Edgar Wallace

»Hallo, hier spricht Edgar Wallace.«

Dieser Spruch aus den Kinofilmen der 60er und 70er ist mittlerweile genauso Kult wie der Schriftsteller, der zu den erfolgreichsten englischsprachigen seiner Zunft gezählt werden kann. Seine Romane wurden in 44 Sprachen verfasst, insgesamt über 100 Million mal verkauft.

Geboren wurde Edgar Wallace am 1. April 1875 als unehelicher Sohn eines Schauspielers unter dem Namen Richard Horatio, später dann von dem Lastmann Georg Freeman adoptiert. Wallace wuchs in armen Verhältnissen auf, blieb ohne Schulabschluss und hielt sich mit Gelegenheitsjobs wie Milchhändler, Maurergehilfe oder Zeitungsverkäufer über Wasser. Schließlich begann er selbst kleine Artikel für die Zeitung zu schreiben.

»Die vier Gerechten« – das Debüt einer beispiellosen Karriere

Cover der englischsprachigen Ausgabe von Die vier Gerechten (The four just men)

Mit Erfolg: Wallace arbeitete sich hoch bis zum Chefredakteur, war Korrespondent im Burenkrieg in Südafrika. Zurück in London lebte er als freier Schriftsteller und schrieb Sachbücher, Lyrik und Theaterstücke. Zu dieser Zeit versuchte er sich auch erstmals an der Kriminalliteratur. 1904 schließlich sein erster Krimi (»Die vier Gerechten«) – das Debüt einer beispiellosen Karriere.

Edgar Wallace verfasste in seiner ein Vierteljahrhundert währenden Schriftstellerlaufbahn 175 Romane, 24 Theaterstücke; eine Flut von Kurzgeschichten, Essays, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, Drehbüchern etc. sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Edgar Wallace war also das britische Pendant zum »Jerry Cotton«-Groschenheft- Zeilenschinder späterer Jahre. Das ist eine provokante These, die sich allerdings allzu leicht belegen lässt. Der typische Wallace-Krimi entstand nach dem Baukasten-Prinzip. Drei, vier thematische Grundkonstellationen und einige wenige Knallchargen (zu den oben erwähnten Figuren gesellen sich da der rasende Reporter, der kauzige Adlige, der treuherzige Kleinkriminelle usw.) müssen ausreichen, knapp 200 Seiten zu füllen: Wallace hatte weder die Geduld noch vor allem die Zeit, sein zweifellos vorhandenes erzählerisches Talent zu entfalten.

Seine zahllosen Gläubiger stets dicht auf den Fersen, diktierte er seine Bücher quasi direkt in die Druckerpresse. Kein Wunder, dass er auch ungewöhnliche Methoden der Arbeitsrationalisierung ausprobierte und seine Geschichten nicht mehr aufschrieb, sondern einem neuen technischen Wundergerät namens »Phonograph« erzählte und anschließend abtippen ließ. Da Wallace zudem auf sehr großem Fuß lebte und Zeit seines Lebens die Gläubiger der Gegenwart mit den Honoraren der Zukunft zufriedenstellte, war er gezwungen, sein mörderisches Arbeitspensum durchzuhalten.

Der Reiz rasanter Trivialliteratur

Film-Plakat: Der Frosch mit der Maske Trotzdem muss er lange Zeit einen Nerv berührt haben, auch wenn es heute schwer fällt zu entscheiden, welcher dies gewesen sein könnte. Ursprünglich muss es wohl der Reiz gewesen sein, den rasante Trivialliteratur durchaus ausstrahlen kann. Hinzu kam die pure Quantität der einschlägigen Titel: Wallace warf einen Thriller nach dem anderen auf den Buchmarkt. Dort kam man gar nicht umhin, diese Titel zur Kenntnis zu nehmen.

Im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit war es dann die Werbung, die erfolgreich »spannende Krimis mit Niveau« ankündigte. Man macht sich heute keine Vorstellung mehr davon, wie dreist sich profitorientierte Verlage vor ihr Publikum hinstellen und ihm Qualität suggerieren konnten; es wurde geglaubt, so wie man tausend und zwölf Jahre vieles geglaubt hatte. Wer weiß denn heute noch, dass sich Goldmann z. B. offen damit brüstete, dem »harten« Thriller à la Raymond Chandler oder Dashiell Hammett kein Forum zu bieten, weil dieser gar zu deutlich die dunklen Seiten der zeitgenössischen Gesellschaft beleuchteten und einige soziale Sprengkraft besaßen.

Die naiven Krimis des Edgar Wallace waren dagegen ungefährlich in einem Land, das nicht nur in der Politik der Devise »Keine Experimente!« folgte; sie spielten in einem harm- und zeitlosen Märchenland, in dem Gut und Böse auf den ersten Blick zu erkennen waren, väterliche Polizei-Autorität für Zucht und Ordnung sorgte, die Frauen rein, die Männer hochherzig waren und der Schurke ganz sicher im Finale seine gerechte Strafe erhielt.

1931 wurde eines der berühmtesten Werke von Edgar Wallace, »Der Zinker«, als Tonfilm umgesetzt. Der 1959 gedrehte Film »Der Frosch mit der Maske« war der Anfang seines Durchbruchs auf deutschen Kinoleinwänden. Es gab einen wahren Edgar Wallace Boom, 72 Millionen Deutsche wollten die insgesamt 32 Wallace-Filme mit teutonischen Filmgrößen wie Klaus Kinski, Gerhard Fröbe, Joachim Fuchsberger oder Eddi Arent sehen.

Von der Zeit endgültig eingeholt

Dieselben Gründe, die einst Edgar Wallace die oberen Ränge der Bestseller-Listen garantierten, führten später allerdings zu seinem tiefen Fall. Auch in Deutschland, wo er ohnehin lange beliebter war als in seiner britischen Heimat, ist Wallace heute (noch) nicht vergessen, wurde aber von der Zeit endgültig eingeholt. Ein wenig erwachsener ist das lesende Publikum eben doch geworden. Sporadisch hält der Goldmann-Verlag seinem einstigen Goldesel die Treue und veröffentlicht die alten Titel als Billig-Ausgaben. Dabei wird voll auf den Nostalgie-Faktor gesetzt, und das ist wohl der richtige Weg, denn nur auf diese Weise lassen sich Geschichten wie der vom Hexer noch unterhaltsame Seiten abgewinnen.

Edgar Wallace verstarb hoch verschuldet und tief betrauert am 10. Februar 1932 in Hollywood, wo er gerade als Drehbuch-Autor erfolgreich Fuß zu fassen begann und u. a. am Script zum berühmten »King Kong«-Film von 1933 mitarbeitete. Sein Sarg reiste per Schiff zurück in die englische Heimat und wurde dort von seinen Fans mit der Anteilnahme, empfangen, die eines toten Königs würdig war. Nachdem Wallace sein Geld nun nicht mehr verprassen konnte, tilgten die Erben mit den weiterhin einlaufenden Tantiemen rasch alle Schulden und ein widmeten dem Meister fürderhin ihr ehrendes Angedenken …

Krimis von Edgar Wallace:

Commissioner Sanders Reihe:
Sanders vom Strom
(1911)
Sanders of the River
Die Eingeborenen vom Strom
(1912)
The People of the River
Der Diamantenfluss
(1913)
The River of Stars
Bosambo
(1924)
Bosambo of the Rivers
Sanders der Königsmacher
(1922)
Sandi the Kingmaker
Sanders
(1926)
Sanders
Am großen Strom
(1928)
Again Sanders
Die vier Gerechten Reihe:
Die vier Gerechten
(1905)
The Four Just Men
The Council of Justice
(1908)
Das Gesetz der Vier
(1921)
The Law of the Four Just Men
Lieutenant Bones Reihe
Lieutenant Bones
(1915)
Bones
Bones in London
(1921)
Bones in London
Bones vom Strom
(1923)
Bones of the River
Der Safe mit dem Rätselschloss / Der verteufelte Herr Engel
(1908)
Angel Esquire
Die vierte Plage
(1913)
The fourth Plague
Kerry kauft London
(1915)
The man who bought London
Die Melodie des Todes
(1915)
Melody of death
Die Schuld des Anderen
(1916)
A debt discharged
Die Drei von Cordoba / Die Drei von Cordova
(1917)
The just men of Cordova
Die gebogene Kerze
(1917)
The clue of the twisted candle
Das geheimnisvolle Haus
(1917)
The secret house
Der Derbysieger
(1918)
Down under Donavan
Käthe und ihre Zehn
(1919)
Kate plus ten
Der Mann, der alles wusste / Zwischen zwei Männern
(1919)
The man who knew
Der grüne Brand
(1919)
The green rust
Das Geheimnis der gelben Narzissen
(1920)
The daffodil mystery
Treffbube ist Trumpf / Die Todeskarte
(1920)
Jack o´judgement
Das Buch der Allmacht
(1921)
The book of all-power
Der Engel des Schreckens
(1922)
The angel of terror
Der rote Kreis
(1922)
The crimson circle
Richter Maxells Verbrechen
(1922)
Mr. Justice Maxell
A.S. der Unsichtbare
(1922)
The valley of ghosts
Die Seele des Anderen / Geheime Mächte
(1923)
Captains of souls
Das Geheimnis der Stecknadel
(1923)
The clue of the new pin
Der grüne Bogenschütze Rezension
(1923)
The green archer
Die unheimlichen Briefe / Die verschwundene Million
(1923)
The missing million
Die toten Augen von London
(1924)
The dark eyes of London
Der Doppelgänger
(1924)
Double dean
Das Gesicht im Dunkel
(1924)
The face in the night
Zimmer 13
(1924)
Room 13
Der Unheimliche
(1924)
The sinister man
Bei den drei Eichen
(1924)
The three oaks mystery
Die blaue Hand
(1925)
The Blue Hand
Töchter der Nacht
(1925)
The Daughters of the Night
Der Frosch mit der Maske
(1925)
The Fellowship of the Frog
Der Unhold / Der Neger Juma
(1925)
A King by Night
Die drei Gerechten
(1925)
The Three Just Men
Der Mann von Marokko
(1925)
The Man from Morocco
Die seltsame Gräfin
(1925)
The Strange Countess
Der sechste Sinn des Mr. Reeder (Stories)
(1925)
The mind of Mr. J. G. Reeder
Verdammte Konkurrenz
(1926)
Barbara on her own
Der Rächer
(1926)
The Avenger
Der schwarze Abt
(1926)
The Black Abbot
Der jüngste Tag
(1926)
The Day of Uniting
Die Tür mit den sieben Schlössern
(1926)
The Door with the Seven Locks
Der Joker
(1926)
The Joker
Die Millionengeschichte
(1926)
The Million Dollar Story
Nach Norden, Strolch!
(1926)
The Northing Tramp
Penelope von der Polyantha
(1926)
Penelope of the Polyantha
Der viereckige Smaragd
(1926)
The Square Emerald
Die Bande des Schreckens
(1926)
The Terrible People
Mary Ferrera spielt System
(1926)
We Shall See!
Die gelbe Schlange
(1926)
The Yellow Snake
Im Banne des Unheimlichen
(1926)
The Hand of Power
Louba, der Spieler
(1927)
Flat 2
Großfuß
(1927)
Big Foot
Gucumatz, der Allmächtige / Gucumatz / Gucumatz. Die gefiederte Schlange
(1927)
The Feathered Serpent
Der Banknotenfälscher
(1927)
The Forger
Der Mann, der seinen Namen änderte
(1927)
The man who was nobody
Der Hexer Rezension
(1927)
The Ringer
Der Zinker
(1927)
The squeaker
John Flack
(1927)
Terror keep
Das Verrätertor
(1927)
The traitor´s gate
Geheimagent Nummer Sechs
(1927)
Number six
Der Brigant (Stories)
(1927)
The brigand
Der Mixer / Der Preller (Stories)
(1927)
The mixer
Das Steckenpferd des alten Derrick
(1928)
The double
Der Dieb in der Nacht
(1928)
The thief in the night
Überfallkommando
(1928)
The flying squad
Ein gerissener Kerl
(1928)
The twister
Hands up!
(1928)
The Gunner
Der Redner
(1928)
The orator
Das silberne Dreieck
(1928)
Again the three just men
Der goldene Hades
(1929)
The golden hades
Die Abenteuerin
(1929)
Four square Jane
Das Gasthaus an der Themse
(1929)
The India-Rubber men
Der unheimliche Mönch
(1929)
The terror
Turfschwindel
(1929)
The green ribbon
Der Mann mit den zwei Gesichtern
(1929)
The Strange Lapses of Larry Loman
Mr. Reeder weiß Bescheid (Stories)
(1929)
Red aces
Der leuchtende Schlüssel
(1930)
The clue of the silver key
Die Gräfin von Ascot
(1930)
The lady of Ascot
Der Teufel von Tidal Basin
(1930)
White face
In den Tod geschickt
(1931)
On the spot
Feuer im Schloss
(1931)
The coat of arms
Der Teufelsmensch
(1931)
The Devil Man
Der Mann aus dem Carlton
(1931)
The Man at the Carlton
Gangster in London / Gangsters in London
(1932)
When the gangs came to London
Das indische Tuch
(1933)
The frightened lady
Lotterie des Todes
(1933)
The green pack

Dies stellt bei der Vielzahl der von Edgar Wallace veröffentlichen Romane keine komplette Bibliographie dar.

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