Harlekin sticht

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Madrid: Salto de Página, 2009, Titel: 'Impar y rojo', Seiten: 215, Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2012, Seiten: 280, Übersetzt: Peter Kultzen

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Matthias Kühn
Cabria ermittelt weiter

Buch-Rezension von Matthias Kühn Mär 2012

Wieder sind die müden Männer aus Madrid da: Der nicht sehr leistungsorientierte Kommissar Subirats, sein minderbemittelter, aber überengagierter Kollege Emm Emm – und natürlich die Leute aus dem Viertel Embajadores, das nicht zu den bevorzugten Wohngegenden Madrids zählt.

Wer sich dieses Buch vornimmt, muss sie nicht unbedingt kennen, es wäre aber besser: Denn Harlekin sticht ist in manchen Punkten die direkte Fortsetzung des Erstlings Poker mit Pandora. und manche Situationen gestalten sich ohne das tiefere Wissen aus Buch Eins nicht halb so witzig. Im Erstling waren sie nämlich alle schon da, die grotesken und komischen Figuren: Der pädophile Barbesitzer César, der bei seinen Spielen mit Schülerinnen von der Polizei schön in Ruhe gelassen wird, weil die seine Kneipe in vollem Umfang nutzt – als Informationsquelle ebenso wie als Versteck und Folterkeller. Der sinnlich überbegabte Vitriolo, der allerdings wegen seiner Talente fliehen muss. Und natürlich Julio Cabria, der Privatdetektiv ohne fachliche Qualifikation. Der ist eigentlich zufrieden, wenn er rauchen, trinken und spielen kann, wenn er französische Chansons hört, die Sportzeitung oder spanische Lyrik aus dem 18. Jahrhundert lesen darf und seine Nachmittage in leeren Programmkinos verbringen.

Aber jetzt hat er einen richtigen Fall an der Backe. Und Cabria braucht Geld; er hat schließlich schon das Geld verspielt, das er gemeinsam mit seiner Ex-Frau für die Ausbildung der Tochter angelegt hatte. Das gibt nicht nur mit Ex-Frau und Tochter Ärger, sondern auch mit dem neuen Freund der Frau – das ist ausgerechnet der Polizist Mélendez.

Engagiert wird er diesmal direkt von der Polizei. Ein Serienkiller hinterlässt bei seinen Opfern Spielkarten, da ist der spielsüchtige Detektiv, wie Kommissar Subirats sagt, die ideale Besetzung, weil er sich bestimmt am besten in den Täter hineindenken kann. Gut, die Idee mit der Spielkarte auf Leichen wurde seit Kinky Friedman schon mehrfach benutzt, ist also nicht sehr originell – aber bei der sprachlich virtuosen Ausführung spielt das keine große Rolle.

Der Fall ist diesmal etwas klarer strukturiert, um nicht zu sagen: einfacher. Zwar sind überall die Nachwehen des Pandora-Falles zu spüren, aber der neue Fall löst sich doch bald davon. Wie gesagt, engagiert wurde Cabria von der Polizei, aber diese Polizisten, die wie Cabria selbst allesamt keine angenehme Perspektive besitzen, muss kaum ein Krimineller fürchten. Dazu sind die Herren Beamten viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt: Kann beispielsweise Gregorio Meléndez, der Cabrias Ex-Frau heiraten will, durch gute Ergebnisse seiner vorzeitigen Pensionierung entkommen?

Und was tut Cabria? Der besucht seinen in diesem Fall anfangs besten Informanten, seinen eigenen Bruder, dem er die Drogen besorgt. Und er überrascht sich selbst mit ungeahnter Vitalität und putzt seine Wohnung – durchaus erwähnenswert. Und dann muss Cabria dringend Geld wegen seiner Spielschulden auftreiben, andererseits auch Resultate liefern. Währenddessen fällt die Polizei auf falsche Fährten rein, auch weil sich die Beamten gegenseitig behindern. Und sie behindern Cabria, denn einige denken, der habe belastendes Material gegen sie in der Hand. Ziemlich verfahren, das Ganze.

Urra löst den Fall vor allem über ein Mittel: Es ist die poetische Sprache, die Harlekin sticht aufregend macht, es sind die Bilder, die Urra manchmal mit voller Absicht wunderbar windschief aufhängt und die Peter Kultzen ebenso wunderbar ins Deutsche gebracht hat. Wie im ersten Band lässt Urra auch hier aus heiterem Himmel arge Gewalt auf Figuren und Leser prallen. Und wieder wirkt diese Brutalität durch die Poesie noch viel stärker und verstörender.

Im Nachwort zu Poker mit Pandora hatte Urra seine Vorgehensweise bereits gerechtfertigt: Er wollte "nicht auf Stilmittel und Erzähltechniken verzichten, die häufig der so genannten ´großen Literatur’ vorbehalten bleiben." Und er wählte seinen Privatdetektiv, "weil dieser als einzige Figur in der Lage ist, den Leser die Dinge aus Sicht des Gesetzes, des Verbrechers und seiner, des Detektivs, selbst sehen zu lassen."

Das ist ihm gelungen. Nun schon zum zweiten Mal. Der Showdown, das nur nebenbei, ist ebenfalls äußerst virtuos, überraschend und richtig spannend. Er ist wie das ganze Buch: eher grotesk als plausibel, eher humorvoll als ernsthaft, eher phantastisch als realistisch – aber wesentlich lesenswerter als viele dieser angestrengten Gutmenschenkrimis mit ihrem weltverbessernden Moralanspruch.

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