Schattenstill

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: Hodder & Stoughton, 2011, Titel: 'Broken Harbour', Seiten: 496, Originalsprache
  • Berlin: Argon, 2012, Übersetzt: Uve Teschner

Couch-Wertung:

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Brigitte Grahl
Psychologischer Krimi mit philosophischem Tiefgang

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Jan 2012

Tana French beweist mit ihrem vierten Krimi Schattenstill einmal mehr, dass sie zu den Besten des Genres gehört. Auf sprachlich hohem Niveau schreibt sie erstklassige psychologische Dramen und spannende Kriminalfälle. Dabei sind ihre Plots immer logisch, glaubhaft und spannend konstruiert. Die Bücher drehen sich nicht nur um die Ermittlung des Täters und die Person des Ermittlers, sondern streifen immer auch philosophische Themen. In Grabesgrün ging es um Freundschaft und Erinnerung, in Totengleich um Identität, in Sterbenskalt um Familienbande. In Schattenstill steht hinter dem Mordfall auch die Frage nach der Grenze zwischen Gut und Böse, Ordnung und Chaos.

 Der Fall: Familiendrama oder Opfer von Kriminellen?

Mike "Rocky" Kennedy ist ein erfahrener Ermittler des Dubliner Morddezernats. Er bildet sich viel auf seinen Erfolg ein, seine Kollegen halten ihn für arrogant, seine wechselnden Assistenten belehrt er gerne. Sein neuester Fall ist publicityträchtig und ganz nach seinem Geschmack: Ein Vater und zwei Kinder sind ermordet worden. Nur die Ehefrau überlebt schwer verletzt und kann sich an nichts erinnern. Der Fall gibt Kennedy und seinem neuen Assistenten Richie Rätsel auf: Das Familienhaus ist von innen abgeschlossen, in den Wänden klaffen große Löcher, überall sind Babyphones und Kameras installiert. Kennedy glaubt schon bald zu wissen, wer der Täter ist. Richie, für dessen Scharfsinn er zunehmend Respekt empfindet, ist allerdings anderer Meinung.

Der Ermittler: Mit Ordnung das Chaos und das Böse in Schach halten

 

Ich bin verflucht gut in meinem Job. [...] Ich habe schon alles erlebt: tote Babys, Ertrunkene, Lustmorde und einen von einer Schrotflinte weggepusteten Kopf mit haufenweise Gehirnmasse an den Wänden, und ich kann trotzdem prima schlafen, solange die Arbeit gemacht wird. Irgendwer muss sie schließlich machen. Wenn ich derjenige bin, dann wird sie wenigstens richtig gemacht.

 

So selbstzufrieden stellt sich der Erzähler in Tana French vierten Roman Schattenstill vor. Mike "Rocky" Kennedy ist dem Leser schon als Nebenfigur des vorhergehenden Krimi Sterbenskalt begegnet, wo er von der Hauptfigur als aufgeblasen und mediengeil beschrieben wurde. Aber je besser der Leser ihn kennenlernt, desto mehr versteht er Kennedys Verhalten als Selbstschutz. Hinter der Fassade des korrekten, selbstbewussten und knallharten Polizisten steckt ein Mensch, der sich vor dem Chaos von Gefühlen und Irrationalität mit Regeln schützt.

 

Wenn du in einem Beruf gut bist, und das bin ich, dann führt dich jeder Schritt in einem Mordfall in eine Richtung: zur Wiederherstellung der Ordnung […]. Dieser Fall war anders, er lief in die andere Richtung. [...] Jeder Schritt spülte uns tiefer in finsteres Chaos [...].

 

Viel Raum für die Figuren

Wie immer bei Tana French, gerät der Ermittler an einen Fall, an dem sich Privates und Berufliches kreuzen. Alte Wunden werden aufgerissen, (Familien-)geheimnisse aufgewühlt. Tana Frenchs Ermittler werden durch ihre emotionale Betroffenheit entscheidend in ihrer Wahrnehmung beeinflusst, folgen falschen Spuren, machen fatale Fehler. Das ist die große Kunst der Autorin, dass sie aufzeigt, wie sehr nicht nur Tat, Täter und Opfer durch die psychische Verfassung der Beteiligten verzahnt sind, sondern auch Ermittler, Ermittlung und Aufklärung. Dazu bedarf es vieler Seiten. Frenchs Bücher sind von epischer Länge. Schattenstill ist ganze 730 Seiten dick. Die Entwicklung ihrer Figuren nimmt mindestens so viel Raum ein wie die Aufklärung des Mordfalles. Für Fans von temporeicher Action dürften Tana Frenchs Krimis keine befriedigende Lektüre sein. Dabei besitzen ihre Bücher alle Zutaten eines guten Krimis: Spannungsmomente, falsche Spuren, überraschende Wendungen. Aber darüber hinaus auch komplexe, glaubhafte Charaktere, lebendige Dialoge, Atmosphäre und lyrische Momente.

Der Schauplatz: Äußeres Abbild der inneren Verfassung

Zur Authentizität tragen trägt auch die soziale und ökonomische Geschichte Irlands bei, die die Autorin geschickt einfließen lässt. Obwohl Tana Frenchs Bücher immer in Dublin spielen, ist der Schauplatz doch so unterschiedlich wie der Ermittler. In Sterbenskalt spielte die Handlung in den "Liberties", ein altes, gewachsenes Viertel mit (zu) starken zwischenmenschlichen Bindungen. Broken Habour (zerbrochener Hafen) ist eine halbfertige, geisterhafte Neubausiedlung ohne Gemeinschaftswesen. Der Schauplatz ist Sinnbild für die innere Verfassung des Helden. Kennedy ist ebenso einsam wie die Opfer und Täter, mit denen er es zu tun bekommt. Wie sie glaubt er.

 

Die Guten haben etwas, das ihnen Halt gibt, wenn die Lage schwierig wird. Sie haben Arbeit, Familie, Verantwortung. Sie haben Regeln, an die sie sich ihr ganzes Leben lang gehalten haben. Jeden Tag hält es Menschen davon ab, die Grenze zu überschreiten.

 

Sein Fall wird ihn eines Besseren belehren. Am Ende des Buches ist Kennedy zu einem Polizisten geworden, den er früher verachtet hätte.

Broken Harbour steht auch für die geplatzten Träume einer ganzen Generation. Ihnen wurde ein gutes Leben versprochen, wenn sie sich an die Regeln halten und ihre Pflicht erfüllen. Statt dafür belohnt zu werden, werden sie vom Schicksal "beschissen". Kennedy ergeht es ebenso wie den Opfern: er muss bitter erfahren, dass das Böse und der Wahnsinn nicht eine Frage von Ursache und Wirkung sind und dass das Schicksal ungerecht ist, weil es keinen Regeln folgt. Ein winziger Zufall kann zu fatalen Folgen führen und danach wird das Leben nie mehr so sein, wie es mal war.

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