Der Mord des Jahrhunderts

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Crown, 2011, Titel: 'The murder of the century : the Gilded Age crime that scandalized a city and sparked the tabloid wars ', Seiten: 325, Originalsprache
  • München: Irisiana, 2012, Seiten: 448, Übersetzt: Carina Tessari

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Michael Drewniok
Vom Mord zum Medienereignis

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2012

Ein grausiger Mord im New York des Jahres 1897 entwickelt sich zu einem bizarren Ermittlungswettstreit zwischen der Polizei und der Presse … – Dieser Tatsachen-Roman missbraucht die Vergangenheit nicht als exotische Kulisse, sondern nutzt sie anschaulich als Rahmen eines zeitgenössischen "True-Crime"-Spektakels, das ausgezeichnet recherchiert und beschrieben wird: In der Tat ist nichts spannender als die Wirklichkeit!

Einen ersten Teil des Körpers ziehen spielende Kinder am 26. Juni 1897 in New York aus dem East River: den Brustkorb mit zwei Armen. Einen Tag später stoßen Spaziergänger im spärlich besiedelten Stadtteil Highbridge auf den dazu passenden, im Unterholz abgelegten Unterleib. Die wenig interessierte Polizei tippt auf die illegale Entsorgung einer sezierten Leiche durch Medizinstudenten, bis eine nähere Untersuchung des Brustkorbs ergibt, dass dieser Mann mit einem Messer attackiert wurde und durch einen Stich ins Herz starb.

In einer Großstadt wie New York werden täglich verstümmelte Leichen gefunden, doch diese wird zum Auslöser eines regelrechten Medienkrieges: In Sommer 1897 liefern sich zwei große Zeitungen einen erbitterten Kampf um Kunden und Auflagen. Joseph Pulitzer ist Herr der "New York World", sein jüngerer Herausforderer William Randolph Hearst leitet das "Evening Journal". Sie sind Publizisten einer neuen Generation: Die nüchterne Schilderung von Fakten weicht dem Boulevard-Journalismus und damit der spekulativ aufbereiteten, nicht selten selbst inszenierten Sensation.

Weniger wichtig und bisweilen störend sind die Fakten. Als sich herausstellt, dass die deutsche Einwanderin Augusta Nack sich mit der Unterstützung ihres aktuellen Liebhabers Martin Thorn des lästig gewordenen Vorgängers William Guldensuppe entledigt hat, ist dies der Presse vor allem Anlass, ein Eifersuchts- und Morddrama zu inszenieren, in welchem den Beteiligten Rollen zugewiesen werden.

Von den Zeitungen und einer manipulierten Öffentlichkeit vorverurteilt, werden Nack und Thorn zum Spielball der Justiz. Vor Gericht liefern sich ein ehrgeiziger Staatsanwalt und ein skrupelloser Verteidiger eine Schlacht, die wiederum von den parteiischen Medien angeheizt wird. Als das Urteil gesprochen wird, steht immerhin ein Sieger fest: Hearst ist der neue König des Boulevards.

Übel von gestern als Saat für heute

Dies ist eine jener Geschichten, deren Realität man sich immer wieder vor Augen führen muss, um sie richtig goutieren zu können. Hätte Paul Collins einen "echten" Kriminalroman geschrieben, würde man ihm sicherlich den Vorwurf schamloser Übertreibung machen. Doch so kann er kontern: mit einem mehr als 50-seitigen Anhang, der die herangezogenen Quellen akkurat auflistet. Spätestens jetzt versteht man, wieso Collins im Vorwort selbstbewusst behaupten kann:

 

"Sämtliche in Anführungszeichen gesetzte Aussagen sind Originalzitate, und während ich den Wust an Worten freizügig gekürzt habe, wurde nicht ein einziges Wort hinzugefügt."

 

Diese überwältigende Informationsflut aus der Vergangenheit dürfte vor allem die jüngeren Generationen der Gegenwart verblüffen, die mit dem Internet großgeworden sind und oft davon überzeugt sind, die Ersten zu sein, die für Recherchen aus dem (digitalen) Vollen schöpfen können. Doch "vergangen" ist kein Synonym für "primitiv", und auch im "analogen" Zeitalter wusste man Neuigkeiten an den Mann und die Frau zu bringen. So erschien im New York des Jahres 1897 mehr als ein Dutzend Tageszeitungen – oft in drei Ausgaben täglich.

Auch in dieser Hinsicht ist der Leser nach der Lektüre von "Mord des Jahrhunderts" schlauer geworden. Collins erzählt nicht nur eine fesselnde "True-Crime"-Story, sondern verknüpft die Darstellung eines Mordereignisses mit der Alltags-Schilderung der Ereigniszeit, was unbedingt erforderlich ist, um den Fall Guldensuppe in seiner Gesamtdimension begreiflich zu machen. Im 21. Jahrhundert ist die Presse – über die gedruckte Zeitung erweitert auf die modernen Massenmedien – als zwar inoffizielle aber einflussreiche "vierte Macht" (neben Gesetzgebung, Gesetzausübung und Rechtsprechung) etabliert. Verlorengegangen ist die Tatsache, dass dieser Ehrentitel sich ursprünglich auf eine ´seriöse´ Presse bezog, die sachlich und ausgewogen über Ereignisse berichtete und Missstände aufdeckte. Die Herrschaft des Boulevards, der auf die Wahrheit nicht angewiesen ist, gründet sich auf Männer wie William Randolph Hearst, und sie reicht keine 150 Jahre zurück.

Sensationen werden "gemacht"

Sicherlich gäbe es andere historische Dreh- und Angelpunkte, an denen Collins die Geschichte des US-Boulevard-Journalismus verankern könnte. Nüchtern betrachtet stellt der Mord an William Guldensuppe auch keinen "Mord des Jahrhunderts" dar. Collins selbst macht daraus keinen Hehl und erwähnt sowohl alternative Sensationen als auch weitere spektakuläre Kapitalverbrechen. Den Fall Guldensuppe greift er auf, weil dieser einer bereits angelaufenen Entwicklung zum exemplarischen und perfekten Katalysator wurde: Die Sensation trägt allemal den Sieg über die Wahrheit davon, wenn man sie nur ansprechend verpackt.

Was in diesem Fall mit dem Appell an die sprichwörtlichen niederen Instinkte gleichzusetzen ist. Der Mensch liebt das Grausige ebenso wie den Skandal und schwelgt darin, solange er nicht selbst betroffen ist. Gaukelt man ihm vor, ihn über solche Dinge, die ihn in der Regel nichts angehen, ´informieren´ zu wollen, kommt ein schlechtes Gewissen erst recht nicht auf. Dies gilt erst recht in der Welt des Jahres 1897 und für ein Zeitungspublikum, das noch lernen musste, Information von Klatsch, Lüge und Meinungsmache zu unterscheiden.

Als Bösewichte stehen in diesem Spiel die Journalisten von Hearst und Pulitzer nur vorgeblich fest. Collins weiß zu differenzieren: Er beschreibt Menschen, die in den Sog der eigenen Erfolge geraten. Noch gibt es 1897 kaum Grenzen, die der Presse gesetzt werden. Also darf ein Zeitungsverleger tatsächlich eine eigene Truppe ins Leben rufen, die – besser ausgestattet als die echte Polizei – Ermittlungen anstellt und keine Skrupel hat, gefundene Indizien zu unterschlagen, wenn dadurch die nächste Schlagzeile gesichert ist.

Die Mörder und die Meute

Dies ist auch deshalb möglich, weil New York Anno 1897 eine nur mühsam verwaltete Millionenstadt in einem Staatengebilde ist, dessen Regierungssystem der individuellen Freiheit größere Rechte einräumt als der Eindämmung der daraus erwachsenden Fehler. Das Glück ist mit dem Tüchtigen, und wer bei der täglichen Jagd nach dem Dollar nicht mithalten und die Ellenbogen einsetzen kann, hat Pech gehabt und trägt ausschließlich selbst die Schuld. Die Armen und Kranken ignoriert man am besten; wenn man Glück hat, gehen sie von allein zugrunde.

Solcher Brachialdarwinismus war noch wesentlich deutlicher als heute ein Wesenszug der US-Gesellschaft. Collins zeichnet das Bild einer unbarmherzigen Welt. Rassismus, Ausbeutung, Hunger, Analphabetentum: Solche alltäglichen Missstände sind der Kompost, der nicht nur Unwissenheit, Krankheit und Verbrechen düngt, sondern auch den Boulevard sprießen lässt. Collins erinnert daran, dass es ohne die Presse einen "Jahrhundertmord" Guldensuppe gar nicht gegeben hätte – der Fall stand kurz davor, ad acta gelegt zu werden, weil quasi täglich Leichen im Hudson trieben. Besonderer Ermittlungsaufwand wurde für diese Pechvögel nicht getrieben. Ohnehin waren die meisten Polizisten korrupt oder unfähig oder beides.

Man glaube außerdem nicht, dass der Mord an William Guldensuppe ein "perfektes" Verbrechen darstellt. Die Beteiligten waren Amateure und profitierten zunächst von der Gleichgültigkeit der Behörden. Ohne die Einmischung der Presse wären sowohl Augusta Nack als auch Martin Thorn unbehelligt ihrer Wege gegangen.

Die Mühlen des Gesetzes

Erst der Medienwirbel ließ die Maschinerie des Gesetzes anlaufen – stockend, knirschend, schlingernd. Collins widmet sich im zweiten Teil seines Buches verstärkt den Mächten 2 (Legislative) und vor allem 3 (Judikative). Nachdem Nack und Thorn wider Erwarten gefasst sind, wird "Der Mord des Jahrhunderts" zum "court drama", während die Presse allzeit bereit in den Hintergrund rückt.

Die Bezeichnung "Drama" ist doppeldeutig und entlarvend; sie deutet gewisse Besonderheiten des US-Rechtssystem an. Auch vor Gericht scheint die Wahrheit von sekundärer Bedeutung zu sein. Faktisch geht es darum, zwölf Geschworene von der Schuld oder der Unschuld eines Angeklagten zu überzeugen. Dies gelingt nicht nur durch Fakten, sondern wird auch durch das Auftreten von Ankläger und Verteidiger beeinflusst. Sie arbeiten mehr oder weniger manipulativ, denn auch die US-Justiz ist erfolgsorientiert: Der Sieg des Juristen ist wichtiger als der Sieg der Gerechtigkeit.

Auch hier war die Welt von 1897 unbarmherziger – oder ehrlicher. Staatsanwalt Young und vor allem Verteidiger Howe spielen vor Gericht offen Rollen. Vor allem Howe trägt dick auf; er kleidet sich in schreiend bunte Anzüge, trägt Ringe an jedem Finger und täglich eine neue, obszön teure Krawattennadel. Er schüchtert Zeugen ein, "führt" sie zu Aussagen, die er hören will, arbeitet eng mit der Presse zusammen, um für sich zu werben – dies alles mit Billigung des Gesetzes. Dass womöglich doch die Richtigen verurteilt werden, mutet wie ein glücklicher Zufall an.

Geschichte in Geschichten

Wenn man Paul Collins einen Vorwurf machen muss, dann den einer fehlenden Distanz zwischen dem Verfasser und seinem Stoff. Dahinter mag Absicht stecken: Collins kündigt im Vorwort an, dass er den O-Ton nutzen werde, um seine Figuren "sprechen" zu lassen. Deren Aussagen sind freilich dort, wo historische Zeitungen zitiert werden, zeitgenössisch eingefärbt: Zeugen wurden gern "korrigiert", um ihre Äußerungen schlagzeilenwürdiger zu gestalten. Nach dem Willen der zeitgenössischen Presse war die Welt ein Ort der Wunder und der Gefahren. Also wurde sie entsprechend dargestellt.

Die Realität sah allerdings deutlich nüchterner bzw. alltäglicher aus. Collins macht sich die Atemlosigkeit der Boulevard-Journalisten zu Eigen; aufgrund des Themas ein naheliegendes Stilmittel, das er indes ein wenig zu frei einsetzt, weil er auch die Vorurteile konserviert, die deshalb schwer oder gar nicht erkennbar sind. New York wird zum Irrenhaus, dessen geistig wenig regen Bewohner nach den Pfeifen von Hearst oder Pulitzer tanzen: Collins trägt dick auf, was er dort fortsetzt, wo er sich auf originale, nicht für eine Veröffentlichung vorgesehenen Gerichtsprotokolle stützen konnte. Also besetzt er die Geschworenenbank mit ulkig-tumben Bauern und Arbeitern und den Zuschauerraum mit neugierigen Frauen, die nach schlüpfrigen Details gieren, während Richter, Verteidiger und Staatsanwalt eine Show präsentieren, die verdächtig nach US-Fernsehen riecht.

So ist Paul Collins letztlich selbst in den Sog des Boulevards geraten. Mehr Sachlichkeit hätte seinem Buch gutgetan sowie deutlich gemacht, dass er nicht nur in kuriosen, kruden, komischen Episoden aus alter Zeit schwelgen will. Dafür hat er sich zu viel echte Recherche-Arbeit in staubigen Archiven und Bibliotheken gemacht. Wer auf solche Differenzierung keinen Wert legt, kann diese Einwände ignorieren und sich einer ebenso spannende wie irrwitzige Geschichte mit reichlichem Zeitkolorit erfreuen.

Der Mord des Jahrhunderts

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Letzte Kommentare:
12.04.2015 08:51:56
H. Gardner

Meiner Meinung nach gehört das Buch von Paul Collins zu den wenigen Büchern unserer Zeit, die problemlos ein zweites Mal gelesen werden können, ohne dass ihr Inhalt dann langweilen würde. Am ehesten könnte man die Art und Weise, in der Collins den Mordfall Guldensuppe beschreibt, als "Berichterstattung" bezeichnen. Der Mord an dem deutschen Einwanderer William Guldensuppe hat tatsächlich im Sommer 1897 in New York stattgefunden, und dem Autor standen für seine Recherchen zahlreiche alte Zeitungsartikel und auch die veröffentlichten Erinnerungen von Reportern und Ermittlern zur Verfügung, die damals an dem Fall arbeiteten. Außerdem ist das Buch randvoll mit Originalzitaten, was ich sehr beeindruckend finde. Es handelt sich also eigentlich um ein Sachbuch und nicht um einen Kriminalroman. Allerdings liest es sich genauso spannend und ist alles andere als trocken oder langatmig geschrieben.

Es ist mir fast ein Rätsel, wie Paul Collins es fertiggebracht hat, sowohl das faszinierende Leben der New Yorker im ausgehenden 19. Jahrhundert und das geschäftige Treiben der dort ansässigen Zeitungen und ihrer Mitarbeiter, als auch den historischen Kriminalfall zu einer perfekten und sehr homogenen Einheit zusammenzufügen. Ich fühlte mich zeitlich mehr als hundert Jahre zurückversetzt und habe es sehr genossen, so viele interessante Einblicke in das damalige Leben in der Großstadt New York zu erhalten. Der Leser erfährt etwas über die neuesten Erkenntnisse und Methoden anno 1897 im Bereich der Rechtsmedizin, welche Auswanderergruppierungen und Handelszweige es gab, wie die Rechtsprechung funktionierte, welche katastrophalen Zustände im Leichenschauhaus herrschten, was man trug und wie man dachte, und vieles mehr.

Im Bereich des Zeitungswesens werden die Werdegänge der beiden größten Medienmogule ihrer Zeit, William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer (nach dem der Pulitzer-Preis benannt ist), dargestellt und die Arbeitsmethoden ihrer Zeitungen näher beleuchtet. Der Fall Guldensuppe führte letztlich zum ersten der "großen Zeitungsprozesse". Das Journal und die World standen im ständigen Wettstreit miteinander und viele andere Blätter kämpften zwar nicht mehr um die Vormachtstellung, aber dafür um das nackte Überleben. Damals "machte" man im wahrsten Sinne des Wortes die Schlagzeilen und war in der Wahl der Mittel nicht gerade zimperlich. Die Polizei musste aufpassen, dass die Journalisten ihnen nicht ihre Fälle vor der Nase wegschnappten und selber lösten.

Der Kriminalfall rund um den Mord an William Guldensuppe ist durchweg spannend erzählt. Es finden polizeiliche und rechtsmedizinische Untersuchungen statt, Verdächtige und Zeugen werden vernommen, es kommt zu Verhaftungen, einem Gerichtsprozess und einem Urteil. Verschiedene Personen werden in diesem Zusammenhang vorgestellt, wie z.B. der Staranwalt William F. Howe, und ihre Lebensgeschichten beschrieben. Auch die Begleitumstände anderer zeitnaher Verbrechen werden zwischendurch eingestreut. Zwar wird der Mordfall schlussendlich nicht vollständig gelöst, aber das stellt kein wirkliches Problem dar, denn es handelt sich schließlich um einen echten Fall und Paul Collins bietet eine durchaus schlüssige Lösung an. Damit endet das Buch allerdings nicht, denn es folgen noch einige interessante Informationen über den weiteren Lebensweg mehrerer Beteiligter, die eine Rolle bei der Klärung des Falls Guldensuppe spielten. Ich fand es sehr angenehm, dass der Text nicht, wie sonst bei Sachbüchern üblich, mit Fußnoten versehen ist, sondern sich im Anschluss an die Geschichte ein längerer Anhang befindet.

Von der äußeren Aufmachung her hat das Buch ebenfalls einiges zu bieten. Es verfügt nicht nur über einen Schutzumschlag, sondern die Buchdeckel sind mit alten Zeitungsausschnitten von dem Mordfall bedruckt, und im Inneren befinden sich ein paar wenige Zeichnungen und Notizen aus dem Jahr 1897.

Ich kann "Der Mord des Jahrhunderts" uneingeschränkt jedem empfehlen, der sich für diese Zeit, die Geschichte des Zeitungswesens oder historische Kriminalfälle interessiert. Anfangs muss man sich etwas mehr konzentrieren, um die vielen Namen nicht durcheinanderzubringen, aber das legt sich schnell. Das Buch ist einfach fantastisch geschrieben und so spannend, unterhaltsam und informativ, dass ich gerne weitere Titel von Paul Collins lesen würde.

21.08.2012 13:30:08
Moehrchen

Die Yellow-Press lernt laufen

Sommer 1897 in New York: Es werden mehrere verpackte Leichenteile gefunden. Schnell ist klar, dass die Teile alle vom selben Toten stammen. Die Polizei vermutet zunächst einen Streich von Medizinstudenten hinter dem Ganzen doch die Presse, bei der gerade eh Flaute herrscht, stürzt sich auf die Story und beginnt zu Ermitteln. Eine Schlagzeile folgt der anderen, jeder Verleger möchte der erste sein, der sensationelle Funde zu verzeichnen hat und tatsächlich finden sie heraus, dass es sich bei dem Toten um William Guldensuppe handelt. Schnell gibt es auch Verdächtige und schließlich eine Verhandlung. Die Presse, an vorderster Front die konkurrierenden Zeitungsmogule Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst, ist bei allem dabei und hat Ihre Finger immer im Spiel.

Ich würde das Buch als Sachbuch bzw. Dokumentation mit Krimianteil einstufen. Dem Autor ist es gut gelungen, dem Leser Wissen zu vermitteln und gleichzeitig Spannung aufzubauen - für mich eine ideale Kombination. Anders als ein Krimi erfordert das Lesen aber einiges an Konzentration um nicht bei den vielen Personen und Schauplätzen durcheinander zu kommen.

Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt, darauf folgen dann ein ausführliches Quellenverzeichnis sowie ein Anhang für die Leser, die sich noch weiter mit dem Fall Guldensuppe bzw. der Entwicklung der Boulevard-Presse beschäftigen möchten.

Interessant fand ich, welchen Anteil die Presse an dem ganzen Fall gespielt hat - heute so kaum noch vorstellbar - und wie sie maßgeblich an der Lösung des Falles beteiligt war bzw. diesen beeinflusst hat. Man erfährt, wie die Yellow-Press zu ihrem Namen kam und bekommt am Rand die Ursprünge moderner Ermittlungsmethoden mit. Journalisten waren auch zur damaligen Zeit nicht besonders zurückhaltend, da werden Konkurrenten behindert um an die besten Schlagzeilen zu kommen, oder auch einfach nur Vermutungen als Wahrheit hingestellt. Ein wirklich hartes Geschäft, das von seinen Lesern lebt, denen man genau das gibt, was sie lesen möchten. Dieses Buch macht deutlich, dass die Zusammenarbeit zwischen der Polizei und Reportern nie wirklich funktionieren kann, weil beide zu unterschiedliche Interessen vertreten. Die einen arbeiten für die Leser, die andern für das Gesetz und leider kommt es da oft zu Widersprüchen.

Das Leben schreibt nicht immer die besten Geschichten aber hier ist es, auch dank der Erzählkunst des Autors, so. Wer sich für echte Kriminalfälle und die Boulevardpresse interessiert, der sollte an diesem Buch nicht vorbeigehen.

07.03.2012 18:13:37
Synapse11

Leben - Leichen und Legenden

Inhalt und Meinung:
Das Cover und die Leseprobe hatten mich auf das Buch neugierig gemacht und ich wurde nicht enttäuscht. Wer den Schutzumschlag entfernt, erlebt eine Überraschung. Das Buch ist wunderbar, passend zum Inhalt, mit den historischen Zeitungsausschnitten gestaltet (wirkt wie ein antikes Buch) - genial! Anfangs wunderte ich mich, warum es als Sachbuch erscheint. Nach dem Lesen ist auch dies klar. Eine gelungene Mischung aus Sachbuch, Krimi und Historie. Es ist spannend und teilweise amüsant, von der antiken Kriminaltechnik zu lesen. Soweit man schon von Technik sprechen kann. Rückständige Methoden der Aufklärung genauso wie die “antiken” Mordmethoden mit Holzhammer oder zersägt etc. Blutige Szenen sind kurz gehaltenes Beiwerk und stehen nicht im Vordergrund. Damit ist das Buch auch für zart besaitete Leser gut bekömmlich.

Der Schreibstil erscheint teils flüssig, teils anstrengend. Er liest sich gut, es ist aber kein reiner Krimi mit steigendem Spannungsbogen. Die Geschichte gleicht an vielen Stellen einem Zeitungsbericht. Die ausführlichen Details sind teilweise historisch sehr interessant, erscheinen stellenweise aber auch langatmig und lassen den Leser schnell ermüden. Das Ganze wird durch die Gliederung in die einzelnen Kapitel wieder etwas aufgelockert. Ein anspruchsvolles Buch - nichts für müde Feierabendleser, die Entspannung suchen. (Ich habe das Buch an zwei Wochenenden gelesen)Dennoch informativ und spannend zugleich.

Der Leser erhält Hintergrundwissen über den New Yorker Journalismus, konkurrierende Verleger, den Kampf um die treffendsten Schlagzeilen und damit in Verbindung stehende Verkaufszahlen. Wer war Pulitzer und wie entstand die “Yellow Press”? -Das Buch läßt keine Fragen offen. Kein trockenes Sachbuch, sondern eingebettet in den berühmten historischen “Mord des (19.) Jahrhunderts”, den auf Tatsachen beruhenden Fall “Guldensuppe”. Bei der Aufklärung des Mordes ergeben sich Hinweise auf weitere Straftaten. Dies macht die ganze Sache Komplizierter. Eine Hebamme taucht auf, die Embryonen verschwinden lassen haben soll - Frauen, welche die Abtreibung nicht überlebt haben usw. ... Auch hier führen passende Charakterzeichnungen dem Leser ein anschauliches Bild der Protagonisten vor Augen. Manches scheint vorhersehbar und der Gerichtsprozess zieht sich etwas in die Länge. Am Ende wird der “Knoten” gelöst.
Das Buch hat einen ausführlichen Anhang mit zahlreichen Quellenangaben und Sachverweisen.

Meine Lieblingstextstelle:
“Wissen Sie denn nicht”, erlaubte er sich einen kleinen Scherz, “dass Sie ins Gefängnis kommen können, wenn sie Thorn Blumen schenken? Er könnte sich damit vergiften.”
“Dann gebe ich sie Mr Howe”, beharrte sie. “Und er gibt sie Thorn.” (S. 269)

Fazit:
Gute Mischung aus Sachbuch, Krimi und Historie. Eine Zeitreise zur Entstehung des Journalismus, Presseschlachten, Zeitungskrieg und Meinungsmachern. Eingebettet in einen spannenden, historischen Kriminalfall. Eine gelungene Präsentation aus guten Recherchen und literarischem Können.

27.02.2012 20:21:25
Katrin Zammert

Über ganz New York verteilt werden die ordentlich abgetrennten Körperteile eines Mannes gefunden. Die Polizei tappt im Dunkeln. Weder Zeugen noch Motive noch Verdächtige bieten Anhaltspunkte.

Collins ist ohne Zweifel ein fesselnder Bericht gelungen und hat somit ein grandioses Buch in die Buchläden gebracht. Der Autor hat wirklich das Talent dem Leser geschichtliche Fakten zu vermitteln, Einblicke in einen mysteriösen Mordfall zugeben und gleichzeitig den Machtkampf der Pressewelt detailliert offenzulegen ohne dass es dem Leser zu langatmig erscheint.

Ein wirklich ungewöhnliches aber fazinierendes Sachbuch!

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