Atem

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: Bantam Press, 2011, Titel: 'Hanging hill', Seiten: 432, Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Anneke Kim Sarnau

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Andreas Kurth
Blut ist dicker als Wasser

Buch-Rezension von Andreas Kurth Okt 2011

Sally und Zoë Benedicte sind zwei Schwestern, deren Lebensweg sich im Kindesalter bereits getrennt hat. Sally war immer der Liebling ihrer Eltern, Zoë dagegen wurde in ein Internat geschickt, nachdem sie ihre Schwester absichtlich verletzte. Um später ihre Ausbildung finanzieren zu können, wurde sie Tänzerin in Bars im Rotlichtviertel von Bristol. Mittlerweile ist sie eine respektierte Polizistin, und glaubt, ihre dunkle Vergangenheit abgeschüttelt zu haben. Sally war verheiratet und glücklich, bis ihr Mann eine andere Frau fand – und nun lebt sie mit ihrer Tochter in einem baufälligen Cottage, am Rande des Existenzminimums. Sie schlägt sich als Putzfrau durchs Leben, um ihrer Tochter Millie und sich das tägliche Leben zu finanzieren. Da erschüttert der Mord an Lorne Wood, einem Mädchen in Millies Alter, die Kleinstadt Bath. Zoë ist an den schwierigen Ermittlungen beteiligt, und als Sally auf höchst unglückliche Weise auch in diesen Fall verwickelt wird, kreuzen sich nach langer Zeit die Wege der beiden Schwestern wieder. Trotzdem sie sich völlig fremd geworden sind, wird ihr Schicksal auf dramatische Weise miteinander verknüpft.

Mo Hayder hat es mit ihren bisherigen Romanen schon mehrfach geschafft, Kritiker und Publikum zu spalten. Sie hat unbestritten einen recht eigenen Stil in ihren Büchern entwickelt, zuweilen wurde sie dafür gefeiert, aber auch durchaus heftig kritisiert. Atem ist sicherlich nicht ihr bislang bester Kriminalroman, aber auf jeden Fall ein sehr persönliches Buch. Denn ihre Protagonistinnen,  die Benedict-Schwestern, haben offensichtlich einige autobiografische Züge der Autorin abbekommen. Zoë hat in ihrer Jugend das Abenteuer gesucht, in Bars gearbeitet – und dann doch die Kurve bekommen. Das klingt durchaus vertraut, wenn man Hayders Biografie kennt.

Auch in ihrem neuen Roman mutet die Autorin ihren Lesern einige Abscheulichkeiten zu, zarte Gemüter sollten deshalb gleich die Finger von diesem Buch lassen. Immerhin schafft es Mo Hayder, dabei nicht zu sehr in die Geschmacklosigkeit abzugleiten, aber harter Stoff ist es allemal noch. Persönlich wird es auch deshalb, weil die Autorin neben der kriminalistischen Handlung ein gesellschaftspolitisches Thema eingebaut hat. Die oftmals prekäre Lage von geschiedenen Frauen und ihren Kindern wird mit den Lebensumständen von Sally und ihrer Tochter Millie drastisch offen gelegt. Sie können ihren gewohnten Lebensstandard nicht halten – was für beide zu Kontakten in die Unterwelt führt. Vor allem Millie kann und will nicht verstehen, warum andere Eltern ihren Kindern Klassenfahrten und ähnliche Standards problemlos ermöglichen können. Das findet sie peinlich und höchst uncool – und setzt damit ihre Mutter unter kam zu ertragenden Druck. Sally lässt sich daher trotz einiger Gewissensbisse auf Jobs ein, die über kurz oder lang zu Problemen führen müssen.

Mo Hayder sorgt mit einigen Verwicklungen und Nebenhandlungen dafür, dass der Leser aufmerksam sein muss, um den Faden nicht zu verlieren. Neben dem eigentlichen Mordfall Lorne Wood und der Mutter-Tochter-Problematik ist da eben auch noch Zoë Benedict. Wie ihre geschiedene Schwester hat sie aktuell Beziehungsprobleme, will aber gleichzeitig ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben. Den  Befindlichkeiten der beiden Schwestern wird zuweilen viel Raum gewidmet, aber immerhin wird die Geschichte dadurch ebenfalls vorangetrieben. Die mehr als zwielichtigen Gestalten des Drogendealers Jake und des Pornoproduzenten David bieten weitere Facetten – bis im Finale eine bislang unbekannte skurrile Person dominant in den Focus tritt. Mehr dazu kann hier aus dramaturgischen Gründen nicht verraten werden.

Atem ist kein rasanter Thriller, liefert aber genug  Spannung, um den Leser gut zu unterhalten. Mo Hayder dosiert ihre bekannten Abscheulichkeiten so moderat, dass man den Roman ohne allzu viel Grusel lesen kann. Hier und da leistet sich die Autorin einige logische Brüche, die aber verzeihlich sind, wenn man sich von dem Buch nur unterhalten lassen möchte. Das offene  Ende der Geschichte wird die Leser abermals spalten – man kann sich ein positives ebenso wie ein negatives Finale selbst ausmalen.

Wie so oft bei Romanen ausländischer Autoren ist der deutsche Titel des Werkes ebenso sinnfrei wie verwirrend. Atem hat keinerlei Beziehung zum Originaltitel "Hanging Hill". Die Ortsbezeichnung macht Sinn, weil dort einige der beschriebenen Verbrechen passieren. Ob Atem nur ein Pendant zu bisherigen Büchern der Autorin sein soll (Haut), ist unklar, der Titel hat jedenfalls zur Handlung ebenso wenig Beziehung wie das Cover der deutschen Ausgabe. Die Hintergründe für diese Auswahl werden in der Marketing-Abteilung des Verlages zu finden sein – der Autorin hat man damit keinen Gefallen getan. Unabhängig davon bietet das Buch solide Unterhaltung, trotz der geschilderten Schwächen.

Atem

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Letzte Kommentare:
07.09.2016 10:41:33
Sigrid Zander

Ich fand das Buch sehr spannend
Der Inhalt war top..das Leben bzw Vorleben der Schwestern gut beschrieben
Leider kann ich zum Ende nix sagen
Ist mir völlig schleierhaft wer nun der Täter war.. Oder muss man sich selbst einen denken
Wer kann mir helfen???!
Ich fand ja sonst das Buch unheimlich gut
Hab schon mehrere dieser Art gelesen
und nur hier hatte ich Probleme mit dem Ende

15.06.2015 14:41:53
Carolina

Ich fand die Story spannend, ich erwarte bei einem Thriller oder Krimi ja nicht unbedingt Realitätsnähe. Aber dass am Schluss mit zwei dürren Sätzen das ganze Buch ad absurdum geführt wird, das ist stark!! Ich bin mir nicht nur lächerlich gemacht vorgekommen, sondern richtig - man verzeihe den Ausdruck - verarscht.
Das ist ja nicht nur ein Cliffhanger, wie ihn Deborah Crombie bei ihren letzten 2 Büchern eingebaut hat - damit man ja die Fortsetzung kaufen möge! - sondern reinfach unfair und macht mich richtig wütend. Nie wieder Mo Hayer, nachdem dies das 6. Buch war, das ich von ihr gelesen habe.
So kann man Leser auch vertreiben, mich jedenfalls sicher!

23.02.2015 22:08:02
Angela Rittwage

Der Vogelmann und das 2. Buch von Mo Heyder sind für mich immer noch die besten Bücher, die ich als Thriller gelesen habe.
Sehr spannend und ein bisschen in Richtung grausam, was man gerade noch ertragen kann.

Ich habe sie verschlungen. Gerne hätte ich ein Happy-End gehabt, aber immer ist es eben nicht so.
Ich habe lange gewartet, bis die neue Bücher von Hayder kam.

05.05.2014 14:08:46
Frank

Vom Mauerblümchen zum "Kettensägenmassaker". Vom Schwesternhasser zum Mordkomplizen. Man hat den Eindruck, alle Beteiligten könnten sich auf einem Bierdeckel treffen, so dicht sind Opfer, Täter, Ermittler, Helfer, Verdächtige und völlig Unbeteiligte zusammen... Kann mich nicht erinnern, wann ich mal ein derart konstruiertes Buch gelesen habe. Flach und langweiiilllig!

27.12.2013 19:30:17
Niko91

Einfach ein äußerst schlecht geschriebenes Buch, das lange hinhält und am Ende ein Überraschungsende à la Dan Brown versucht, sich aber nicht auflöst und in Peinlichkeit scheitert. Kein Buch des Prädikats lesenswert.
Für die Zeit und diese Seitenanzahl sollte man von einer Schriftstellerin diesen Formats doch wesentlich mehr Unterhaltung und Klarheit wünschen.

16.09.2013 18:13:03
Christof Beck

Also nein! Enttäuschung! "Vogelmann" und "Tokyo" waren wirklich vom Feinsten, aber dieser Zickenkrimi?! Es wird wirklich kein Klischee ausgelassen, Mutterängste, böse Porno-Produzenten, Jagdhüter und Schwester-Hass, dazu diese Sehnsucht nach Reichtum und Geltung, also echt! Man hat den Eindruck, sie will unbedingt verfilmt werden, und zwar mit diesem typisch-dankbaren Schlag-auf-Schlag-Plot, in dem Mann sich als Krimi-Freund (männlich) leider nicht 20 Minuten am Stück wohlfühlen kann, und am Schluss ist die Familie wieder beisammen und eine Wendung, die genauso unnötig ist wie die deren Nicht-Auflösung.

12.07.2013 21:29:15
koal design

Die Rezension von Andreas Kurth ist fundiert und professionell - er zeigt alle Schwächen und Stärken, die auch mir aufgefallen sind - aber die ich nicht so professionell formulieren könnte: 1A ! Auch ich finde manche Abscheulichkeit von Frau haider für unnötig.Manchmal verzettelt sie sich halt kräftig, ist aber sonst ganz ok. konradotto

12.07.2013 21:28:05
koal design

Die Rezension von Andreas Kurth ist fundiert und professionell - er zeigt alle Schwächen und Stärken, die auch mir aufgefallen sind - aber die ich nicht so professionell formulieren könnte: 1A ! Auch ich finde manche Abscheulichkeit von Frau haider für unnötig.Manchmal verzettelt sie sich halt kräftig, ist aber sonst ganz ok. konradotto

18.11.2012 00:12:13
schmollfisch

Sallys Wandlung vom Muttchen zur eisernen Lady, die mit Müllsäcken voller Leichenteile hantiert, fand ich äußerst amüsant. Glaubwürdig ist das alles nicht, aber ich habe es gern gelesen, es hat was Grotesk-Phantastisches.
Das Ende fand ich dagegen wirklich nur ärgerlich; es erinnert mich an die Schlusswendungen in manchen Hollywood-Gruselfilmen, wo am Ende noch ein Zombie um die Ecke guckt für den Fall, dass das Publikum den Film toll findet und eine Fortsetzung haben will. Das kam mir einfach nur blöd und aufgesetzt vor.
Nachdem ich zuletzt "Verderbnis" gelesen habe, fand ich Zoe und Sally aber um Längen interessanter und sympathischer als Caffery und Marley.

12.10.2012 17:42:27
BELSL

Ich schätze Mo Hayder eigentlich sehr, aber von diesem Buch war ich enttäuscht.
Flea, die weibliche Hauptperson ihirer anderen Romane ist sehr originell, anders, ihre Irrungen und Verwirrungen sind einfach spannend, Sally ist dagegen eine alleinerziehende Mutter und die Darstellung ihrer Probleme ist so fürchterlich bekannt, eigentlich paßt diese Klischeehaftigkeit einer weiblichen Figur garnicht zu Hayder, die Darstellung der Polizistin Zoe wird dem zwar viel eher gerecht, nimmt aber relativ wenig Raum ein.
Das offene Ende hat mich eher verärgert, spannend und interessant wäre es gewesen die entsprechenden Reaktionen der Hauptfiguren zu lesen, ich hatte den Eindruck, dass Hayder einfach keine Lust mehr hatte das Buch zu beenden.
Ich war enttäuscht.