Plan D

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Götz Schubert, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

89°
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Jürgen Priester
Gelungene Histo-Fiction

Buch-Rezension von Jürgen Priester Okt 2011

Was wäre, wenn? - ist die Frage, die wohl jeder Science-Fiction-Autor bei der Konzeption einer Geschichte vor Augen hat. Zum Beispiel im Sinne von: Was wäre, wenn die Menschheit die bemannte Raumfahrt über unser eigenes Sonnensystem hinaus entwickelt hätte? Oder was wäre, wenn wir Besuch aus dem Weltall bekämen? Aktuelle Autoren widmen sich des öfteren der Frage: Was wäre, wenn globale Katastrophen, welcher Art auch immer, zu tiefgreifenden Veränderungen im sozialen Gefüge führten? Sie beschreiben Endzeitszenarien, die nicht selten mit dystopischen Gesellschaften einhergehen. Eine historische Spielart dieser Fiktionen könnte man vielleicht als "Histopie" bezeichnen. Eine der bekanntesten dürfte wohl der Roman Vaterland von Robert Harris sein, der von der Prämisse ausging, Nazi-Deutschland hätte den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Vaterland scheint dem deutschen Autor Simon Urban als Inspiration für seinen Plan D gedient zu haben, denn die Romane weisen einige Parallelen auf. Plan D beschäftigt sich mit der irrationalen Frage: Was wäre, wenn es vor gut zwanzig Jahren die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten nicht gegeben hätte? Die DDR im Jahre 2011 ein souveräner Staat? Der "Antiimperialistische Schutzwall" ist wieder geschlossen?

Wer eine Fantasiewelt entwickelt, der darf sie auch nach seinem Gusto gestalten. Diesen Freiraum weiß Simon Urban trefflich zu nutzen. Sein fiktives Staatsgebilde entwickelt er aus einer Fortschreibung des Status Quo der DDR in den 1980er Jahren, kombiniert sie mit mehr oder minder gelungenen Reformansätzen in späteren Zeiten zu "seiner neuen" DDR. Um seine Geschichte gar nicht erst an historischen Tatsachen messen zu lassen, hat Urban ihr die Form einer Politsatire gegeben.

DDR späte 1980er Jahre. Die massiven Bürgerproteste münden nicht in die lang ersehnte Wiedervereinigung. Erich Honecker wird allen seiner Ämter enthoben. Egon Krenz tritt Honeckers Nachfolge als Staatsratsvorsitzender an. Er verspricht Reformen. Nach einer kurzzeitigen Maueröffnung, bei der es zu einem Massenexodus kommt, lässt Krenz die Grenzen wieder schließen. "Wiederbelebung" nennt er sein Reformprogramm und versichert sich zu dessen Verwirklichung der aktiven Unterstützung namhafter westdeutscher Politiker. Otto Schily löst Erich Mielke als Minister für Staatssicherheit ab, Gregor Gysi wird Ministerratsvorsitzender, nur mit Sahra Wagenknechts politischer Karriere will es nicht so recht klappen, aber dafür reüssiert sie als Schauspielerin. Die "neue" DDR ist nicht gerade fortschrittlicher, aber moderner. Der Trabi-Nachfolger Phobos -in verschiedenen Modellen erhältlich - fährt mit Rapsöl. Das russische Satellitennavigationssystem Glonass ist schon eingeführt. Mobiltelefone heißen hier nicht Handys sondern "Minsk" - in verschiedenen Modellen erhältlich. Die BULETTA-Imbiss-Kette serviert den WartBurger TS + mittlere Club-Cola zum Sparpreis. Zwischen Alt und Neu wurschtelt sich die DDR so durch, hängt aber weiterhin am Subventionstropf der BRD. Dort regiert zum Glück ein ihr wohlgesonnener Bundeskanzler namens Lafontaine.

DDR Ende Oktober 2011, nahe Berlin. Im Sperrgebiet entlang der Interzonen-Gaspipeline am Müggelsee wird die Leiche eines älteren Mannes entdeckt. Aufgehängt an einem Strick mit achtfachem Galgenknoten, die Schnürsenkel der Schuhe zusammengebunden.

 

"Das sieht ganz nach Stasi aus. So hat die Staatssicherheit früher ihre eigenen Leute liquidiert."

 

denkt Martin Wegener, Hauptmann der Volkspolizei, Kommissariat Köpenick, der die Ermittlungen koordinieren muss. Wie sich schnell herausstellt, handelt es sich bei dem Toten um Professor Albert Hoffmann, ein ehemaliger Politikwissenschaftler an der Uni Heidelberg, der Anfang der 1980er Jahre in die DDR überwechselte und während der Zeit der "Wiederbelebung" ein enger Berater Egon Krenz´ war. Ein politisch motivierter Mord mit möglicherweise Stasi-Hintergrund passt Martin Wegener nun überhaupt nicht in den Kram, sieht er schon all die Fallstricke, die auf ihn lauern. Zusätzliche Brisanz erhält der Fall, weil auch die BRD ein besonderes Interesse an seinem Ausgang äußert. Eine Täterschaft der Stasi würde die gerade stattfindenden innerdeutschen Konsultationen torpedieren. So reisen aus Pullach und West-Berlin zwei Sonderermittler an, die Wegeners Ermittlungen nicht nur unterstützen, sondern ihm auch auf die Finger schauen sollen. Um dem oder den Täter(n) auf die Spur zu kommen, gilt es, erstmal zu klären, warum Hoffmann überhaupt sterben musste. Das deutsch-deutsche Team verirrt sich zunehmend im Dickicht von Informanten, Denunzianten, Stasi-Seilschaften und der ominösen Brigade "Alexander Bürger". Selbst das Opfer hat mehr als eine Identität.

Martin Wegener ist der Erzähler und Held in Simon Urbans Persiflage auf den DDR- Staat. Dass Wegener ausgerechnet Volkspolizei-Hauptmann in Köpenick ist, kommt wohl nicht von ungefähr. Carl Zuckmayer benutzte die Figur des Hauptmannes von Köpenick in seiner gleichnamigen Tragikomödie indirekt, um den Militarismus in der Preußischen Gesellschaft bloßzulegen.

Eine ähnlich Aufgabe erfüllt auch Urbans Hauptmann Wegener. Der kleine Beamte ist zwar nur ein Rädchen im Getriebe des unüberschaubaren Überwachungsapparates, aber in dieser Funktion entlarvt er das Innenleben eines totalitären Staates mit all seinen Schikanen, seiner Willkür und seinen Repressionen. Wegener, von Natur aus ein Skeptiker, entwickelt sich zum großen "Misstrauer", wie er sich selbst nennt. Ein Schlüsselerlebnis war für ihn das unerklärliche Verschwinden Josef Früchtls, seines Mentors bei der Volkspolizei, mit dessen Geist er immer noch in regem Austausch steht. Dieser mahnt ihn beständig, vorsichtig zu sein. Was auch von Nöten ist, denn Wegener weiß bald nicht mehr, Freund von Feind zu unterscheiden.

Mit Plan D ist Simon Urban der ganz große Wurf geglückt. Nur selten gelingt es, eine spannende abwechslungsreiche Krimihandlung, einen originellen Plot und unbequeme Wahrheiten in ein humorvolles Ambiente zu packen und allen Komponenten gerecht zu werden. Es ist eine vergnügliche Lektüre, bei der es viel zu schmunzeln gibt, aber eben auch diese Situationen, in denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Urbans Beschreibung eines geheimen Stasi-Gefängnisses treibt den Irrsinn auf die Spitze. Wortreich und wortgewandt zelebriert er ein Labyrinth des Schreckens, in dem selbst die Stille zur Folter wird.

In Szenen wie diese kann Urban seine immense Ausdruckskraft entfalten.wobei er nicht nur das ganze Potenzial der deutschen Sprache ausschöpft, sondern diese auch mit eigenen Wortkreationen ergänzt, was nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Manchmal verliert sich Simon Urban leider in seiner Wortverliebtheit und als Leser wünscht man sich anstatt der vielen Kommas einen Punkt, aber das mag seinem Enthusiasmus für dieses Thema geschuldet und deshalb verzeihlich sein.

Plan D ist ein Roman, den man wegen seines Detailreichtums gerne noch ein zweites oder drittes Mal lesen wird. Der Kriminalfall rückt im Laufe des Geschehens zwar nicht in den Hintergrund, aber letztendlich ist es egal, wer den Professor umgebracht hat. Martin Wegener sucht einen Mörder und findet eine Ideologie, deren praktische Umsetzung zum Scheitern verurteilt ist, weil ...

 

"Wer die Vergangenheit nicht kennt,
ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen."
(George Santayana Widmung, dem Roman vorangestellt)

 

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