Der Ursprung des Bösen

Der Ursprung des Bösen
Der Ursprung des Bösen

Erschienen: Januar 2012

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Paris: A. Michel, 2011, Titel: 'Le passager', Seiten: 749, Originalsprache
  • Köln: Lübbe Audio, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Dietmar Wunder

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Brigitte Grahl
Viel Spannung und ein schwaches Ende

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Jan 2012

"Er war wie eine dieser russischen Puppen: Wenn man die erste öffnete, fand man eine kleinere." Psychiater Mathias Freire bekommt einen neuen Patienten. Der leidet an einer seltenen Störung: bei extremen Stress verliert er sein Gedächtnis und erfindet eine neue Identität. Bald stellt Freiere fest, dass auch er selbst an der dissoziativen Störung leidet. Und immer geschah in seiner Nähe ein Mord. Als Mordverdächtiger flieht Frere durch Frankreich, auf der Suche nach seiner ersten, echten Identität und mit der Angst, dass er vielleicht tatsächlich der Mörder ist. Kommissarin Anais Chatelet ist ihm dicht auf den Fersen und hin-und hergerissen, ob sie Frere fangen oder schützen soll.

Wieder ein typischer Grangé

Jean-Christophe Grangé hat sich mit Die purpurnen Flüsse, Das schwarze Blut und Das Herz der Hölle zum erfolgreichsten französischen Thrillerautoren hochgeschrieben. Seine beiden letzten Bücher, Choral des Todes und Im Wald der stummen Schreie, die im Jahrestakt auf den Markt kamen, waren weit weniger erfolgreich. Jetzt ist Der Ursprung des Bösen erschienen, ein 860 Seiten dicker Roman. Es ist einer seiner besseren Werke geworden, vielleicht, weil er sich dafür mehr Zeit genommen hat. Der Ursprung des Bösen ist ein typischer Grange: Gut recherchiert, spannend, mit ausgefallenem Plot, vielen Logiklöchern und einer enttäuschenden Auflösung.

Alles dient der Spannung

Grangé hält sich nicht an genreübliche Begrenzungen und der Leser muss mit allem rechnen: Horror, Übersinnliches, Mystik, Action – Hauptsache, es dient der Spannung. Langeweile kommt trotz des Umfangs des Wälzers nicht auf, aber die Logik bleibt oft auf der Strecke. Wer sich daran stört, sollte sich die zeitraubende Lektüre sparen. Alle anderen werden mit immer neuen Schauplätzen, Wendungen und Enthüllungen auf eine atemlose und spannende Schnitzeljagd geschickt.

Die Ästhetik des Bösen

Grangés Mörder sind keine dumpfen Gewalttäter, sondern hochintelligent. ihre Morde sind trotz aller Grausamkeit sorgfältig inszeniert, denn sie beinhalten Hinweise zu ihrer Lösung in sich. In Der Ursprung des Bösen ist es die griechische Mythologie, mit der der Täter symbolhaft auf sich und sein Motiv hinweist. Zusammen mit den Protagonisten darf sich der Leser an das spannende Rätsellösen machen. Aber das ist nichts für empfindliche Gemüter. In seinen Büchern zelebriert Grangé die Ästhetik des Bösen. Detailfreudig beschreibt er die aufgefundenen Mordopfer und die Art ihrer Ermordung - mit wenig Mitgefühl für das Opfer und spürbarer Bewunderung für die Raffinesse des Täters. Grangé äußerte in einem Interview: "Mich interessieren die Rituale, Mord ist eine abstrakte Kunst".

Wahnsinnig böse

Das Böse und der Wahnsinn gehen in Grangés Krimis Hand in Hand. In Der Ursprung des Bösen ist die Hauptfigur, Mathias Freire zu Beginn Psychiater und auch in seinen späteren Identitäten begegnet ihm das "Verrückte" immer wieder, sogar als Kunstform. Die Bilder der "Art Brut", gemalt von Geisteskranken, spielen eine entscheidende Rolle in Der Ursprung des Bösen. Die Randgruppen der Gesellschaft bilden die Schauplätze seines neuen Romans. Die Obdachlosenszene, die Psychiatrie und die Welt der Kriminellen und Prostituierten schildert Grangé überzeugend und lebendig. Man spürt beim Lesen förmlich den Dreck und die Gewalt.

Filmreif geschrieben

Mehrere seiner Bücher sind schon verfilmt worden und auch sein neues Buch zeigt viel Sinn für Dramatik und filmreife Settings. Der Ursprung des Bösen beginnt wie ein Horrorfilm: Nacht, Nebel, eine Irrenanstalt und endet wie ein Actionfilm: eine mörderische Verfolgungsjagd in einem apokalyptischem Sturm. Dazwischen ein Held, der von allen verfolgt wird, ohne zu wissen, warum und der sich nicht sicher sein kann, ob er nicht selbst der Mörder ist, nach dem er sucht. Dazu eine starke zweite Hauptfigur, die toughe Kommissarin, die sich zu dem Flüchtigen hingezogen fühlt. Beide verbindet mehr, als sie ahnen. Die Wege der beiden, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, kreuzen sich immer wieder, bis sie endlich im Finale zusammenlaufen. Dankenswerter Weise verzichtet Grangé auf die obligatorische Liebesgeschichte. Das Buch hat auch so mehr als genug Handlungsstränge.

Viele Themen, viele Handlungsstränge, viele Seiten

Grangé wechselt nicht nur häufig die Schauplätze, in Der Ursprung des Bösen hat man es auch mit einem ständig neuen Protagonisten zu tun, denn der Held lebt auf der Suche nach sich selbst immer wieder eine Identität. Nebenbei bringt Grangé seine Recherchen zu zahlreichen Themen an wie Folter in Argentinien, Menschenversuche in der Pharmaindustrie, Tierquälerei beim Stierkampf etc. Kein Wunder, dass aus dem neuen Werk ein dicker Wälzer geworden ist. Etwas weniger von allem hätte ihm besser getan. Die Logik bleibt zugunsten der Spannung öfter auf der Strecke, aber man muss Grangé zugutehalten, dass er sich nicht in seinen Fäden verwirrt und es schafft, alle zusammenzuführen.

Schwaches Ende als Markenzeichen?

Leider ist die Auflösung, wie schon in seinen anderen Büchern, enttäuschend und unglaubwürdig. Dafür kann auch die dramatische Kulisse nicht entschädigen. Während der Autor sich bei der Einführung und im Hauptteil viel Zeit lässt, "stürmt" er durch das Finale. Es war schon schwer zu glauben, dass Frere in seinen wiedergefundenen Identitäten sofort wieder dessen Fähigkeiten und Kenntnisse beherrschte, immer wieder aus aussichtslosen Situationen entkam und ständig durch glückliche Zufälle weiterkam. Die Glaubwürdigkeit wird am Ende dann völlig überstrapaziert, wenn Frere und sein Gegner beinah übermenschliche Kräfte entwickeln. Die Auflösung wurde bei allen Büchern Grangés bemängelt, Konsequenzen hat er daraus nicht gezogen. Daher muss man das unglaubwürdige und überhastete Ende ebenso zu seinen Markenzeichen zählen wie seine Stärken. Grangé scheint es sich leisten zu können. Seine Bücher schaffen es regelmäßig in die Bestsellerlisten.

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