Abscheu

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Amsterdam: Anthos, 2008, Titel: 'Alles te verliezen', Seiten: 318, Originalsprache
  • München: btb, 2012, Seiten: 320, Übersetzt: Stefanie Schäfer

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Rita Dell'Agnese
Von der Vergangenheit eingeholt

Rezension von Rita Dell'Agnese Okt 2011

Die Mittdreißigerin Claire Van Santfoort hat alles, was man sich wünschen kann: Sie ist mit dem erfolgreichen Immobilienmakler Harald verheiratet, hat zwei bezaubernde Töchter und wohnt in einem idyllischen Haus. Die besten Voraussetzungen für die Niederländische Thrillerautorin, der vom Glück verwöhnten Claire einen Schlag zu versetzen. Denn unvermittelt bricht in die Idylle Marius ein. Der einstige Geliebte Claires hat seine mehrjährige Gefängnisstrafe abgesessen und sucht nun Kontakt. So sehr sich Claire auch dagegen sträubt, Marius weckt in ihr längst verborgene Gefühle. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es noch vor kurzem schien. Als Claire ihre eigene Todesanzeige in Händen hält, weiß sie, dass sie handeln muss. Koste es, was es wolle….

Mühelos nimmt Esther Verhoef die Klippen, die ihr Plot bereit hält. Die Idylle, in der Claire lebt, wird von der Autorin nach und nach als Fassade enttarnt, ohne dass das Bild als solches jedoch Schaden nehmen würde. Hier zeigt sich die Umsicht, mit der Esther Verhoef bei der Ausgestaltung ihrer Schauplätze vor sich geht. Im gleichen Masse, wie die Idylle Schlagseite bekommt, offenbart sich ein dunkles Geheimnis, mit dem Claire nun schon einige Jahre in scheinbarer Sicherheit lebt. Immer stärker verstrickt sich die Protagonistin in ein Netz von Lüge und Betrug. Die obsessive Liebe zum undurchsichtigen Marius ist hier nur ein folgerichtiger Schritt. Esther Verhoef scheint Seelenverwandte Claires zu sein: Sie fühlt sich optimal in die Situation der jungen Mutter ein und lässt sie auf eine Weise handeln, die der Realität wohl sehr nahe kommt.

Stärker als noch in ihren vorherigen Thrillern baut Esther Verhoef in Abscheu auf den psychologischen Aspekt. Der Verzicht auf blutbespritzte Leichen heißt aber nicht, Verzicht auf Spannung. Die hintergründige Angst, die sich langsam in Claire breit macht, lässt auch die Leser nicht ungerührt. Dies ist wohl auch das Ergebnis einer gewagten Gratwanderung der Autorin: Sie lässt die Leser durch die Erzählform aber auch durch den Aufbau des Thrillers an sich sehr nahe an die Geschichte heran kommen. Problemlos lässt sich in die eine oder andere Rolle schlüpfen. Dadurch bekommt das Handeln der einzelnen Personen immer größeres Gewicht. Und just in dem Moment, in dem der Spannungsbogen seinen Höhepunkt erreicht zu haben scheint und die Geschichte droht, in einen vor sich hin dümpelnden Sumpf zu geraten, wechselt Esther Verhoef die Perspektive und das Tempo. Schon zuvor sind immer wieder Passagen eingestreut, in denen die Autorin der eigentlichen Protagonistin Claire das Wort entzieht und für einen Moment deren Ehemann Harald in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Es ist aber weniger dieser Perspektivenwechsel, der für neue Spannung sorgt. Vielmehr bewegt sich die Protagonistin unvermittelt auf einer ganz anderen Ebene und offenbart eine Seite, die man bei der verwöhnten Frau niemals vermutet hätte. Hier macht die Autorin den Lesern klar, wie einfach es gewesen ist, sie zu blenden und in die Irre laufen zu lassen.

Esther Verhoef hätte einen spannenderen Thriller als Abscheu schreiben können. Tatsächlich kommt der Thriller streckenweise etwas handzahm daher. Aber die Autorin hat in diesem Roman weniger auf Hochspannung gesetzt als auf einen langsamen und geschickten Aufbau und eine gleichermaßen überraschende wie überzeugende Auflösung. Und damit hat sie gut getan. Denn das feine Gespinst von Geheimnissen, das sie wie ein Netz über die Ereignisse legt, tut seines dazu, mit den handelnden Figuren mitzufühlen und sich selbst als Teil des unheilvollen Geschehens zu sehen.

Wer also einen stilleren, fein ausgearbeiteten und gut zusammengesetzten Thriller sucht, wird bei Abscheu auf seine Rechnung kommen. Jene aber, die bei einem Thriller eher auf Action setzen und sich eine temporeiche Geschichte mit einigen auch mal brutaleren Szenen wünschen, werden mit diesem Thriller weniger glücklich. Dafür hat Esther Verhoef die Priorität zu stark auf den schleichenden Prozess gelegt, den das erneute Auftauchen Marius in Claires Leben in Gang gesetzt hat.

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