Carte Blanche

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2011, Titel: 'Carte Blanche', Seiten: 414, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2012, Übersetzt: Dietmar Wunder

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Andreas Kurth
Mörder, Müll und schöne Frauen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Dez 2011

James Bond ist auf einer heiklen Mission in Serbien unterwegs. Trotz der halbherzigen Hilfe durch serbische Geheimpolizisten muss er letztlich im Alleingang einen Anschlag auf einen Güterzug vereiteln. Der Grund des Attentats bleibt für Bond zunächst unklar, der irische Täter entkommt, und es gibt Tote. Bond soll von den serbischen Behörden zur Rechenschaft gezogen werden und wird eilig evakuiert. In London darf er offiziell nicht tätig werden, soll aber gemeinsam mit Kollegen vom britischen Inlandsgeheimdienst die Vorbereitungen für einen Anschlag vereiteln, bei dem es viele Tote geben soll, und der gegen britische Interessen gerichtet ist. Der Doppel-Null-Agent hält natürlich auch im Inland die Füße nicht still, gerät in brenzlige Situation, und folgt schließlich den potenziellen Attentäter zunächst nach Dubai und später nach Südafrika. Bond muss auf etliche seiner bemerkenswerten Fähigkeiten zurück greifen, um im ebenso furiosen wie überraschenden Finale nicht den Überblick zu verlieren.

Jeffery Deaver hat sich mit diesem Roman auf ein außergewöhnliches Projekt eingelassen, aber offenbar konnte er sich der Faszination nicht entziehen, die eine Roman-Figur aus seiner Jugendzeit auf ihn als Schriftsteller ausgeübt hat und noch ausübt. Die bestens bekannte Figur des britischen Geheimagenten James Bond wird in die Moderne versetzt.  Der Doppel-Null-Agent wird für den Leser neu eingeführt, als ob es ihn bisher nicht gegeben hätte. Und das bemerkenswerte daran ist, dass es Jeffery Deaver tatsächlich gelingt, die Figur absolut authentisch zu machen. Alle Bond-Fans dürften "ihren" James in diesem Roman gut wiedererkennen.

Und auch der Transfer in die Neuzeit ist dabei als gelungen zu bezeichnen, wie gewohnt gibt es allerlei technische Spielereien, die das Agenten-Handwerk ungemein erleichtern. Schnelle Autos, dramatische Kämpfe, Verfolgungsjagden und viel Glück in brenzligen Situationen verbreiten das gewohnte "Bond-Feeling". Auch die Rolle als Charmeur und Frauenheld ist dem neuen Bond ebenso auf den Leib geschneidert, wie dem historischen Vorläufer. Eine Modernisierung ist offenbar dem Wandel der Zeit geschuldet, der neue 007 ist zuweilen nachdenklicher und reflektiert sein Verhältnis zu den Frauen etwas kritischer, als man es kannte.

Der dynamische Einstieg mit dem Vorfall in Serbien führt dazu, dass man sich als Leser gleich "mittendrin" fühlt. Deaver hat die Gegenspieler des Agenten zudem als prägnante Figuren angelegt, die cleverer und authentischer wirken als manch tumber Widerpart des "alten" James Bond. So ist beispielsweise der Recycling-Unternehmer Severan Hydt ein moderner Manager, der neben unternehmerischen Fähigkeiten eben auch jede Menge kriminelle Energien und dunkle Perversionen zu bieten hat. Und sein Mann für das Grobe, der Ire Niall Dunne, ist Ingenieur, Techniker und Planer in einer Person, und fordert Bond mehrfach auf gleichem Niveau heraus.

Jeffery Deaver ist ein guter und routinierter Erzähler, es ist also nicht verwunderlich, dass ihm ein unterhaltsamer und spannender Roman gelungen ist. Die komplexen politischen Verwicklungen, der Hintergrund des Romans und der Blick auf das moderne Südafrika sind wirklich gut recherchiert. Hungerkriege als Ausblick auf künftige Entwicklungen – das ist durchaus beeindruckend und macht nachdenklich.

Insgesamt gibt es wohl zwei Möglichkeiten, um dieses Buch einzuordnen und zu beurteilen. Wenn man überaus kritisch sein will, kann man zu dem Schluss kommen, dass hier nichts wirklich neues oder innovatives vorliegt. Bond ist in der Neuzeit angekommen, aber sonst eigentlich wie immer, gutes Handwerk, mehr nicht. Damit würde das Buch mindestens im Mittelfeld landen, denn leider ist solides schriftstellerisches Handwerk durchaus nicht immer selbstverständlich.

Die zweite Beurteilung, der ich mich anschließe, geht davon aus, dass es eben doch eine bemerkenswerte Leistung ist, eine bekannte Romanfigur nahezu nahtlos in die Neuzeit zu transferieren. Die aktuelle Weltlage wurde dabei hervorragend einbezogen, der Plot ist gut gestrickt, und doch sind genug Charakteristika der bekannten Figur übernommen worden. Ein gewagtes, aber eben gelungenes Experiment. Bond ist hier nicht nur der makellose Held, sondern gerät in ungewöhnliche Schwierigkeiten und zeigt eine neue Nachdenklichkeit, die man von ihm bisher so nicht kannte. Für zusätzliche  Pluspunkte sorgt zudem das überaus furiose Finale mit den darin enthaltenen weiteren Überraschungen. Ich gehe fest davon aus, dass dieses Buch ein Publikumserfolg wird – und es eine Fortsetzung geben wird.

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