Homicide

  • Kunstmann
  • Erschienen: Januar 2011
  • Boston: Houghton Mifflin, 1991, Titel: 'Homicide. A year on the killing streets', Seiten: 599, Originalsprache
  • München: Kunstmann, 2011, Seiten: 828, Übersetzt: Gabriele Gockel, Barbara Steckhan & Thomas Wollermann
Homicide
Homicide
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Jochen König
87°

Krimi-Couch Rezension von Jochen König Sep 2011

It's Baltimore, hon ... duck!

Baltimore, 1988. 234 Menschen sterben eines gewaltsamen Todes. Die Zahl wird in den nächsten Jahren die 300er Grenze überschreiten.

Ein Jahr auf mörderischen Straßen lautet nicht umsonst der Untertitel von David Simons "True Crime-Klassiker" Homicide. Von Januar bis Dezember folgte Simon, eigentlich Reporter der "Baltimore Sun", den Polizisten der Mordkommission auf Schritt und Tritt, begleitete sie bei ihren Ermittlungen, lauschte ihren Gesprächen, war Ohrenzeuge bei Verhören und betrank sich mit ihnen. Herausgekommen ist nicht nur eine 800-Seiten starke literarische Reportage, sondern auch die Grundlage für (mindestens) zwei Fernsehserien. "Homicide" (1993-99), direkt nach der literarischen Vorlage benannt, und das von 2002 bis 2008 produzierte "The Wire"; das als eine der innovativsten Polizeiserien aller Zeiten gilt, und – wie sollte es anders sein – im Land von "Derrick" und dem "Großstadtrevier" nahezu unbemerkt im Spartenbereich eines Bezahlsenders landete, aber auch im Free-TV vermutlich nur auf den Verschiebebahnhöfen diverser Sender eine unrühmliche Auswertung gefunden hätte. Merke: "Qualität setzt sich durch" ist ein Slogan von Männern und Frauen in grauen Anzügen, die dir den letzten Scheiß verkaufen wollen. Eine schamlose Lüge.

Ein missbrauchtes und anschließend umgebrachtes elfjähriges Mädchen in einem schäbigen Hinterhof. Kein Horatio Caine in der Nähe, der bedeutungsschwanger die Sonnenbrille abnimmt und den trauernden Eltern schwört: "Ich werde den Kerl finden, der das getan hat". Stattdessen eine Gruppe akribisch arbeitender Männer von ganz unterschiedlichen Talenten. Simon macht keinen Hehl daraus, dass die jeweiligen Einsatzteams keine Ansammlung von Superdetektiven sind, obwohl das Morddezernat höchstes Ansehen in Polizeikreisen sowie eine ordentliche Aufklärungsrate besitzt – noch. Da gibt es Talente, minderbegabte Beamte, harte Hunde mit Spürnase, Intellektuelle und Deppen. Aber in der Gesamtheit Männer – und nur wenige Frauen -, die in ihrem unterbezahlten Job aufgehen und tief involviert sind in die Fälle, die sie bearbeiten. Wie den der jungen Latonya Wallace, der Simons Buch genau jene Unterfütterung gibt, die Größe und Scheitern zusammenbringt. Denn im Gegensatz zu Fernsehserien und den meisten Kriminalromanen, werden bei weitem nicht alle Morde aufgeklärt. Selbst solche nicht, die als "Red Balls" klassifiziert sind; Tötungsdelikte, denen ein besonderes Augenmerk gilt. Und im Falle Latonyas sogar einen höchst verdächtigen möglichen Täter besitzen.

Homicide ist eine Reise ins dunkle Herz Amerikas, das so gar nichts Mystisches oder gar Mysteriöses an sich hat. Den Verlust sämtlicher sozialer Kompetenzen und Regularien beschreibt fast jede Seite. Wenn die Ermittler durch Müllhalden streifen, die menschliche Behausungen darstellen sollen; in denen Babys von ihren eigenen, gebrauchten Windeln begraben werden können, Armut, Drogen und Kriminalität den Tagesablauf bestimmen. Nur selten Lichtblicke, wie ein Junge, der inmitten des Chaos einer Hausdurchsuchung versucht seine Hausaufgaben zu erledigen.

David Simon beschreibt das Überleben auf Schlachtfeldern, die bei einem Krieg namens Alltag entstehen. Hier braucht es keine überdimensionierten Serienkiller mit brillantem Verstand, um den wahren Schrecken zu erzeugen. Ein Blick in die Nachbarschaft genügt. Die Ermittler der Mordkommission bekommen dieses zweifelhafte Vergnügen Tag für Tag geboten.

Simon widmet ihnen dabei durchaus kritische Blicke, schert nicht alle über einen Kamm, begegnet jedem Einzelnen mit Respekt und Sympathie und genauer Beobachtungsgabe für kleine Schwächen, Macken und Eigenheiten. Er verherrlicht die Polizisten nicht, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass die tagtägliche Arbeit mit ihnen, das Zusammensein überhaupt, natürlich Einfluss auf seine Beschreibung der Beamten genommen hat.

So ist Homicide als Reportage und spannender Bericht über jene Kriminalität, die von Romanen allzu oft verwässert wird, ein grandioses Werk geworden. Was ihm fehlt, ist etwas, dass Simon vermutlich gar nicht angestrebt hat. Nämlich, dass der Wahnsinn, der auf den Straßen herrscht, die eigenen Reihen längst infiltriert hat. Etwas, dass der ehemalige Polizist Joseph Wambaugh in seinen frühen Romanen, die keine Rücksicht auf reale Biographien nehmen mussten, wortgewaltig umgesetzt hat. Eine Figur wie der "schreckliche Tscheche", dessen "Herzmassage" bei einem verwundeten Kriminellen, den schnellen Tod desselben wissentlich herbeiführte, fehlt logischerweise bei Simon.

Doch auch wenn Homicide nicht an Wambaughs literarische Innenansichten einer aus den Fugen geratenen Welt, heranreicht, ist David Simons hochprofessionelle und trotzdem emotionale Schilderung des urbanen Lebens, das von Gewalt und Kriminalität unterwandert und geprägt ist, was natürlich großtönende Vertreter aus Politik, Kultur und Industrie jederzeit abstreiten würden, ein in jeder Hinsicht großformatiges Werk.

Alleine das Nachwort, das nicht nur den Niedergang eines kritischen Journalismus, sondern auch funktioneller Polizeistrukturen, in wenigen Worten klar und unverblümt beschreibt, lässt erschüttert zurück.

Dass nach der Lektüre von Homicide all die schreibenden und filmenden Großverdiener, die ihre Leserschaft und Zuschauer an blutbesudelten Abstrusitäten jeglicher Art mit Wonne teilhaben lassen, aussehen wie blasse Streber und Eckensteher zugleich, ist ein Effekt, der nicht auszuschließen ist.

Was zu Terry McLarneys, Lieutenant des Morddezernats, und eine der vielen Protagonisten des Buchs, klugem und traurigen Schlusswort aus dem Jahr 2006 ganz gut passt:

 

In den letzten fünfzehn Jahren hat sich unsere Arbeit in mancher Hinsicht verändert. Der sogenannte CSI-Effekt, also die Auswirkung der Darstellung der Ermittlungsarbeit in Krimis und Serien auf das öffentliche Bild von der Polizeiarbeit, hat die Erwartungen von Geschworenen und Richtern in unzumutbare Höhen getrieben und ist überall zum Fluch der Staatsanwälte geworden. Die Einschüchterung von Zeugen hat zugenommen, und die Kooperationsbereitschaft der Bürger ist zurückgegangen, was nicht überrascht. Gangs haben Baltimore für sich entdeckt. Das Drogenproblem ist keineswegs geringer geworden. Es gibt weniger Dunker [klare, schnell gelöste Fälle]und mehr Whodunits [das Gegenteil]. […] Doch unterm Strich sind solche Veränderungen von geringer Bedeutung, und die Arbeit eines Detectives ist im Großen und Ganzen immer noch genau so, wie David Simon sie geschildert hat. Sie ist bestimmt von Tatorten, Befragungen und Verhören vor dem Hintergrund menschlicher Schwächen.
Und so wird es immer sein.

 

Homicide

David Simon, Kunstmann

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