Die Farbe der Leere

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Memento Mori Mysteries, 2004, Titel: 'The color of emptiness', Seiten: 281, Originalsprache
  • Hamburg: Argument, 2011, Seiten: 250, Übersetzt: B. Szelinski & Else Laudan

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Dieter Paul Rudolph
Im Netz gefangen

Buch-Rezension von Dieter Paul Rudolph Jan 2012

Die Verhältnisse sind schuld. Verbrecher werden nicht geboren, sie werden dazu gemacht. Die Gesellschaft produziert ihre großen Probleme, indem sie ihre kleinen Probleme ignoriert. Plakative Sätze, über deren Wahrheitsgehalt man sich streiten, den man aber nicht pauschal leugnen kann. Als Grundlage für Kriminalromane taugen sie nur bedingt, allzu schnell tappt man in die Klischeefalle. Umso bemerkenswerter, wenn es in Die Farbe der Leere nicht so ist.

Katherine McDonald arbeitet als Anwältin für "Inobhutnahmen" in New York. Ein "Jugendamt" würde man so etwas bei uns wohl nennen. Ihre Schützlinge vegetieren im Elend der Bronx, sie erleben Drogensucht, sexuelle Gewalt hautnah, sie sind gefährdet und gefährden andere. Manchen gelingt der Absprung in ein halbwegs normales Leben, doch kein Zweifel: Katherines Arbeit ist nichts für Illusionisten. Das hat sie und ihre Kolleginnen auf eine merkwürdige Art zynisch werden lassen. Es ist ein Zynismus zum Selbstschutz, um all die Widerwärtigkeiten, denen man tagtäglich begegnet, psychisch zu überstehen. Doch dann hilft auch dieser Panzer nichts mehr. Einige von Katherines ehemaligen Schützlingen werden Opfer eines Serienkillers, bestialisch gefoltert und getötet. Katherine, die Insiderin, verdingt sich als Mitarbeiterin des ermittelnden Staatsanwalts, macht sich aber auch auf eigene Faust daran, Licht ins Dunkel zu bringen. Was sie erkennen muss, kann ihr nicht gefallen. Sie selbst nämlich befindet sich im Fadenkreuz des Mörders. Nur – warum?

Hinsichtlich Plot und Dramaturgie folgt der Roman bekannten Genremustern. Ein Whodunit auf Psychopatenbasis sozusagen, mit eindringlichen Beispielen von "Verwahrlosung" und Protagonisten, bei denen es auf gute skandinavische Art menschelt. Was den Roman jedoch über dieses Obligatorische hinaushebt, ist seine Kunst, die unterschiedlichen Personenkreise – Täter, Opfer, Ermittler – zu einer unfreiwilligen Schicksalsgemeinschaft zu verketten, eine gemeinsame Schnittmenge herzustellen. Auch Katherine – und gewiss einige ihrer Kolleginnen – schleppen traumatische Jugenderlebnisse mit sich herum, hinter ihrem scheinbar lockeren Umgang mit dem alltäglichen Schrecken der Arbeit. Dies zu überstehen, funktioniert nur mit Verdrängung und Kompensation, mit einer möglichst souveränen und coolen Herangehensweise. Ähnliches beobachtet man auch beim polizeilichen Ermittlerpärchen. Ohne Panzer, ohne eine Strategie, die einer Lebenslüge gleichkommt, funktioniert nichts.

Webbs Botschaft ist eindeutig: Es stimmt etwas generell nicht mit dieser Gesellschaft. Auch das ist weder eine originelle noch sonderlich hilfreiche Erkenntnis und Webbs Kunst besteht nun darin, uns die Verstrickungen des Einzelnen in dieses allgemeine Geflecht des Falschen ziemlich nüchtern zu beschreiben. Sie kommt dabei ohne die üblichen Elemente aus, ohne depressive Helden und dekorative Sozialkritik. In Die Farbe der Leere liegt die Psychose im System selbst, man hat gelernt, mit dem eigenen Trauma umzugehen – oder auch nicht. Und so endet der Roman auch nur vordergründig mit dem Sieg von Recht und Ordnung, sondern mit einem weiteren Versuch, selbst einigermaßen ungeschoren davonzukommen und die gefährlichen Tiere im Käfig zu halten. Unbedingt lesenswert.

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