Schwarzer Himmel

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Helsinki: Tammi, 2006, Titel: 'Musta taivas', Seiten: 238, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 240, Übersetzt: Stefan Moster

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Matthias Kühn
Derb, hart, schnell und witzig: finnisches Noir-Neuland!

Buch-Rezension von Matthias Kühn Feb 2012

Finnische Krimis? Okay: Die atemlosen Raid-Romane von Harri Nykänen, geschrieben aus der Sicht eines Auftragskillers; die solide, wenn auch betuliche Maria-Kallio-Reihe von Leena Lehtolainen; der große, wirklich sehr große Arto Paasilinna, von dem ich vor allem Im Wald der gehenkten Füchse immer wieder zur Hand nehme – aber der schreibt genau genommen keine richtigen Krimis.

Ob Krimi oder nicht, die Finnen haben eine große Zahl an lesenswerten Autoren zu bieten, die oft selbst bei tragischen Themen witzig sind, mit ungewöhnlichen Themen- und Szenenwechseln überraschen – und bestens unterhalten.

Nun also Tapani Bagge. Schwarzer Himmel ist das erste Buch von ihm, das bei uns erscheint. Die finnische Ausgabe von Wikipedia verzeichnet ein umfangreiches Werk des Autors, vor allem Krimis, Comics und Kinder- und Jugendbücher – rund vierzig Titel. Bagges Homepage führt außerdem zu einem Blog, in dem er Pulp-Romane bespricht, außerdem veröffentlicht er Geschichten in Pulp-Magazinen. Bagge schreibt also viel, mindestens ein halbes Dutzend Krimis wartet da auf uns. Eine englischsprachige Quelle teilt zudem mit, dass Bagge Hard-boiled- und Noir-Krimis schreibe und als finnische Mischung aus Donald Westlake, Elmore Leonard und Chester Himes gilt, mit einem Schuss Jim Thompson. Und er übersetzt aus dem Englischen.

Man merkt beides, das Vielschreiben und die vor allem amerikanische Krimitradition. Schwarzer Himmel ist überaus routiniert geschrieben, geschult an amerikanischen Gangster- und Polizeiromanen – fast schon eine Idee zu routiniert.

Überfall auf einen Geldtransport – mit Folgen

Die Story des Buches, ohne viel zu verraten, geht in etwa so: Ernesto Jarra, genannt Erno, kehrt nach einem spektakulären Raubüberfall in Schweden in seine südfinnische Heimatstadt zurück, nach Hämeenlinna, keine hundert Kilometer von Helsinki entfernt. Dort überlegt er sich, wie er seinem Boss das Verschwinden der vielen Geldsäcke erklären soll. Die wurden nämlich von einer Trombe, also einer Art Tornado, mitgenommen. Das wird der Boss ihm niemals abnehmen. Das Problem: Auch der Leser glaubt diese Geschichte nicht so richtig.

Dabei fing es eigentlich fast gut an, auch wenn aus dem Räuberquartett während des Überfalls ein Trio wurde und außerdem noch ein Unbeteiligter ums Leben kam. Doch nach dem Tornado, der auch Ernesto durch die Luft wirbelt und auf einem Dach ablädt, sieht es nicht mehr so gut aus. Er flieht also in dieses Hämeenlinna, wo er sich schließlich auskennt. Da verfügt er, auch wenn er zehn Jahre weg war, über beste Kontakte zur kriminellen Szene. Denn er hat einen Plan: Er will das verlorene Geld zurückbeschaffen, um so seinen Boss zu beruhigen. Dass sich der Autor ausgerechnet dieses Städtchen ausgesucht hat, wo er seine Geschichte von nun an spielen lässt, ist kein Zufall: Auch Bagge stammt von dort – so ist das Buch also auf eine gewisse Art ein finnischer Regio-Krimi. Das zeigt wieder mal, wie blöd diese Diskussion ist; um es mit der Paraphrase eines Satzes von Otto Rehhagel zu sagen: Es gibt keine Regio-Krimis – es gibt nur gute und schlechte Krimis.

Rasantes Erzählen ohne großes Psychologisieren

Bagge führt haufenweise Figuren ein, hauptsächlich Kleinkriminelle: Gelegenheitsdiebe, Geldeintreiber, einen drogensüchtigen Eishockeyspieler, einen Polizeiinformanten, vom dem ausgerechnet eine Polizistin ein Kind bekommt, ein weiterer Spitzel, der eine Imbissbude betreibt – und ein paar eher antriebsschwache Bullen. Selbst in der Familie Ernestos wimmelt es von skurrilen Figuren mit krimineller Vergangenheit: Allen voran Ernos ständig besoffene Tante Henna und deren Tochter Janita.

Schnell bilden sich im Ort Lager. Da gibt es welche, die unbedingt beim großen Coup mitmachen wollen, weil Ernesto als zuverlässig und erfolgreich gilt, auch wenn das nicht stimmt; andere wollen lieber abwarten, bis der Coup vorbei ist, um dann die Sahne abzuschöpfen. Und dann gibt es auch jemanden, der auf der Suche nach Ernesto ist, ihn aber nicht finden kann. Auch das ist, mit Verlaub, nicht ganz glaubwürdig.

Aber solche Konstruktionsfehler gehören zum Genre – denn Schwarzer Himmel ist kein psychologisch ausgefeilter Roman um Psychopathen und durchgeknallte Serienkiller, wie sie in Schweden bald wöchentlich erscheinen. Das hier ist ein dreckiger, böser Noir-Roman, bei dem schnell klar ist: Am Ende steht das Inferno, das allzu viele Leute wohl nicht überleben werden.

Bagge schildert also keine tiefe Psychologie, sondern, wie in vielen amerikanischen Pulp-Romanen, die eher oberflächlichen Gedankenwelten minderbemittelter und grobschlächtiger Ganoven. Dazu gehören auch die beiden Überlebenden des anfänglichen Raubes, der blonde Schwede Rune und der serbische Ex-Partisan Goran, die natürlich in Hämeelinna auch wieder auftauchen.

So entstehen durch einen personalen Erzählstil skurrile Szenen voller egozentrischer Gedanken und der entsprechenden Brutalität – aber auch mit viel schwarzem Humor. Wenn man Bagge die kleinen Logikfehler durchgehen lässt und sich nicht allzu große Gedanken über Motivationen macht, vermittelt Schwarzer Himmel ein echtes Lesevergnügen. Bis zum Finale am sechsten Tage, das in jeder Hinsicht konsequent ist: Wieder nicht ganz glaubwürdig, dafür aber bekommt man ein wahres Inferno geliefert. Nochmals: Damit verrate ich nichts; es ist so angelegt, von Anfang an.

Wirklich: Es macht schon Spaß, beispielsweise den Geldeintreibern Nase und Nacken zuzuhören, wie sie sich überlegen, welche Folterart den größten Erfolg verspricht. Oder wenn der werdende Vater Allu, der natürlich auch beim großen Coup mitverdienen will, mitmachen will, über die Zukunftsaussichten seines Kindes nachdenkt.

Haufenweise skurrile Gestalten – und starke Dialoge

Was deutsche Leser bei der Vielzahl der Personen etwas verwirren kann, dürfen wir nicht dem Autor anlasten: Die finnischen Namen lassen sich eben nicht so leicht merken, dadurch ist es nicht immer einfach, die Leute auseinanderzuhalten: Rahila, Hurme, Erja ... Und die sind dann auch noch viel unterwegs, wie es sich für so einen Roman gehört, auf Straßen mit Namen wie Vanajantje oder Viipurintje und in Vororten mit ebenfalls zungenbrecherischer Namensgebung – das ist eben Finnland.

Wer die eingangs als Zuordungspunkte erwähnten Autoren mag, außerdem Autoren wie Winslow, Lawrence Block oder Jim Nisbet schätzt, wird viel Vergnügen haben mit den schrägen Figuren, die zu Dutzenden Bagges Roman beleben. Natürlich: Jim Thompson oder Chester Himes kann Tapani Bagge, bei aller Echtheit seiner Dialoge und bei der genau angemessenen Strukturiertheit der Erzählung, das Wasser nicht reichen. Aber wer kann das schon.

Zu verdanken haben wir das Auftauchen von Tapani Bagge dem Autor und erstklassigen Übersetzer Stefan Moster, der in Finnland lebt und uns schon Ilkka Remes angeschleppt hat – und der Daniel Katz, Petri Tamminen und manche andere übersetzt hat.

Schwarzer Himmel erhielt übrigens 2007 den Finnischen Krimipreis, außerdem war der Roman 2008 für den Skandinavischen Krimipreis nominiert. Gewonnen hat den allerdings Stieg Larsson – starke Konkurrenz, zu starke. Überhaupt hat bisher nur ein Finne diesen Preis gekriegt: Matti Rönkä, im Jahr 2007. Für Russische Freunde, der nebenbei auch empfehlenswert ist.

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