In die finstere Nacht

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Lion, 1953, Titel: 'Savage Night', Originalsprache
  • München: Heyne, 2012, Seiten: 280, Übersetzt: Gunter Blank

Couch-Wertung:

95°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91°-100°
1 x 81°-90°
0 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:83
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":1,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Tim König
Überwältigend und neu zu entdecken - fast 60 Jahre nach der Erstveröfflichung

Buch-Rezension von Tim König Jan 2012

Es gibt grenzenlose Bücher, Bücher, die alles durchdringen und Stunden, Tage, Nächte durch den Kopf schwirren, lange nachdem man aufgehört hat zu lesen. Plötzlich erkennt man mehr als nur einen feinen, dünnen Riss im Alltag, der eigenen Persönlichkeit oder dem, was sich Gesellschaft nennt. Vieles ist auf streichholzdünnen Beinen gebaut und es braucht nicht nur William S. Burroughs, um ein Naked Lunch serviert zu bekommen.

Man kann natürlich auch Bücher lesen, um auf schöne Gedanken zu kommen. Man kann auch den Bergdoktor lesen. Man kann Bücher über Killer lesen, die im Gegensatz zu Bigelow eine schwere Kanone zücken, um zu morden , mit Kerlen in Uniform, die durch den Schlamm kriechen, die sich im Kampf beweisen müssen. Wirkliche Männlichkeit. Man kann es aber auch gut sein lassen, wenn man Jim Thompson kennt.

In die finstere Nacht reißt Oberflächen ein. Und sichtbar wird in nahezu allen Fällen die Hölle – besonders des eigenen Selbst. Carl Bigelow ist so eine sich selbst zerfleischende Hölle: er ist Profikiller, der sich in der Haut eines 1,55m großen, charmanten und jung erscheinenden Mannes befindet. Er unterstützt das brave Auftreten mit Kontaktlinsen, Gebiss und gepflegten Schuhen, denn das ist seine Methode: Unscheinbar erscheinen, der sein, dem man am wenigsten einen Mord zutraut– und nahezu unsichtbar tötet . Mit dieser Methode ist er zu einem der berüchtigsten und gefürchtetsten Killer Amerikas geworden – wirkt aber nicht wie ein professioneller Totschläger. Der Mord selbst ist bei Thompson das Einfachste – das menschliche Leben ist zu klein, zu schwach; leicht auszulöschen. Vielleicht sogar zu leicht.

Um Bigelow tänzeln Charaktere, plastisch und mit enormer Tiefenschärfe gezeichnet, begierig, ihre eigenen Dämonen zu befriedigen. Dazu gehört nicht nur der alkoholkranke Kronzeuge, der so gut wie tot ist und alle Freunde aus vergangenen Tagen verloren hat, seine Frau, eine ehemalige Sängerin, sondern auch der nette alte Mann, ein Mitbewohner, der, so spießig er auch ist, Bigelow unhinterfragt unterstützt. Das Doppelbödige an nahezu allen Vorgängen ist, dass sie kaum verwerflich scheinen. Weder Bigelow, noch die Sängerin, die sich ihm an den Hals wirft, noch der Mitbewohner handeln so, dass man es schlecht nennen könnte. Man ist ihnen nicht allzufern – die Charaktere sind auch heute noch lebendig, grüßen an der Türpforte und in sanften Alpträumen.

Dass in einer solchen Erzählung Liebe vorhanden ist, macht das Geschehen noch schmerzlicher. Doch ist das tatsächlich Liebe in "der finsteren Nacht"? Es gibt noch Ruthie, Studentin und Haushaltsgehilfin des Opfers – sie ist still, intelligent und ehrgeizig, aber sichtbar behindert – in den 50er Jahren konnte man sie getrost einen Krüppel nennen, heute ist das zwar tendenziös. Sprachlich aber ist es hier nur verkrüppelte Liebe, die existieren kann: Bei Ruthie sichtbar, bei Bigelow in der tuberkulösen Lunge. In Ruthie und Carl Bigelow finden die Höllen ihren Siedepunkt – und auch die Geschichte löst sich stilistisch auf. Man darf in diesem Buch auf Experimente gefasst sein – aber keine, die ihren Zweck in der Geschichte nicht erfüllen.

Man spürt sehr genau, wie fest Jim Thompson die Zügel der Geschichte hält und wie er gekonnt glückliche Enden imitiert, wie er den Wahnsinn in die geradlinige Story träufelt, bis aus kleinen Tropfen Lachen werden und das explosiv Absurde sich blitzlichtartig mit der zwingenden Logik eines Auftragskillers abwechselt, manchmal unscheinbar abtaut, um den Leser im vollständigen Chaos, dem Wahn, der die gekünstelte Alltäglichkeit durchdringt, zu hinterlassen. Für Optimismus mag kein Platz sein bei In die finstere Nacht, aber doch besiegelt hier jeder sein eigenes Ende, seine eigene finstere Nacht, in die er hineinsteuert.

Man kann das einen Psycho-Thriller nennen oder die komplexe Studie eines wahnsinnigen Verstandes – aber warum? Es ist ein Pfad hinein ins Ende, womöglich in den Frieden, der dramaturgisch überwältigend daherkommt. In die finstere Nacht ist nahe am Maximum der mit sprachlichen Mitteln erzeugbaren Intensität dran – und in Zeiten einer Facebook-Timeline, die den Charakter ersetzt, ist das Zerbrechen von scheinheiligen Identitäten eine Wohltat, so schmerzhaft es auch sein kann.

In die finstere Nacht

In die finstere Nacht

Deine Meinung zu »In die finstere Nacht«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
08.04.2020 13:33:31
Gallus

Derm Kommentar von Scharfenberg ist uneingeschränkt beizupflichten. Inmitten des Coronawahnsinns eine Entdeckung, eine stupende Geschichte voller Rätsel und Andeutungen. Die evozierten Bilder ganz in schwarz und weiß, als ob ein uralter Krimi in der Flimmerkiste läuft. Aus der Zeit gefallen, und vielem vorzuziehen, was bei Diogenes erschienen ist.

25.02.2020 22:30:04
scharfenberg

Ne,Menge Zeit her, seit,erscheinen des Buches und,der negativen Kritiken ausn2012, als inzwischen arg alter nur noch,gelegentlich,Krimis lesender Opa mit,müden. 80 Jährchen,Augen,, der,auch,nicht mehr auf der Höhe des Genres sein,muss, der den Gipfel.durch Frau Gran überschritten,sieht -stolpere,ich,beim,liqudiren meiner krimibibliothek,auch über den legendären Jim Thomson. Und? schaffe es kaum mich wieder aufzurichten, so,hat er mich ...erschlagen,, dämliches Bild, passt ja gut zum Alter von,uns beiden,überrollt von den Ergüssen aktueller bastardschreiber, die, sich alle-samt überbieten inGewalt, ,excessen und absrusen Konstruktionen ...dagegen nun diese vordergründig zunächst,harmlos,daherkommende,Story,vom,blutlungenkranken,unscheinbaren,auftragskiller, dessen doppelbödigkeit,ziemlich,schnell erkennbar ist. 100 Seiten passiviert,alltägliches, der verkleidete nicht-junge Mann, der im provinzkaff,sich,fortbilden,will an einer viertklassigen,highschule, sein Quartier ausgerechnet im Haus-Hotel seines künftigen,Opfers aufschlägt, prompt den raffinierten reizen,von,dessen Frau zu erliegen scheint, immer in,Gefahr.entdeckt zu werden durch einen,abstrusen Mitbewohner, Der. sich ihm als Ersatzvater und lehrmeister aufdrängt, ausgesetzt der fordernden lüsternen liebe einer verkrüppelten Haushälterin und Mitschülerin-all das quält , quält in fast beckettscher agonie, tritt auf der Stelle, wiederholt sich. Dreht sich im Kreise, kippt ins Groteske, um sichdann,doch wieder zu" normalisieren".. aber nicht doch: der mordauftrag harrt auf seine Vollzug,auch wenn,uns der verkappte Jüngling in seiner eiskalten verhirnung allmählich als ein später Nachfahre des camusschen fremden erscheint, also eine literaturfigur ist, nehmen wir, ich zumindest, anteil an seiner Verstrickung im,gewöhnlichen Leben ....Jim Thomson wurde oft als Dostojewsi für arme,bezeichnet, seis drum, er ist, großes Wort, ja, ja, dem russischen Meister zumindest ebenbürtig, zumindest was die abgründigkeit seiner Figuren betrifft, doch er übertrifft ihn - durch eine geniale schlichte lapidare erzählweise. Hinter jedem Satz, hinter,jeder Geste, jeder nur gedachten oder durchgeführten Handlung steht ein ?, immer kann etwas etwas anderes bedeuten, oder auch nicht. Diese Balance zwischen schein und Wirklichkeit, das nicht-eindeutige zeichnet natürlich auch andereJim thrmponromane aus(der mörder in mir,,1280 schwarze Seelen)-DIE FFNST ERE NACHT hält den Vergleich stand....Pardon für Rechtschreibung, mein alt iPad schreibt so

10.10.2012 12:00:04
John Kallweit

Bei allem Respekt für Jim Thompson: Dieser Roman ist leider nicht in Würde gealtert, sondern aus der Zeit gefallen. Er liest sich quälend – immer schön, wenn wieder ein Kapitel geschafft ist. Das Verhalten der Personen gibt oft Rätsel auf, zum Beispiel der Mitbewohner: besitzt eine Großbäckerei und wohnt in einer Absteige zur Miete. Hat schon einen Grund, warum Diogenes "In die finstere Nacht" nicht veröffentlich hat.

16.07.2012 10:40:06
Banon

Carl Bigelow wird engagiert, um einen Kronzeugen zu ermorden. Da die Öffentlichkeit im Spiel ist, darf der Mord nicht wie ein Mord aussehen. Niemand ahnt in dem kleinen Ort, dass sich hinter dem "kleinen Jungen" ein bis dahin unerkannt arbeitender Profikiller verbirgt. Oder vielleicht doch? Jim Thompson zeigt in "In die finstere Nacht", wie ein Auftrag einem nicht mehr auf der körperlichen Höhe stehendem Killer entgleitet.

Eine kurzweilige Lektüre, die nicht den großen Spannungsbogen besitzt, ihren Reiz allerdings in der besonderen Verfassung ihres Protagonisten besitzt. Eine Art "Psycho-Kammerspiel", in dem Thompson Bigelow einem Verwirrspiel aussetzt, dass ihn geistig überfordert.
"In die finstere Nacht" ist ein routiniert geschriebener Hardboiled-Krimi, der eine andere Perspektive sucht und dem Leser kein perfektes Verbrechen bietet.

Film & Kino
Knives Out

Bestsellerautor Harlan Thrombey feiert mit seiner Großfamilie, der Haushälterin und seiner jungen, hochgeschätzten Pflegerin Marta Cabrera, seinen fünfundachtzigsten Geburtstag im eigenen luxuriösen Herrschaftshaus. Jeder der anwesenden Verwandten bekommt an diesem Abend eine gut gemeinte, aber existentiell bedrohliche Abfuhr mit auf den Weg. Der Beginn einer unruhigen Nacht, an deren Ende der Hausherr tot aufgefunden wird. Titel-Motiv: © MRC II Distribution Company L.P.

zur Film-Kritik