Der Richter

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • München: Heyne, 2002, Seiten: 5, Übersetzt: Charles Brauer, Bemerkung: gekürzt
  • München: Heyne, 2003, Seiten: 413
  • Köln: Random House Audio, 2005, Seiten: 5, Übersetzt: Charles Brauer, Bemerkung: gekürzt
  • München: Heyne, 2009, Seiten: 413

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Peter Kümmel
Nur eine leichte Steigerung gegenüber Grishams Tiefpunkt

Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Grisham - das war für mich bis vor fünf Jahren ein Begriff, den ich mit Hochspannung, Qualität und langen Lesenächten assoziierte. Spätestens mit Das Testament hatte sich der Autor so langsam in die Mittelmäßigkeit geschrieben. Im nächsten Jahr erschien dann Die Bruderschaft. Dem Buch konnte man dann nicht mal mehr Mittelmäßigkeit zugestehen. Was macht man also nach diesen Enttäuschungen, wenn man einen neuen Roman des Autors in die Hände kriegt? Erst mal was anderes lesen? Natürlich nicht. Sofort lesen und hoffen, dass sich Grisham endlich mal wieder drauf besonnen hat, so zu schreiben, wie er es kann.

Verraten kann ich an dieser Stelle noch nichts über meine Meinung zu "Der Richter", denn ich habe es, als ich diese Zeilen schreibe, noch nicht gelesen. Dies ist sozusagen eine Online-Rezension, die stückweise während des Lesens ergänzt wird. Ich gehe ganz unvoreingenommen an den Roman heran, habe noch keine Kritiken darüber gelesen und gerade erst den Klappentext angeschaut.

Des Richters Wort gilt im Gericht wie im Privatleben

"The Summons" heißt der Roman im Original - Die Vorladung. Das hätte genau ins Konzept der deutschen Verlage gepasst. Warum der deutsche Titel in "Der Richter" geändert wurde, ist mir unverständlich.

Eine "Vorladung" erhalten die beiden Brüder Ray und Forrest Atlee von ihrem Vater, dem ehemaligen Richter Reuben Atlee. Fast 80 Jahre alt und todkrank bleibt er doch immer das, was er sein ganzes Leben lang gewesen war: der Herrscher der Familie. Sein Wort gilt im Gericht wie auch im Privatleben. "Trefft bitte entsprechende Vorkehrungen, am Sonntag um 17.00 Uhr in meinem Arbeitszimmer zu erscheinen, damit ich mit Euch über mein Erbe reden kann." Ein Termin wird festgesetzt und die anderen haben sich danach zu richten.

Schon frühzeitig haben die beiden Söhne des alten Richters gemerkt, dass sie dieses Leben unter dem Vorsitz des alten Herrn nicht weiter führen wollen. Eine Anwaltskanzlei wollte der Richter zusammen mit seinen Söhnen eröffnen, doch Ray verlies Mississippi und wurde Jura-Professor. Sein Bruder Forrest verfiel schon früh dem Alkohol und anderen Drogen und schlug sich so gut es ging durchs Leben. Der Vater finanzierte einige Entziehungskuren, doch war der Erfolg immer nur von kurzer Dauer.

Ein gemächlicher Einstieg

Grisham lässt sich viel Zeit mit der Einführung. Über die ersten Kapitel, jeweils gut 10 Seiten lang, bleibt der Leser an der Seite von Ray Atlee und lernt dessen Leben sehr gut kennen. Den frühen Tod der Mutter; den Vater, der über sein Leben bestimmte, bis er sich davon lossagte; seine gescheiterte Ehe, die kinderlos blieb und wie schwer er es nur verabeiten konnte, dass sie ihn wegen eines reichen älteren Mannes verlies. Erst sein neues Hobby, die Fliegerei, half ihm über diese schwere Zeit hinweg.

Anders als in seinem vorigen Roman behält der Autor einen klaren Handlungsstrang bei und lässt die handelnden Personen lebendig wirken, obwohl der Leser ständig den gleichen Akteur begleitet. Anders als viele andere Grisham-Romane wirkt "Der Richter" in seinen Anfängen eher ruhig statt hektisch. Grisham lässt sich genauso viel Zeit wie sein Protagonist Ray, der zwei Tage braucht, um in seinem Audi TT in seine Heimatstadt Clanton zu fahren, wo er seinen Vater tot auf dem Sofa liegend vorfindet.

Eine wahre Seitenschinderei betreibt der Verlag. Nur durch große Schrift, einen breiten Rand und dadurch, dass alle Kapitel auf einer ungeraden Seite anfangen und deshalb oft 1 1/2 freie Seiten am Kapitelende entstehen, wird das Buch auf 413 Seiten aufgebläht.

Nachdem Ray den ersten Schock verdaut hat, sieht er sich zunächst mal im Haus um. Das Testament seines Vaters liegt frisch geschrieben auf dem Schreibtisch. Es birgt keine Überraschungen: Das gesamte Vermögen, was aus dem ziemlich heruntergekommenen Haus sowie 6000 Dollar auf der Bank zu bestehen scheint, soll gleichmäßig unter den beiden Söhnen aufgeteilt werden. Ray selber soll als Testamentsverwalter fungieren.

Ein gutes Erbe: Kartons voller 100-Dollar-Scheine

Das ganze Haus ist vollgestellt mit Kisten. Die meisten davon beinhalten alte Schriftstücke. Doch in einem Schrank macht Ray dann eine Entdeckung. Ein Karton ohne Deckel ist voll mit 100-Dollar-Scheinen. Und auch die weiteren Kartons in diesem Schrank sind voll mit Geld. Insgesamt über 27 Kartons. Ray zählt die Bündel eines Kartons und kommt überschlagsmäßig auf eine Summe von über 2 Millionen Dollar. Soviel hat sein Vater in seinem ganzen Leben nicht verdient. Woher kann das Geld stammen? Ist es überhaupt echt? Wer kann noch davon wissen?

Verwirrt von den vielen Fragen, die auf ihn einstürzen, beschließt er, das Geheimnis zunächst für sich zu behalten und in Ruhe darüber nachzudenken, wie er weiter vorgehen soll.

Über ein Drittel des Buches ist gelesen und man weiß endlich, worum es geht. Das ist aber auch so ziemlich alles. Die Handlung plätschert so vor sich hin, es ist noch kein Schwung in der Geschichte und Spannung kommt erst recht keine auf.

3,1 Millionen Dollar sind es nach seiner Zählung, die der gute Ray zu verbergen versucht. Aus den Kartons in Müllsäcke in den nicht allzu großen Kofferraum seines Audi TT verladen und zu seiner Wohnung nach Virginia verfrachtet. Dort keinen Parkplatz gefunden und nachts tütenweise von einem entfernten Parkhaus zu seiner Wohnung geschleppt. Dann ein Lager angemietet und das Geld dorthin verfrachtet. Zu unsicher, weiteren Lagerraum im gleichen Gebäude unter fremdem Namen angemietet. Noch einen dritten Lagerraum angemietet. Schließlich wieder das Geld zurück in die Wohnung gebracht.

Immer das gleiche mit Grisham

Nicht gerade sehr phantasievoll, wie Grisham seine Leser bei Laune zu halten versucht. Das Schema ist altbekannt. So liefen auch Grishams gute Romane ab. Um Geld geht es oft, selten aber um richtige Scheine. Meist werden die Dollars von einem Konto auf Barbados nach den Cayman-Islands oder sonstwohin hin und her transferiert. Hier werden mal ausnahmsweise Tüten geschleppt. Mal ein Jurastudent, mal ein kleiner Anwalt, diesmal ein Jura-Professor, der ohne sein Zutun in Schwierigkeiten gerät und sich immer mehr darin verwickelt und schließlich irgenwie wieder aus dem ganzen Schlamassel befreit werden muß.

Doch soweit sind wir hier noch lange nicht. Ray bekommt einen anonymen Brief, er solle aufpassen, dass die Steuerbehörde nichts erfährt. Jemand weiß also, dass er das Geld hat. Seine Ermittlungen in Richtung Spielbank oder Börse verlaufen ergebnislos. Auch aus Schmiergeldern kann die Riesensumme nicht stammen.

Ray wird durch weitere anonyme Hinweise in Angst und Schrecken versetzt. Jemand ist ihm auf der Spur und verfolgt jeden Schritt, den er macht.

Einige Fehler fallen mir auf, die vermutlich dem Übersetzer oder dem Verlag anzukreiden sind: Zunächst ist die Rede von einem Prozess im Jahr 1999, dann sucht Ray mittels Computer nach Unterlagen und findet einen Eintrag über diesen Prozeß im Jahr 1994. In einem anderen Abschnitt schlief er bis 11.45 Uhr, dann fuhr er ein Stück mit dem Auto und erhielt um Viertel nach elf einen Anruf.

Erst sehr spät wird das Buch interessanter. Das Verhalten des Protagonisten angesichts der Einschüchterungsversuche wirkt entgegen manch älterem Grisham-Roman, in denen die Hauptperson doch etwas heldenhafter wirkt, sehr glaubhaft dargestellt. Versöhnen kann die Auflösung mit der über lange Strecken faden Handlung nicht, doch veranlasste mich der Schluß dazu, die Bewertung auf über 40 Grad zu erhöhen, auch deshalb, um die geringe Steigerung Grishams gegenüber seinem Tiefpunkt "Die Bruderschaft" kenntlich zu machen. Mag manch einer den Schluß als vorhersehbar bezeichnen, für mich war er es in dieser Art und Weise nicht. "Der Richter" ist ein Buch mit sehr wenig handelnden Personen, da kann man aufgrund der geringen Möglichkeiten vieles vorhersehen, doch fand ich den Schluß als den gelungensten Abschnitt des ganzen Buches.

Wieviel Geld passt in den Kofferraum eines Audi TT?

Was bleibt als Schlußfazit? Zum einen: Grisham scheint so langsam aber sicher der Stoff auszugehen. Auch die Titelauswahl wird sich mit jedem neuen Werk zunehmend schwieriger gestalten. Ein paar Vorschläge hätte ich noch: Der Anwalt, Die Kanzlei, Das Verfahren, Der Erbe. Es werden noch Wetten angenommen. Ich setze für den nächsten Grisham auf den Titel "Der Zeuge".

Zum zweiten: Auch wenn man nicht lange über den moralischen Fingerzeig, dass Geld den Charakter verdirbt, nachdenken mag, könnte einen doch die Vorstellung beschäftigen, wieviel Geld denn in den Kofferraum des eigenen Autos passen würde. Davon ausgehend, dass Ray in seinen Audi TT 3,1 Millionen Dollar in Hunderterscheinen verstauen kann, könnte ich sogar 6,4 Millionen Dollar unterbringen. (Wer selber rechnen will: Der Kofferrauminhalt eines TT, ich unterstelle mal, dass es kein Quattro war, beträgt 220 Liter)

Zum dritten: wenn ich wieder einen neuen Grisham entdecke, werde ich ich ihn trotzdem lesen.

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