Schreckensbleich

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer Knaur, 2011, Seiten: 400, Übersetzt: Marie-Luise Bezzenberger

Couch-Wertung:

89°
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Tim König
Der Schrecken des Lebens: Treffend, packend, poetisch

Rezension von Tim König Okt 2011

The Terror of Living ist das erste Buch Urban Waites und der deutsche Titel lautet plakativ Schreckensbleich, obwohl die Geschichte alles andere als reißerisch und oberflächlich ist. Ebenso kann man den Klappentext und das obligatorische Lob Stephen Kings ignorieren. Denn dieses Buch lässt sich treffender zusammenfassen: Drei Männer bekämpfen ihre inneren Dämonen.

Bobby Drake ist Mann Nr. 1 – sein Vater war Sheriff und zugleich Drogenschmuggler, den man mit großem Medienrummel überführte, was Bobby dazu getrieben hat, sein Studium abzubrechen und ebenso Sheriff zu werden. Unter anderem, um den Familiennamen wieder reinzuwaschen. Auf einem Jagdausflug überrascht er zufällig den alternden Schmuggler und Pferdezüchter Phil Hunt (Protagonist Nr. 2) bei seinem größten Drogentransport. Hunt beging in seiner Jugend einen Mord und will eigentlich nichts mit Rauschgift zu tun haben, kann aber auch kein normiertes Leben führen. Zusätzlich kommt der Koch und Auftragskiller Grady Phisher (der dritte Mann) auf den Plan, den nach seiner Gefängnisentlassung wieder seine krankhafte Mordgier packt. Engagiert von einem ominösen Mann, den man lediglich "der Anwalt" nennt, soll Grady für Ordnung sorgen. Allerdings hinterlässt er nichts als Entsetzen, jede Menge Leichen und einen permanent flüchtenden Hunt.

Die ersten Seiten machen wenig Lust auf mehr. Die Beschreibungen sind wirr und gewollt poetisch, die Dialoge ein wenig holprig, weil Waite größtenteils auf Stimmlagen und Namen verzichtet. Was zwischen den Anführungszeichen steht, muss für sich sprechen. Nicht mal die poetischen Naturbeschreibungen sind eingängig.

Trotzdem ist Schreckensbleich eines der besten Bücher dieses Jahres. Denn Waite gelingt es, zumindest bei gut 90% des Buches, die symbolhafte Tiefe der Filme David Lynchs und eine, den Geschichten Cormac McCarthys ähnelnde, in sich ruhende Intensität zu erreichen. Die Parallelen in Schreckensbleich besonders zu McCarthy sind groß, vielleicht sogar zu groß. Doch immerhin ist Waite so fair und bekennt in der Danksagung, dass es sein Buch ohne Tom Franklin, John Casey, Robert Stone, Cormac McCarthy und Graham Greene nicht geben würde. Anders gesagt: Lieber gut geklaut... und dennoch seine ganz eigene Stimme behalten:

 

Drake sagte eine Million verschiedene Dinge, gab sich zu erkennen, hielt das Gewehr in den Händen und brüllte und wusste gar nichts.

 

Dialoglos poetisch beginnt das blutige Chaos, in dem sich jeder einzelne selbst erkennen muss, um zu seinem (meist unbekannten) Ziel zu finden. Sofern es überhaupt zu finden ist. Der Roman liefert dem Leser keine eindeutigen Erklärungen. Die sich selbst und dem Bösen ausgelieferten Protagonisten suchen Antworten, doch wenn sie welche finden, werfen diese mindestens genauso viele Fragen auf, wie sie lösen. Jeder von Waite entworfener Charakter ist ein Kosmos für sich, der meist zwischen Wahllosigkeit und dem Kampf um Selbstbestimmung fast entzwei gerissen wird.

 

Ein guter Mensch, gemacht aus allem Schlechten dieser Welt.

 

Manchmal rauscht The Terror of Living nur knapp am Pathos vorbei, was man sowohl am Originaltitel wie den Beschreibungen erkennen kann. Die Mängel des Anfangs blitzen im Verlauf des Buches ab und zu wieder auf und im Klimax des Buches wird sehr oft die Perspektive gewechselt. Doch genauso wie man dies als kleinere Schwächen in einem spannenden Debütroman betrachten kann, sind die somnambulen Darstellungen von Schießereien, Explosionen und blutigem Horror das, was Schreckensbleich aus der Masse einfacher Actionreißer herausstechen lässt.

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