie empfindet.

Als ein grüner Ford Thunderbird auftaucht und mit ihm der weltgewandte Koch Jimmy Vin Pearce, keimt zum ersten Mal Hoffnung auf, in der zwischen alltäglicher Gewalt, Friedhofsgärtnern, Einbrüchen, "Männersachen" und Drogenkonsum jeder Couleur changierenden und doch so festgefahrenen kleinen Welt. Doch wo Hoffnung ist, lauert auch Enttäuschung. Und dass die sich in den Ozarks nicht mit Worten bewältigen lässt, dürfte niemand verwundern.

Der Tod von Sweet Mister" ist ein "Coming Of Age"-Roman. Erzählt aus Shugs Perspektive, schildert Woodrell die schleichende Veränderung des Jungen. Nicht unbedingt zum Guten. Und das ist der Hauptunterschied zu Winters Knochen, als dessen Vorstudie man Der Tod von Sweet Mister zwar betrachten könnte, wenn ihm nicht eine positiv besetzte, starke Hauptfigur vollkommen abginge. Ebenso ist das eng verwobene Beziehungs- und Hierarchiegeflecht in den Ozarks nicht so evident wie im später erschienen Winters Knochen. Hier wird die abgewirtschaftete Gegend auf eine Familie, eine Handvoll Freunde, ein paar Polizisten und die todkranken Opfer von Shugs Raubzügen reduziert. Plus den Außenseiter Jimmy Vin Pearce, der das Gefüge gefährlich ins Wanken bringt.

Woodrells Figurenzeichnung ist dabei wieder so knapp wie überzeugend. Er liefert keine Plattitüden, sondern Menschen, die Fleisch und Blut so nahe sind wie es Papier eben zulässt. Abgesehen von den Hauptfiguren brillieren Basil, Reds bester Freund seit Kindertagen, letztlich der einzige Mensch der sich Reds dauerhafter Zuneigung sicher sein kann, und der jüngere Bruder Carl, ein verwundeter Kriegsveteran*, zu dem Shug ein fast freundschaftliches Verhältnis hat. Bis zur düsteren Schlusspointe.

Ein Junge rennt durch abgeerntete, ehemals satt leuchtende, jetzt staubige Felder und sinkt in die Knie, einen markerschütternden Schrei ausstoßend. Die Schlusseinstellung von Philip Ridleys wunderbarem Film "Reflecting Skin" ("Schrei in der Stille"). Jener Seth ist ein enger Verwandter Shugs, ein Heranwachsender, der im Verlauf eines Sommers seine Unschuld verliert. Auf andere Art als es sich jeder Pubertierende wünscht. Er verrät das, was er am meisten liebt und zerbricht daran. Zumindest für den Augenblick. Auch Shugs Bericht endet mit einem Schrei. Innerlich. Schnell wird klar, dass das Ende ein neuer Anfang ist, und ein Dreizehnjähriger jene Rolle probt, die er in den nächsten Jahren spielen möchte. Die seines Erzeugers. Kaum Zweifel, dass er sie ausfüllen wird.

Der Tod von Sweet Mister ist ein Buch über die Tragik des abwartenden Defätismus, der es ermöglicht, dass der gewissenloseste Regent vor Ort seinen Willen durchsetzen kann. Dafür benötigt es keine Argumente, nicht mal überlegene körperliche Kraft (auch wenn es hilft). Sondern nur die reine Skrupellosigkeit. So wird man nicht geboren, sondern gemacht. Und langsam verändert sich die Sehnsucht nach Liebe zu inzestuösem Begehren. Grenzen zerfließen, kleine Jungs werden groß und möchten ihre Geschicke selbst leiten. Gefolgsleute werden in der nahen Umgebung rekrutiert. Nichts wird sich verändern, niemand wird die verfahrenen Strukturen aufbrechen. Bis Winters Knochen zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer zeigt.

Doch vorher stirbt der "Sweet Mister". Der mehr als doppeldeutige Titel bezeichnet keinen Erwachsenen, sondern ist der Kosename, den sich Glenda für ihren Sohn Shug ausgedacht hat. Ein frommer Wunsch und seine bittere Erfüllung. Daniel Woodrell benutzt nur selten plakative Stilmittel, er ist ein Meister der Auslassung, der dem Leser Raum gibt für die eigene Interpretation. Winters Knochen mag das, in bescheidenem Rahmen, optimistischere Buch sein, in dem am Ende der Reise in die kalte Nacht ein kleines Licht fahl schimmert, doch Der Tod von Sweet Mister ist die konsequentere Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, die den Schrecken des eigenen Fortbestands so eindeutig wie unwissend betreibt. Ein literarischer Genuss. Außer für unseren lieben Forumsbesucher, der in Daniel Woodrells poetischem Geflecht leider verloren gegangen ist. Die Trauer hält sich in Grenzen. Ähnlich wie für den Tod von Sweet Mister.

*Der Tod von Sweet Mister ist ein wahrhaft zeitloses Buch. Beiläufig macht Daniel Woodrell bewusst, in wie viele Kriege die USA verwickelt waren und sind. Carls Bein könnte in Korea, Vietnam oder dem Irak zerfetzt worden sein. Ich tippe auf Vietnam.

Der Tod von Sweet Mister

Der Tod von Sweet Mister

Deine Meinung zu »Der Tod von Sweet Mister«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
30.09.2016 17:56:30
Heino Bosselmann

Heino Bosselmann

„Die Flasche, in die ich mein Leben lang alle Schreie verkorkt hatte, zerbarst.“

Kennzeichen dieses Genres Krimis aus dem sozialprekärsten Milieu der Vereinigten Staaten ist vor allem eines: Melancholie. Nur fehlt der alle Süße und Wohligkeit, denn sie verdeckt eine Brutalität, die zwar alles Menschliche in latenter Bedrohung durchzieht, hier aber, in der Provinz von Häusern mit blätternder Fassade, zum Durchbruch kommt oder vermutlich gar der Normzustand ist. – Ein freies Land, okay, zusammengehalten vom aufgerüsteten Recht und den dazu passenden feisten Sheriffs, aber alles in Moll, kein Dur. Wo kein Moll mehr summt, da kreischt sohleich die Brutalität.

Wieder so ein Kabinettstück, ähnlich dem später erschienenen Roman „Tomatenrot“. Ich-Erzähler und Beobachter auf der Szene ist der 13-jährige, adipöse Morris, genannt Shug. Der ist vor allem Sohn, symbiotisch verschränkt mir seiner hocherotischen Mutter Glenda, die kein Glück mit den Männern des flachen Westens hatte und ihre Querelen mit dem dezenten Dauergenuss von Rum-Cola abfedert. Weil insbesondere ihr letzter und fatalster Lover, Red, ein personifiziertes Ekelpaket ist – brutal, rücksichtslos, kriminell sowieso –, bleibt auch ihr wiederum nur der Sohn als einzig natürlicher Bezug, so dass das Verhältnis beider mitunter beinahe eine inzestuöse Anmutung zu offenbaren scheint. Schwierig zu zeichnen, von Woodrell aber sehr schön durchschraffiert, auch dort, wo diese „Zuneigung“ der beiden ins Heikle, Tabuisierte hinüberzuwachsen droht. Sehr subtil beschrieben! Das Problem, ob ein Dreizehnjähriger nun so denkt, fühlt handelt und literarisch wertvoll zu monologisieren vermag, ist ein rein Theoretisches. Es trägt einen jedenfalls weg, und man fiebert mit, weil man das Verhängnis dieses Sommers wittert.

Weiter in Melancholie: Beide, Mutter und Sohn, leben in einem abgewrackten Haus, passenderweise an einem Friedhof, den sie für irgendwen zu pflegen haben, und selbst auf dem Leser lastet bleiern die Angst davor, dass der eklige Red gleich wieder von einem seiner Raubzüge zurückkommt und für die beiden im Häuschen der nächste Psycho beginnt.

Mutter Glenda träumt sich in ihre Wunschwelten und hofft, so wörtlich, doch noch das Ass zu sein, das darauf wartet ausgespielt zu werden; ein Mann, den sie kennenlernt, scheint ihr der rettende Engel zu sein. Wieder mal. – Sohn Shug entwickelt indessen eine Art Stoizismus, mit dem er zunächst alle Quälereien übersteht, denen er durch Red ausgesetzt wird. Mag sein, das Fett, was er sich anfuttert, wächst als sein Panzer, sein Schutz.

Alles wird gut? So wie Glende, die hübsche, sinnliche Alkoholikerin es annimmt, sobald sie pichelt? Nein, Es wird nicht gut. Nie.

Die größte amerikanische Literatur, finde ich, besteht derzeit aus Armutsprotokollen, die zeigen, wie Elend, trügerische Sehnsucht, Enttäuschungs-, Versagensdepression und Brutalität einander bedingen. Mag sein, das fing mit Cormac McCarthy an, der längst den Nobelpreis verdient hätte, aber eigentlich ging es ja schon mit Faulkner los. Daniel Woodrell passt gut in diese Reihe. Und: Er kann Melancholie, verfeinert umd einen Schuss Horror. Absolut.

10.11.2013 12:53:45
Banon

Bücher, die ich an einem Tag lese, bleiben mir meistens nicht so gut in Erinnerung. Zu schnell ist man beim nächsten Buch und der Vorgänger gerät schnell ins Vergessen.
"Der Tod von Sweet Mister" wird da hoffentlich eine Ausnahme machen. Der kurze Roman hat es eindeutig verdient, länger haften zu bleiben.

Daniel Woodrell gelingt es, mit seinem geradlinig komponierten Buch, Eindruck zu hinterlassen. Die ausweglose Lage von Sweet Mister, abhängig von einer alkoholsüchtigen Mutter, die mit einem gewalttätigen Kleinverbrecher zusammenlebt, der durch seine Unberechenbarkeit beiden verhasst ist, endet mit einer Neuauflage des Lebensschemas, unter dem der dreizehnjährige Aussenseiter aufwächst und leidet. Die bittere Erkenntnis: Der Weg aus dem eigenen sozialen Gefilde ist zumeist unmöglich, mag es auch noch so grausam mit einem umgegangen sein.

"Der Tod von Sweet Mister" ist ein Neuanfang des Alten und hinterlässt beim Leser ein bestürzendes Gefühl, hatte er doch Hoffnung auf Rettung für Sweet Mister.

10.08.2012 18:43:23
Vreni

Toller Roman, der unter die Haut geht. Eine Sprache, die einen in die Knie zwingt. Ich finde Woodrells "Der Tod von Sweet Mister" unglaublich atmosphärisch und packend. Muss nicht immer alles Friede-Freude-Eierkuchen sein. Gerne auch mal Literatur, die das Kind beim Namen nennt, nichts beschönigt und kein Happy End aufweist - so wie Woodrell es eben tut. Großartig! Danke dafür!

15.07.2012 10:44:59
M.Hayn

harter stoff, ja - gut zu lesenes buch. für meinen geschmack etwas amerikanisch.
diese zeiten sind vorüber, aber menschen werden halt auch in dieser gegen von ihrer umwelt sozialisiert.
gut eunterhaltung - mal abgesehen vom schlimmen hintergrund.
mit martha grimes und ihrer unsinnigen beschreibung unwichtiger details ist hier in diesem buch keine spur.
der tod von s.m. ist echt lesenswert.

29.06.2012 13:41:55
Samy

Harter Stoff des Romans, der zehn Jahre vor "Winters Knochen" erschienen ist. Es gibt nichts Gutes unter dieser Sonne im Süden der USA. Und der einzige Lichtblick bleibt auf der Strecke. Woodrell schreibt den Roman wie die Vorlage zu einem Film. Da gibt es nichts zu Lachen und keine Zukunft, die in einer vernüftige Richtung weisen könnte. Wann das das Leben in Ozark Mountains ist, na dann gute Nacht.