Schattenmenagerie

  • Gmeiner
  • Erschienen: Januar 2012
  • Meßkirch: Gmeiner, 2012, Seiten: 320, Originalsprache
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Carsten Jaehner
65°

Krimi-Couch Rezension vonMär 2012

Menagerie mit Schatten

Inspektor Kroll aus Lübeck macht mit seiner jugendlichen Nichte Micha Urlaub auf Mallorca, als er bei einer Tour auf eine Leiche stösst und direkt die mallorquinische Polizei informiert. Es stellt sich schnell heraus, dass der Tote ein Deutscher aus der Gegend von Eutin ist, und so werden Kroll die Ermittlungen vor Ort übertragen und der Urlaub ist zu Ende.

Im Umfeld des Eutiner Schlosses findet Kroll bald heraus, dass der Tote ein beliebter Gönner der Musikszene vor Ort war. Auf dem Schlossgelände spielt auch eine Gruppe Jugendlicher, darunter die blinde Viviana, die Klavier spielt und auf dem Eröffnungskonzert des neuen Konzertsaals spielen soll. Die Jugendlichen nennen sich der 1. FC Eutin, und zur Gruppe gehören auch Noël, der sich in Viviana verliebt hat, und Antonio, der es Micha angetan hat.

Zunächst steht Kroll mit seinen Nachforschungen voll auf dem Schlauch, und auch sein Assistent Dorndorf ist erst einmal keine große Hilfe. Doch Kroll nimmt sich das Personal des Schlosses und auch die Adelsfamilie selbst vor und lernt auch Nikolaus Romanowsky kennen, der das Haus verwaltet und der auf einer Insel im See wohnt. Doch erst mit Hilfe des 1. FC Eutin gelingt es Kroll und Dorndorf, Licht in die Sache zu bringen, doch da hat es bereits weitere Tote gegeben.

Kommissar Zufall ermittelt mit

Dieter Bührig schickt seinen ermittelnden Lübecker Kommissar bereits das zweite ins Rennen, allerdings erscheint der Kommissar gar nicht so häufig, wie man es sich von einem ermittelnden Beamten denken würde. Schnell tappt er im Dunkeln, wenngleich es genügend Verdächtige gibt, aber irgendwie fügt sich nichts zusammen. Ist er erst mal in Eutin angekommen, was noch in seinen Zuständigkeitsbereich fällt, muss er leider auch seine Nichte Micha mitnehmen, weil er ihr versprochen hat, sich in den Ferien ihrer anzunehmen.

Und da wird es auch schon unlogisch. Welcher Polizeichef erlaubt es seinem Kommissar, sich von einer vierzehnjährigen begleiten zu lassen? Aber das ist nicht das erste Mal, dass der Leser sich wundert. Schon in der einleitenden Eingangssequenz auf Mallorca, wo Kroll den Toten findet, hat Kommissar Zufall das Heft in der Hand. Nicht nur, dass Kroll sofort die Kollegen aus Spanien erreicht, sondern sie kommen sofort, sie glauben ihm und binden ihn direkt in die Ermittlungen mit ein, und zufällig kommt der Tote aus seiner Gegen daheim in Deutschland. Nun ja, irgendwie muss die Handlung in Fahrt kommen, doch hier wird doch einiges zurechtgebogen, dass es auch wirklich passt.

Jugendliche ermitteln mit

Bührig legt auch mehr wert auf den Erzählstrang mit de, 1. FC Eutin, der Jugendbande, der sich Nichte Micha anschliesst und die natürlich viel mehr herausbekommen als der Kommissar. Doch ist es gerade die blinde Viviana, die während ihres Klavierspiels Visionen hat und dann auch sehen kann, und in diesen Zuständen träumt sie Nebenhandlungen, in denen die Beteiligten am Fall arbeiten. Einmal beobachtet sie, wie ihr vermeintlicher Freund Noël auf die Insel im Eutiner See schwimmt, um sie zu untersuchen, da das Betreten eigentlich verboten ist, aber der Verdächtige Romanowsky dort lebt.

Beim Durchstreifen des Schlosses, wo Viviana auch die Orgel in der Kapelle spielen darf, finden die Jugendlichen den einen oder anderen Geheimgang, und als Viviana wieder die Orgel spielt, erscheint ihr der Komponist Carl Maria von Weber, der in Eutin geboren ist und dessen bekanntesten Werk seine Oper "Der Freischütz" ist. Er spricht mit Viviana und vermacht ihr seine verschollen geglaubte Klaviersonate, die Wolfsschluchtsonate, und diese wird Viviana bei der Eröffnung des neuen Saals spielen.

Visionen ermitteln mit

Während dieses Konzerts hat sie Visionen von der Vergangenheit und vom Lösen des Falls, wonach der Kommissar und sein Assistent, die weiterhin im Dunkeln tappen und dem Gerede der Kinder erst keinen Glaube schenken, endlich die richtige Kurve kriegen.

Der Roman hat durch die Traumsequenzen, wenn man sie denn so nennen will, doch surreale Züge, und gerade dieses Konzert mit den Visionen Vivianas nimmt einen grossen Raum in dem Roman ein, so dass man denken könnte, es handele sich gar nicht um einen Fall von Kroll. Kroll spielt tatsächlich eigentlich eher eine Nebenrolle in dem Roman, was erst mal nichts schlechtes sein muss, aber dennoch sollte er mehr Anteile an der Aufklärung haben.

Der Kommissar ermittelt auch ein bisschen mit

Ob einem die Traumsequenzen gefallen, vor allem auch in ihrer Masse und im Auftauchen vom Komponisten Weber, muss jeder für sich selbst entscheiden. In jedem Fall hat der Roman eine ordentliche Portion Lokalkolorit, die gerade Eutinern und Lübeckern und Urlaubern und sonstigen Freunden, die sich gelegentlich dort aufhalten, gefallen dürfte. Die Handlung hat die eine oder andere unerwartete Wendung, man könnte auch sagen, sie ist wirr und nicht immer nachvollziehbar, und der Kommissar steht nicht im Vordergrund. Die Morde selbst geraten leider ebenfalls in den Hintergrund und nehmen leider zu wenig Raum ein, zumal sich keine sinnvolle Lösung abzeichnet. Immerhin führt die Musik letztlich auf den richtigen Weg, und das ist ja auch schon mal was.

Warum der Verlag allerdings einen wichtigen Teil des Clous des Romans bereits auf dem Klappentext verrät, wird für immer sein Geheimnis bleiben, den letztlich führt die Handlung erst am Ende genau dorthin. Ohne diese Erwähnung, worauf der Leser natürlich irgendwie wartet, wäre der Roman vielleicht noch spannend geworden, so wartet man eigentlich immer nur auf das Ergebnis des Klappentextes. Und eine Spoilerwarnung vor einem Klappentext zu geben ist nicht der Sinn von Klappentexten.

Der Roman besticht durch den Witz der Jugendlichen und die lange Konzertsequenz, die Bührig gut einfängt. Der Roman ist an manchen Stellen arg konstruiert und Kommissar Zufall tut mehr für den Fall als Kommissar Kroll. Es sind bereits zwei weitere Fälle des Kommissars erschienen, und es bleibt zu hoffen, dass Kroll in künftigen Fällen mehr und stringenter zu tun hat als hier. Insgesamt ein Krimi, der mehr Spannung hätte vertragen können.

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