XY

  • Klett-Cotta
  • Erschienen: Januar 2011
  • Rom: Fandango, 2010, Titel: 'XY', Seiten: 394, Originalsprache
  • Stuttgart: Klett-Cotta, 2011, Seiten: 380, Übersetzt: Michael von Killisch-Horn
XY
XY
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Jochen König
55°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2011

Suche Krimi, biete Mysterium

XY endet an einem Küchentisch. Zwei Personen sitzen sich nachts gegenüber und räsonieren darüber, was hinter der unglaublichen Bluttat stecken könnte, mit der alles begann. Genaugenommen ist dies noch nicht das Ende. Jedenfalls nicht ganz. Denn abschließend wird eine völlig unbedeutende Person zum unfreiwilligen Helden, und eine Frau fährt nach jahrelanger Abstinenz Ski. Ohne Punkt und Komma.

Eigentlich sollte man meinen, dass sich ALLES darum dreht, was genau geschehen ist. An jenem Wintertag, als elf Menschen auf dem Weg in das kleine Bergdorf San Giuda zu Tode kamen. Zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und doch jeder auf andere Art und Weise. Enthauptung, Mehrfachvergewaltigung, tödliche Folter, Krebs, Ersticken an einem Brotkrumen, Überdosis Heroin und Haiangriff gehören zu den mehr und weniger spektakulären Todesarten. Ein wegweisender Baum verfärbt sich blutrot. Ein kleines Dorf ist entsetzt und erstarrt wie die eiskalte Gebirgslandschaft, die es umgibt. Don Ermete, der örtliche Pfarrer und einer der beiden Erzähler, sieht seinen Glauben geprüft und seine Mission, den ungeliebten Schutzheiligen San Giudas, Judas Thaddäus (nicht zu verwechseln mit Judas Ischariot, dem Verräter), den "Schutzpatron der Enterbten und hoffnungslosen Fälle", der Bevölkerung nahe zu bringen, zum Scheitern verurteilt. Denn die Bewohner des abgeschotteten und von der Welt nahezu vergessenen Ortes, wenden sich von der Kirche ab. Zumindest zeitweise.

Derweil kämpft die Psychiaterin Giovanna Gassion mit einer Narbe, die nach fünfzehn Jahren ohne ersichtlichen Grund wieder aufbricht, gegen ihren stalkenden Ex-Lover Alberto und in endlosen Telefonaten um die Zuneigung und das Verständnis ihrer Mutter. Giovanna ist die zweite Erzählstimme des Romans. Und sie redet viel. Ohne Unterlass. Im Präsens, während der etwas besonnenere Don Ermete seinen Teil der Geschichte im Präteritum erzählen darf.

Wer jetzt denkt, dass der grauenhafte Massentod, ein -mord ist es ja nur bedingt, und eine mögliche Eruierung seiner Ursache im Mittelpunkt der Erzählung stehen, der irrt. Er findet zwar immer mal wieder Erwähnung, als unfassbares und unerklärliches Phänomen, doch auf den ersten 200 Seiten verblasst der grausame Vorfall gegenüber den Befindlichkeiten, in die sich unsere beiden Hauptpersonen verstrickt sehen. Während Don Ermetes Glaubens- und Lebenskrise zumindest am Rand das einschneidende  Ereignis streift, ist Giovanna fast ausschließlich auf sich selbst fixiert. Sie lamentiert ihr Leben zugrunde, orientiert sich an Menschen, die sie eigentlich verlassen will (Alberto) oder die ihr die Luft zum Atmen nehmen und sie von einer prekären Situation in die nächste schicken (ihre Mutter). Das passende Beispiel für Karl Kraus´ kleinen Aphorismus: "Ein guter Psycholog ist imstande, dich ohneweiteres in seine Lage zu versetzen."

Von Don Ermete erfährt der Leser wenigstens etwas über die Einwohner San Giudas und ihre Reaktion auf das existentielle Grauen. Er wird auch zum Führer in die Vertuschungsmethoden der Behörden. Alle Leichen werden post mortem enthauptet und das Ganze als feiger terroristischer Akt dargestellt. Mit den absurden Erklärungsversuchen der stattlichen Apparate und den Reaktionen der Bevölkerung darauf – inklusive der Menschen, die leibhaftig am Ort des Geschehens waren – gelingt Veronesi ein scharfer Kommentar zu jener unglückseligen Mischung aus verordneter und selbst gewählter Unmündigkeit, in die sich die Menschheit, nicht erst seit dem elften September 2001, nur allzu gerne flüchtet. Leider spielt dieser Handlungsstrang nur peripher eine Rolle. Und wer es bislang noch nicht ahnte: Ermittlungen finden überhaupt nicht statt.

Giovanna hingegen verlässt ihren Platz eines um sich selbst kreisenden Sterns erst in der Mitte des Romans, als sie der Gast Don Ermetes wird – was die stärkste Passage des ganzen Buches nach sich zieht. Die gut zwei Seiten dauert…

Bis dahin haben wir mehr über die junge Psychiaterin erfahren als wir je wollten, und auch die nachfolgenden Erkenntnisse sind nicht dazu angetan, ein Aha-Erlebnis zu verursachen.

Man erkennt auf fast jeder Seite das krude Planspiel, bei dem Theologie und Psychologie zum groß angelegten Kampf antreten. Es wimmelt nur so von Verweisen, Doppeldeutigkeiten und Anspielungen in jede nur mögliche Richtung – wer zu viel Zeit hat, kann mit der Entschlüsselung all der kleinen und großen Rätsel, die XY enthält, seinen Lebensabend verbringen. Naja, zumindest einen verregneten Toskana-Urlaub.

Doch welche Erkenntnis bleibt tatsächlich am Schluss? Was erfahren wir mehr, als dass wir ein Buch gelesen haben, das zu keinem Zeitpunkt spannend war, bestenfalls zwischen Faszination und Ödnis angesichts enervierender Geschwätzigkeit schwankte? Dem man gutwillig Anerkennung für die Anhäufung und Anwendung angelesenen Wissens und die eigenwillige Umsetzung desselben spendiert.

Da bleibt kaum etwas, dass "Twin Peaks" nicht schon vor über zwanzig Jahren wusste und wesentlich mitreißender, einprägsamer, nachhaltiger und – natürlich! – unterhaltsamer thematisierte. Das Böse manifestiert sich zu bestimmter Zeit an verschiedenen Orten und beeinflusst alles, was mit ihm in Berührung kommt. Also die gesamte Menschheit. Ob es jetzt die schwarze Hütte ist, die weiße oder jene Wegkreuzung in den verschneiten Alpen, ist dabei völlig egal. Jeder muss selbst entscheiden, ob die Manifestation des ultimativen Grauens das Wirken Satans ist, das des kollektiven schlechten Gewissens der Menschheit oder das eines Gottes, der mit diesem Gegenteil von allem, für das er steht, erst seine Notwendigkeit bewusst macht. Vielleicht ist es auch nur ein dummer Zufall. Ein Unglück. Wie so viele andere.

XY liefert natürlich keine Antwort(en). Die soll sich der Leser schon selbst suchen. Eigentlich eine gute, fast wagemutige Idee. Wenn nur die Umsetzung nicht so penetrant, geschwätzig, zäh und im Hang zur vielfältigen Wiederholung ziemlich einfältig wäre. Gelegentliche kluge Ausbrüche und poetische Höhenflüge exklusive.

 

Hier lebt man in einem Bergdorf, dachte ich, während man in San Giuda geradezu im Wesen des Gebirges lebte. Das war ein gewaltiger Unterschied.

 

Böse Zungen mutmaßen indes, XY sei eine hinterhältige Falle. Denn es lockt den gemeinen Thriller-Liebhaber mit einem außergewöhnlich grausamen Blutbad aus seinem geschmacklich immer verschieden und doch so gleichförmig eingerichteten Heim, um ihn dann hinterrücks zu meucheln. Mit etwas, das er nie erwartet hätte: Überhaupt kein Thrill. Nichts. Null. Nirgends.

Gebt XY gern eine Chance. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

XY

, Klett-Cotta

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