Das Handwerk des Teufels

  • Liebeskind
  • Erschienen: Januar 2012
  • New York: Doubleday, 2011, Titel: 'The devil all the time', Seiten: 261, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2012, Seiten: 302, Übersetzt: Peter Torberg
Das Handwerk des Teufels
Das Handwerk des Teufels
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Jürgen Priester
89°

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2012

Der Teufel ist allgegenwärtig

Metaphern mit dem oder um den Teufel als personifiziertes Böses sind schon vielfältig als Titel für dünnblütige Thriller missbraucht worden. So läuft Donald Ray Pollocks Deutschlanddebüt Das Handwerk des Teufels Gefahr, mit in die Schublade dieser mittelmäßigen bis unterirdischen Machwerke gesteckt zu werden. Doch der Verlagsname "Liebeskind" steht für Qualität, das dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Die seriöse, nicht marktschreierische Covergestaltung unterstreicht den Eindruck, dass hier ein Stück ernstzunehmender Literatur vor uns liegt.

The Devil All The Time – der Teufel ist immer und überall – hat der Autor seinen Roman überschrieben und der Teufel lauert wahrlich hinter jeder Ecke und jeder Person. Wenn einer seiner Protagonisten in seinem religiösen Wahn dem HERRN Tieropfer darbietet, um den Krebstod seiner geliebten Frau abzuwenden, so gleicht das mehr einem satanischen Ritual, einer Huldigung an Gottes Gegenspieler.

Im Jahre 1945 kehrt der junge Willard Russell aus dem Kriegseinsatz im Südpazifik zurück in seine Heimat im nördlichen West Virginia. Bei einem Zwischenstopp in Ohio verguckt er sich in Charlotte, einer Kellnerin in einem kleinen Diner. Wie eine Lichtgestalt kommt sie ihm vor, nachdem ihn die letzten Kriegserlebnisse, die ihn mit den Grenzen menschlicher Grausamkeit konfrontierten, nachhaltig verstörten. Die beiden werden ein Paar, doch Willard ist nicht mehr der unbeschwerte junge Mann, der in den Krieg zog. In dieser Zeit, in der es noch keine psychologische Nachsorge für traumatisierte Kriegsteilnehmer gab, hatte er wenig Möglichkeiten, die unauslöschbar eingebrannten Schreckensbilder zu verarbeiten. So flüchtet er sich in einen archaischen Glauben, der ihm hilft, die Dämonen der Vergangenheit in Schach zu halten. Seine Frömmigkeit nimmt bigotte Ausmaße an, unter denen seine Frau und später auch beider Sohn Arvin zu leiden haben. Als Charlotte unheilbar an Krebs erkrankt, treibt die Verzweiflung Willard vollends in den Wahnsinn.

Sohn Arvin wächst in den Folgejahren bei seiner Großmutter Emma, der Mutter seines Vaters, in dessen Heimat in Coal Creek, West Virginia auf. Im Hause der Großmutter lebt auch die nur ein Jahr jüngere Pflegetochter Leonora. Ihr Vater, ein obskurer Wanderprediger, hatte vor Jahren seine Frau ermordet, seitdem ist er zusammen mit seinem Cousin untergetaucht. Leonora ist ein gottesfürchtiges Mauerblümchen, das eher im Studium der Bibel Erfüllung findet, als dass sie sich in weltlichen Dingen auskennt. Als sie zum Teenager heranreift, ist es für den neuen attraktiven Gemeindepfarrer, ein Schürzenjäger übelster Sorte, ein Leichtes, sie zu verführen. Arvin entgeht nicht, dass sich seine Stiefschwester verändert. Doch bevor ihm dämmert, was dahinter steckt, begeht Leonora eine Verzweiflungstat. Mit kalter Wut rächt Arvin sie, wie er es von seinem Vater gelernt hat: Auge um Auge – Zahn um Zahn. Arvin muss flüchten und es zieht ihn an den Ort seiner Kindheit, nach Knockemstiff, Ohio.

Knockemstiff, Ohio. Genau dort ist auch Autor Donald Ray Pollock im Jahre 1954 geboren, wenn man so will, nur sechs Jahre nach seinem Romanhelden Arvin. Es ist kaum anzunehmen, dass er vieles aus seinem Roman selbst erlebt hat. Doch war er in den 1960ern alt genug, um die Atmosphäre dieser Zeit und dieser Region der USA aufzunehmen. Über die 1950/1960er Jahre haben viele amerikanische Schriftsteller geschrieben. Für den Krimisektor fallen mir spontan James Ellroy mit seiner "Underworld-Trilogie" oder jüngst Stephen King mit Der Anschlag ein. Während Ellroy sich mit den großen politischen Themen dieser Zeit befasste, fokussierte King, auch wenn das Attentat auf Kennedy das dominierende  Ereignis war, das Leben der einfachen Leute auf dem Lande. Das macht auch Pollock. Doch während King diese Zeit als Melodic Rock interpretierte – um mal einen Vergleich aus der Musik zu nehmen - ist Pollocks Version ein getragenes Black Metal – Stück.

Der oben skizzierte Handlungsstrang ist nur einer von dreien. Parallel dazu – etwas zeitlich versetzt – entwickelt Pollock den zweiten, der sich dem Leben von Leonoras Vater Roy widmet. Dieser ist mit seinem gelähmten Cousin Theodore als Wanderprediger unterwegs – nach dem Motto: Gottes Wort gegen klingende Münze. Im Laufe ihrer Wege schließen sie sich einem Wanderzirkus an, der mehr einem Monstrositäten-Kabinett gleicht, an das die beiden sich schnell innerlich wie äußerlich anpassen. Eine Monstrosität ganz anderen Kalibers ist das Pärchen, dem wir im dritten Handlungsstrang begegnen. Sandy und Carl Henderson vergnügen sich als Highway-Killer. Jedes Jahr im Frühsommer begeben sie sich auf ihre Tour durch einen der Staaten, um ahnungslose Reisende in ihre Gewalt zu bringen, sie zu foltern, zu ermorden und mit deren Hab und Gut zu verschwinden. Irgendwann kreuzt sich ihr Weg mit dem von Roy und dem von Arvin.

Donald Ray Pollock ist ein Spätberufener. Erst im Alter von 45 hat er mit dem Schreiben begonnen. In 2009 erschien in den USA sein Kurzgeschichten-Band "Knockemstiff". Ein Jahr später sein erster Roman "The Devil All The Time", der uns in der Übersetzung von Peter Torberg vorliegt.  Das Handwerk des Teufels ist im Münchener Liebeskind-Verlag erschienen, der einmal mehr ein gutes Händchen für das Außergewöhnliche beweist.

Pollock schreibt über seine Heimat, dem südlichen Ohio, in dem er sein ganzes Leben verbracht hat. In seinem Roman malt er ein düsteres, nein, ein fast schwarzes Bild der Vergangenheit. Es gibt nur wenig Licht und das erscheint in Form von zwei/drei weiblichen Protagonisten. Die Männer sind durchgängig übel drauf oder wenigstens mit einigen Defiziten behaftet. Selbst der Held, der heranwachsende Arvin, der in seiner Kindheit unter dem religiösen Wahn seines Vaters litt, der dessen brutale Ausübung des Faustrechts abstoßend fand, greift im Ernstfall bedenkenlos auf das archaische Mittel der Selbstjustiz zurück. Aber wer wird ihn verurteilen wollen?

In einem Interview mit dem "Ohio Channel", einem regionalen Fernsehsender, macht Donald Ray Pollock einen ruhigen, abgeklärten Eindruck. Ein Mann, der die Härten des Lebens kennt. Ebenso unprätentiös ist seine Sprache. Da ist nichts Kalkül, nichts Showelement. Seine teilweise drastischen Bilder von Mord und Totschlag wirken wie ein Teil des Alltags, der Normalität. Der nette junge Pfarrer, der mit seiner Kirchengemeinde beim Kaffeekränzchen plaudert – wer denkt denn schon, dass ein eiskalter Verführer in ihm steckt. Hinter den Masken des Guten tun sich wahre Abgründe auf.

Frömmler, Scharlatane, Mörder, Psychopathen – ein groteskes Panoptikum, das sich auf des Teufels Handwerk versteht – man liest es mit Schaudern.

Das Handwerk des Teufels

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