Ein letzter Job

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: Serpent´s Tail, 2011, Titel: 'Falling glass', Seiten: 309, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Seiten: 397, Übersetzt: Peter Torberg

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Jürgen Priester
Das Barometer steht auf Sturm

Rezension von Jürgen Priester Jan 2012

Falling Glass, der englische Titel von Ein letzter Job bezieht sich auf ein Gedicht des in Belfast geborenen Lyrikers und Essayisten Louis MacNeice (1907–1963). Die letzten vier Zeilen des Gedichtes sind dem Roman vorangestellt:

 

It`s no go my honey love, it`s no go my poppet;
Work your hands from day to day, the winds will blow the profit.
The glass is falling hour by hour, the glass will fall forever,
But if you break the bloody glass you won`t hold up the weather.

 

In seinem Gedicht brandmarkt MacNeice die sozioökonomische Schieflage auf den Britischen Inseln in den 1920/30er Jahren. Er resümiert: So sehr du dich auch abrackerst Tag für Tag, dein Lohn wird vom Wind verweht. Das Barometer (glass) fällt stetig und vielleicht für immer. Auch wenn du das verdammte Barometer zerstörst, wirst du den Sturm nicht aufhalten.

Stürmischen Zeiten geht auch Adrian McKintys neuer Romanheld Killian, ein in die Jahre gekommener New Yorker Geldeintreiber, entgegen, als er einen vermeintlich leichten, aber nichtsdestotrotz gut bezahlten Job annimmt, der ihn wieder in seine alte Heimat nach Nordirland führen wird. Ein letzter Auftrag? Vielleicht!

Der in Carrickfergus bei Belfast geborene Autor ist ein fleißiger Mann. In den zurückliegenden 10 Jahren hat er ein Dutzend Romane geschrieben, von denen in Deutschland bisher die "Dead-Trilogie" veröffentlicht wurde, die in einschlägigen Kreisen Aufmerksamkeit erregte. Die Romane erzählen die heftig bewegte Lebensgeschichte des Iren Michael Forsythe, der als junger Mann Anfang der 1990er Jahre nach New York kommt und dort die harte Schule des Banden-Gewerbes durchläuft. Nach wilden Jahren mit Spezialaufträgen meist dubioser Auftraggeber hat er jetzt eine Position erreicht, in der er sich selbst nicht mehr die Hände schmutzig machen muss. In seinem Umfeld geht auch besagter Killian seinem Job als Mann für fast alle Fälle nach. Auf Forsythes Vermittlung hin soll Killian die Ex-Ehefrau und die gemeinsamen Töchter des irischen Millionärs Richard Coulter aufspüren.

Nach einer einvernehmlichen Scheidung und einer Zeit des distanzierten, aber respektvollen Umgangs miteinander verließ Rachel Coulter mit den Kindern das ihr zugestandene Domizil und tauchte irgendwo in Irland unter. Warum sie es tat, wissen nur sie und Coulter selbst. Die stümperhaften Versuche von Coulters eigenen Schergen, Rachel zu finden, waren von wenig Erfolg gekrönt, deshalb wendet sich der Millionär an seinen Rechtsanwalt Tom Eichel, einen Profi anzuheuern. Eichel hat gute Kontakte zur irischen und amerikanischen Unterwelt und Killian scheint ihm eine gute Wahl zu sein. Um auf Nummer sicher zu gehen, schickt Eichel ihm den russischen Profikiller Markow hinterher, dessen Auftrag sich aber in einem nicht unwesentlichen Punkt unterscheidet. Eine gnadenlose Hetzjagd auf Leben und Tod beginnt.

Vor einem Jahr hatte Killian beschlossen, nach aufreibenden Jahren seinen lukrativen Job in der Unterwelt an den Nagel zuhängen, um sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen, ein Architektur-Studium. Eine finanzielle Notlage zwang ihn, den eingeschlagenen Weg in eine mehr bürgerliche Existenz wieder zu verlassen. Routiniert beginnt er auch diesen Auftrag, der, wie er erhofft, sein letzter sein wird. Rachel und die Kinder sind schnell gefunden, doch der russische Killer ist ihm dicht auf den Fersen, wenn nicht gar einen Schritt voraus. Killians eh schon brenzlige Situation hat sich noch verschärft, da er nach dem ersten Zusammentreffen mit Rachel und ihren Töchtern Gefallen an ihnen gefunden hat und sich in der Rolle des Beschützers wiederfindet. Wie bei den sagenumwobenen Köpfen der Hydra scheinen, nachdem er ein Problem gelöst hat, zwei neue zu entstehen. Er, ein Mann, der es gewohnt ist, Probleme bevorzugt Kraft seiner Worte und seiner natürlichen Autorität zu lösen, wird von einer Spirale zunehmender Gewalt in die Tiefe gerissen. Sein persönliches Barometer fällt stetig und es ist am Ende nicht abzusehen, ob er diesen Sturm überleben wird.

Als Rezensent hat man ja nicht oft die Gelegenheit, die Covergestaltung eines Buches zu loben. Das Keltenkreuz, das wohl einen Grabstein krönt, vor einer Küstenlandschaft in leicht bedrohlichen Abendstimmung passt perfekt zum Inhalt des Romans. McKinty befasst sich ausführlich mit irischen Wurzeln und Traditionen, die sich nicht nur auf die Kelten oder auf die frühen Christen unter St. Patrick zurückführen lassen. Im Laufe der Jahrhunderte, die Geschichtsschreibung ist da nur vage, hat sich in Irland die soziokulturelle Untergruppe der "Pavee" gebildet, die sich durch eigene Sprache, Kultur und Wertesystem, aber nicht ethnisch von den Iren unterscheiden. Pavee heißt Reisende. Von den Iren werden sie auch Itinerants (Umherziehende oder Wandernde), von den Engländern Tinker oder Travellers genannt. Zu dieser Gruppe "Fahrenden Volkes" gehört auch Killian. Während seiner Irrfahrten durch Irland findet er bei ihnen einen sicheren Unterschlupf. Vertraute aber längst vergessene Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit in dieser verschworenen Gemeinschaft werden in ihm geweckt. Der Kontrast zu seiner Zeit in den USA oder seinem jetzigen Leben könnte nicht größer sein und er fragt sich, ob er nicht in seiner Lebensplanung den falschen Weg eingeschlagen hat.

Es scheint Adrian McKinty ein Anliegen gewesen zu sein, über Irland und die Iren zu schreiben, aber was kann man von einem Patrioten anderes erwarten. Schon in der Eingangsszene des Romans, die in einer auf "Irish Pub" getrimmten New Yorker Bar spielt, sinniert Killian über heilige Stätten auf irischem Boden und die Vergänglichkeit irischer Traditionen (ein vierblättriges Kleeblatt, das sich als Shamrock ausgab). Irlands bewegte Geschichte des letzten Jahrzehnte (Nordirlandkonflikt, Gewaltverzichtsabkommen) wird dennoch nur am Rande gestreift, ist aber unabdingbarer Bestandteil eines jeden Romans, der in Irland spielt, weil die Auseinandersetzung zwischen den katholischen Nationalisten und den protestantischen Unionisten alle Lebensbereiche tangiert.

Versiert gelingt es McKinty, seine kleinen sachbezogenen Exkurse in den von Dialogen geprägten Thriller-Plot einzuarbeiten, ohne dass Tempo und Spannung negativ beeinflusst werden.

Der Rezensent hätte Ein letzter Job gerne höher bewertet, aber der Plot ist in einigen Passagen zu klischeehaft (zwei Alleinstehende finden sich in der Not) und zu vorhersehbar (der unverwüstliche Held übersteht 1000 Gefahren). Der intelligente Schluss rettet vieles, aber nicht alles.

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